Räume, die Reichtum entwickeln, wo Einfachheit ist
Zwischen ökologischem Bauen und Konstruktionstechnik geht die Baukunst verloren. Anupama Kundoos naturnahe Häuser führen zurück zum Elementaren. Und doch stellt sich die Frage: Ist das Architektur?
Was Architektur tatsächlich ist, das ist im 20. Jahrhundert immer fraglicher geworden. Etymologisch leitet sich das Wort von Baumeister, griechisch architekton, her, was ursprünglich mit „oberster Holzarbeiter“ übersetzt wurde. Näher zum heute immer noch in Resten vorhandenen Verständnis des Wortes führt die griechisch-lateinische Wortwurzel „Tektonik“, zu Deutsch „Lehre von der Zusammenfügung von Bauteilen zu einem Gefüge“.
Noch präziser war der noch vor 100 Jahren gebräuchliche Begriff von „Architektur“, der dann gelten sollte, wenn das Gebäude „nach den Regeln der Baukunst gestaltet“ war. Nach dieser Definition gibt es heute Architektur überhaupt nicht mehr. Seit die Architekten im 20. Jahrhundert dazu übergegangen sind, auch das Verschrauben und Verkleben von Glasplatten und metallischem Gestänge als Architektur zu bezeichnen, kann man sich fragen, ob das Wort seinen Inhalt verloren hat.
Es ist die Frage, die niemand stellt. Wer freilich die Ausstellung des Architekturzentrums Wien über die indische Architektin Anupama Kundoo besucht, die mit ihrem Werk Grenzbereiche des Architektonischen ausmisst, kommt um sie nicht herum. Kundoo, 59 Jahre alt, geboren in Pune, wurde 2018 auf den Lehrstuhl Entwurf Tragwerk in Potsdam und 2024 auf den Lehrstuhl Architektur und Entwurfsmethoden an der TU Berlin berufen. Sie weitet den Begriff Architektur noch nach einer ganz anderen Seite aus: hin zum ökologischen Bauen, zum ressourcenschonenden Bauen, zum klimagerechten Bauen. Dafür bringt sie den reichen Erfahrungsschatz aus ihrer indischen Heimat mit.
Aber machen das nicht inzwischen alle, den Häusern Gebäudeenergiegehorsamkeit anzuerziehen? Anupama Kundoo macht es auf eigene Weise. Ihre Häuser sind Gestelle aus Holz und aus Lochblechen, luftig und nach den Seiten hin offen, durchlässig ummantelte Freiräume, durch die – wichtig speziell für die heißen Regionen – die Luft fließen kann. Also das Gegenteil von Ökohäusern? Jedenfalls das Gegenteil von gedämmten Häusern für Mitteleuropa.
Die Häuser sind frei von dem, was für unsereinen erst Wohnlichkeit ausmacht, frei von Möbeln, Bücherschränken, Nippes. Sie sind Exoten. Sie lassen sich selbst als ein Stück Natur lesen, so wie sie auch aus Materialien der jeweiligen unmittelbaren Umgebung errichtet sind. Aber die Frage an diese Bauweise ist dieselbe: Ist das noch Architektur?
In Europa, in Deutschland allzumal, hat sich unmerklich ein Wandel des Begriffs Architektur durchgesetzt, den niemand eingestehen will. Was früher einmal Architektur war, ist Bautechnik geworden, Experiment, Baustoffausstellung, abstrakte Konstruktion. Mit den klassischen Architekturlehren, mit Baustilen, Kunstwollen hat das kaum noch etwas zu tun. Die Bauwerke spielen gleichsam in einer anderen Liga.
Und der Trend zu derartigen Tendenzen nimmt zu. Je mehr Öko, desto schriller die technische Klimaakrobatik, desto größer und dominierender der Anteil von Technik am Bau überhaupt, desto unauffälliger das, was noch als Rest von Architektur durchscheint.
Natürlich würde kein Architekturprofessor akzeptieren, nicht mehr Baukünstler genannt zu werden, natürlich würde kein Entwerfer mehr an einem Architektenwettbewerb teilnehmen, der als ingenieurtechnischer Wettbewerb ausgeschrieben ist – die Eitelkeit stirbt zuletzt. Aber neue Baustile gibt es schon seit 100 Jahren nicht mehr. Architektur ist zur reinen Konstruktionspraxis geworden.
Die Architektur folgt dabei nur einer Zeiterscheinung, die alle Bereiche der Zivilisation erfasst. Der Technisierung des Wortes und der Sprache folgt die Technisierung der Politik, der Wirtschaft, des Soziallebens – und natürlich ebenso der Architektur. Aber technische Standards sagen nun einmal nullkommanichts darüber aus, wie wohl sich das Sozialwesen Mensch in einem Bauwerk fühlt, wie praktisch, kostengünstig, ideenreich oder wie geschmackvoll, „schön“ oder beispielhaft ein Wohn- oder Bürogehäuse gestaltet ist. Und deshalb kann es nicht schnuppe sein, ob es noch Architektur gibt oder nicht.
Gerade in Wien wird man sich vielleicht des Wiener Großarchitekten Otto Wagner (1841–1918) erinnern, der den Zwiespalt über die zu seiner Zeit noch „neue“ Ingenieurbaukunst vielleicht am treffendsten ausgedrückt hat – indem er vor ihm kapitulierte. Eines, so hatte er bei den Planungen für die Infrastruktur der k-und-k-Metropole gefordert, müsse unbedingt „zur Hauptsache“ werden: „Kunst und Künstler zu Worte kommen zu lassen, den die Schönheit vernichtenden Einfluss des Ingenieurs für immer zu brechen und die Macht des Vampyrs ‚Spekulation‘ (…) auf das Engste einzudämmen.“
Dieses berühmte Verdikt, das Wagner dem gerade erst anbrechenden 20. Jahrhundert wie einen Bannfluch entgegenschleuderte, hinderte den Schöpferarchitekten der Wiener Stadtbahn und der Kirche am Steinhof freilich nicht, die „großen baulichen Schöpfungen“ seiner Zeit (zu denen ja die Ingenieurbauten unzweifelhaft dazugehörten) zu den Dingen zu zählen, „denen weder die Renaissance noch die Antike Ähnliches an die Seite zu stellen vermag“. Wie würde Wagner den Sieg des Ingenieurs über den Architekten heute bewerten?
An den Schöpfungen von Anupama Kundoo fällt die Entspanntheit und Gelassenheit auf, mit der sie sich in die Natur einfügen. Sie geben sich als Ingenieurbauwerke erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Sie meiden Gleichförmigkeit und gedankenlose Standardisierung, setzen auf Handarbeit und natürliche Materialien, die den Augen und dem Tastsinn schmeicheln. In ihren gelungensten Beispielen (wie dem immer wieder abgebildeten Wall House im indischen Auroville) überraschen sie mit hohen, weiten Räumen, die Reichtum entfalten, wo Einfachheit ist.
Die Architekturprofessorin hat zahlreiche Preise bekommen, sie hat an mehreren Hochschulen gelehrt und ihr Wall House 2012 auf der Architekturbiennale Venedig präsentiert. In der aktuellen Architekturszene ist sie voll etabliert. Auch in der Wiener Ausstellung liegt ihr das Publikum zu Füßen. Die Besucher lauschen hingegossen in Bambusgestühl ihren (teilweise sehr persönlichen) Filmvorträgen, betasten die ausgestellten (leider nicht beschrifteten) Materialproben, versuchen die wenigen Architekturmodelle zu entschlüsseln und scheinen in den aufgehängten Fotos und Informationstexten regelrecht zu versinken. Da sonst nichts zu sehen ist, sind sie auf sich gestellt, den seltsamen Widerspruch aufzuklären, der von diesen Werken ausgeht, die so ungeheuer naturnah und menschlich und doch zugleich befremdlich erscheinen.
Auf kuriose Erklärungsversuche dieses Œuvres verfallen die Kuratorinnen Angelika Fitz und Elke Krasny, die im Ausstellungskatalog (Abundance Not Capital, 270 Seiten, 49 Euro, auf Englisch) den Versuch machen, „Architekturgeschichte der Gegenwart aus antikolonialen und antipatriarchalen Perspektiven zu schreiben“. Dabei gehen sie von der Überzeugung aus, dass Form nicht der Funktion, sondern „dem Geld folgt“. Deshalb habe Architektur eine „bedeutende Rolle bei der Beschleunigung des Kapitalismus“ gespielt. Die Architektin muss von derlei Assoziationen freigesprochen werden, und es ist natürlich blanker Humbug, wenn das Portal baukunst.art daraufhin meint, die Arbeiten Kundoos vorschnell als „Architektur gegen den Kapitalismus“ würdigen zu müssen.
Richtig ist etwas ganz anderes: Im Werk der Inderin kommt das Elementare zu einer neuen, heute vernachlässigten Geltung. Wenn der Medientheoretiker Norbert Bolz vor mehr als 30 Jahren voraussagte, dass die „Technologien der Simulation“ im Begriff stünden, in unserem Alltag die Herrschaft anzutreten, so findet das Werk von Anupama Kundoo eine Antwort darauf. Indem es das feiert, was unserer Wahrnehmung schon fast entschwunden ist, das Unverfälscht-„Echte“, bedient es ein Bedürfnis, das es früher in dieser Form nicht gab. In einer Zeit, in der sich „die traditionelle Differenz zwischen Realem und Imaginärem“ (Bolz) immer mehr zu nivellieren scheint, ist das von fast magischem Reiz.
Sollte sich die Erinnerung an das, was Architektur einmal war, vielleicht doch noch neu beleben lassen? Die bescheiden-leise Wiener Ausstellung gibt ihren Besuchern diese Frage auf.
„Reichtum statt Kapital. Anupama Kundoo“, bis 9. März 2026, Architekturzentrum Wien
Source: welt.de