Quinn Slobodian und Ben Tarnoff: „Der Muskismus ist die nächste Stufe des Kapitalismus“

Mal machte er Schlagzeilen als sogenannter Effizienz-Berater der Regierung Donald Trumps – wobei sein „Titel“ DOGE wohl nicht von ungefähr an die Quasi-Diktatoren des Staates Venedig erinnerte, den viele als frühmoderne Keimzelle des Kapitalismus betrachten. Ein anderes Mal sah ihn die Weltöffentlichkeit in offenbar höchst aufgewühltem Zustand beim Zeigen eines „Römischen Grußes“ auf offener Bühne zu. Dann wieder belieferte er die Klatschpresse mit einem öffentlichen Rosenkrieg gegen seine eigene Tochter, die trans ist: Elon Musk, der mit Unternehmen wie Paypal und Tesla reich wurde und unter anderem bereits seit 2015 eine KI-Firma besitzt, gehört nicht zu den Stillen unter den Superreichen.

Der derzeit „vermögendste Mann der Welt“ sei aber beileibe nicht nur ein exzentrischer Krawallmacher, sagen Quinn Slobodian und Ben Tarnoff. In ihrem neuen Buch Muskismus. Aufstieg und Herrschaft eines Technoking benutzen der renommierte kanadische Wirtschaftshistoriker und der linke Publizist seinen Namen, um eine neue geschichtliche Phase des Kapitalismus zu kennzeichnen. Wie diese beschaffen ist und worin somit die epochale Bedeutung des erratischen Multimilliardärs besteht, erfragte für den Freitag Julius Seibt im Gespräch mit den beiden Autoren. Spoiler: Allzu angenehm wird dieser Muskismus wohl nicht, wenn wir da nicht eingreifen.

der Freitag: Herr Tarnoff, Herr Slobodian, dem Titel nach ist Ihr Buch keines über Elon Musk, sondern über den Muskismus. Wie sind Sie auf diese Wortneuschöpfung gekommen?

Ben Tarnoff: Zu Beginn unseres Buchprojekts haben wir uns gefragt: Ist es sinnvoll, die Figuren Elon Musk und Henry Ford zu vergleichen? Klar, beide sind bekannte Autohersteller. Doch mit Henry Fords Geschäftsmodell ist auch der Fordismus als soziale Ordnung und Gesellschaftsmodell einhergegangen. So sollte man auch unseren Begriff des Muskismus verstehen.

Quinn Slobodian: Der Fordismus war einerseits eine spezifische Ausformung des Kapitalismus, die sich um das Fließband, die Fabrik und industrielle Massenproduktion drehte. Er war aber auch ein Regime der sozialen Regulierung. Es ging nicht nur darum, viel Geld zu verdienen, indem man die Rohstoffe der Welt in verkaufsfähige Produkte verwandelt. Darüber hinaus musste die Gesellschaft so stabilisiert werden, dass das unvermeidliche Chaos, das mit der Umgestaltung der Welt einhergeht, nicht zu einem Zusammenbruch des Systems führt. Typische Aspekte des Fordismus als sozialer Ordnung sind beispielsweise die Vorstellung der heteronormativen Kleinfamilie und ein keynesianischer Wohlfahrtsstaat.

Der Muskismus ist nicht nur eine Ideologie im Kopf von Elon Musk, sondern eine Ordnung, die zumindest teilweise bereits Realität ist

Ihre These ist also, dass sich aus den Aktivitäten, Äußerungen und Tweets von Elon Musk ebenfalls die Vorstellung einer sozialen und gesellschaftlichen Ordnung ableiten lässt — der Muskismus?

Slobodian: Genau. Dabei ist der Muskismus nicht nur eine Ideologie oder Zukunftsvorstellung im Kopf von Elon Musk, sondern eine Ordnung, die zumindest teilweise bereits Realität ist. Vor allem aber steht der Muskismus im Einklang mit größeren Trends der globalen politischen Ökonomie oder war ihnen sogar weit voraus. Daher kann man ihn auch als Schablone für eine mögliche nächste Stufe des weltweiten Kapitalismus- und Gesellschaftmodells betrachten.

Wo sehen Sie die Aspekte des Muskismus, die ihrer Zeit voraus waren?

Slobodian: Nehmen wir beispielsweise eine Vorstellung Musks, die wir „Festungsfuturismus“ nennen und die stark von seiner Jugend im international isolierten Apartheidssystem Südafrikas geprägt ist. Musk glaubt, dass die Stärke einer beliebigen Institution — ob Staat oder ein Unternehmen — darauf beruht, dass sie über größtmögliche Autonomie und Unabhängigkeit verfügt und nicht von globalen Lieferketten abhängig ist. Wir sehen, dass Musk diesen Glauben schon zu den Hochzeiten der Globalisierung vertrat. Untypischerweise waren Musks Fabriken — ob bei Tesla oder SpaceX — stets sehr autonom und viel weniger abhängig von globalen Lieferketten als üblich. In Zeiten der Deglobalisierung und wirtschaftlichen Blockbildung sehen wir heute, dass Musk seiner Zeit damit voraus war.

Tarnoff: Wobei man festhalten muss, dass Musk diese größtmögliche Unabhängigkeit in der Praxis vorrangig sich selbst und seinen Milliardärsfreunden vorbehalten will. Auf der anderen Seite arbeitet Musk systematisch daran, andere von sich und seinen Firmen abhängig zu machen, ganz besonders den Staat.

Elon Musk ist es gelungen, den Staat von seinen Firmen dermaßen abhängig zu machen, dass die USA ohne ihn kaum noch ihre Souveränität durchsetzen können.

Früher waren es die Silicon-Valley-Unternehmen, die ihrerseits ohne staatliche Hilfe kaum zu Tech-Giganten geworden wären . Jetzt hat sich die Abhängigkeit umgekehrt?

Tarnoff: Es stimmt aus historischer Sicht, dass es das Silicon Valley ohne die Unterstützung der USA in dieser Form gar nicht geben würde. Musks Erfolge mit dem Softwareunternehmen Zip2 und PayPal in den Neunzigern wären ohne die Privatisierung des vom US-Militär erfundenen Internets unmöglich gewesen. Auch sein Raumfahrtunternehmen SpaceX hätte ohne Aufträge des Pentagons und der NASA nicht überlebt. Doch dann ist es Elon Musk gelungen, den Spieß umzudrehen und den Staat von seinen Firmen dermaßen abhängig zu machen, dass die USA ohne ihn kaum noch ihre Souveränität durchsetzen können. Die Vereinigten Staaten und viele weitere Länder können ohne Musks Raketen momentan kaum einen Satelliten in die Erdumlaufbahn schießen. Und die ukrainische Armee ist völlig abhängig von Musks Starlink-System. Wir sprechen von „Souveränität als Service“, die Elon Musk an Staaten verkauft.

Viele libertäre Denker des Silicon Valley sprechen offen darüber, den Staat abschaffen zu wollen. Elon Musk will ihn stattdessen von seinen eigenen Unternehmen abhängig machen?

Tarnoff: Genau. Deswegen will Elon Musk auch keinen schrumpfenden oder schwachen Staat. Er profitiert davon, dass die USA global die Muskeln spielen lassen, ob in Venezuela, Grönland oder Iran. Denn dafür sind sie auch auf seine Unternehmen angewiesen.

Slobodian: Auch hier war Elon Musk dem Rest des Silcon Valley weit voraus, das 20 Jahre lang auf verbraucherorientierte Social-Media-Plattformen setzte. Inzwischen ist Musk längst nicht mehr der einzige, der seine Geschäfte am Staat orientiert. Denken Sie nur an die Bilder von den unterwürfigen Tech-Milliardären bei Donald Trumps Amtseinführung. Der CEO des auf Überwachungs-Software spezialisierten Unternehmens Palantir fordert, das Silicon Valley müsse sozusagen nach Washington zurückkehren und seine patriotische Rolle bei der Verteidigung der westlichen Zivilisation erfüllen: durch Massenüberwachungs-Apps, Logistiksoftware, Drohnentechnologie und die Entwicklung moderner, lasergelenkter Raketen.

Nun haben wir viel über das muskistische Wirtschaftsmodell gesprochen. Wie sieht darüber hinaus Musks Vorstellung der Gesellschaft aus?

Tarnoff: Im Buch prägen wir für seine Vorstellungen den Begriff Cyborg-Konservatismus. Musk möchte das beschleunigen, was er schon heute, dank modernen Smartphones, als Fusion von biologischen und digitalen Systemen wahrnimmt. Musk möchte die Menschheit endgültig mit der Maschine verschmelzen. Denken Sie an sein Unternehmen Neuralink, das daran arbeitet, das menschliche Gehirn direkt an einen Computer oder das ganze Internet anzuschließen.

Das klingt dystopisch, aber alles andere als konservativ.

Tarnoff: Aber im Kern ist es das, zumindest in Musks Vorstellung. Er will Technologie zur Erhaltung sozialer Hierarchien einsetzen, nicht zu deren Abschaffung. Daher kommt seine große Angst davor, dass seine zukünftige Cyborg-Gesellschaft vom woke mind virus, wie er es nennt, „infiziert“ wird. Das Wort Virus ist dabei wörtlich zu nehmen. Wenn wir alle als Cyborgs konstant mit dem Internet verbunden sind, werden auf diesem Weg unsere Gehirne anfällig für virale Infektionen. Auf gewisse Weise hat er Recht: Moderne soziale Bewegungen wie Black Lives Matter und die MeToo-Bewegung sind ohne das Internet kaum vorstellbar. Elon Musk sieht darin aber keinen Fortschritt, sondern höchst gefährliche Viren, die eine Gefahr für die die traditionellen sozialen Hierarchien sind, die er für richtig hält.

Mit welcher Strategie bekämpft Musk das von ihm so genannte woke mind virus?

Tarnoff: Er versucht, die Schnittstellen, an denen die Verschmelzung von Mensch und Maschine stattfindet, unter seine Kontrolle zu bringen. So ist der Kauf von Twitter zu verstehen, der aus ökonomischer Sicht wenig Sinn gemacht hat. Doch mit Twitter, seiner KI Grok und der neuen „Grokipedia“ will er die „richtigen“, also rechten, Cyborgs herstellen.

Slobodian: Man muss den Cyborg-Konservatismus als eine reaktionäre Technokratie verstehen, in der die Gesellschaft wie eine Fabrik behandelt wird, deren Abläufe optimiert werden müssen und in der unerwünschte Elemente wie Immigranten, trans Menschen oder Linke Fehler im System sind, die aufgespürt und beseitigt werden müssen.

Tatsächlich sieht Musk die weiße Bevölkerung in Südafrika von einem Genozid bedroht und teilt X-Posts, wonach weiße Männer „abgeschlachtet“ würden, sobald sie zur Minderheit werden. Woher kommen diese rassistischen Vorstellungen bei Elon Musk? Schließlich galt er mit seinen E-Autos und seiner Nähe zu Barack Obama einst als Posterboy des liberalen Amerikas.

Slobodian: Lange Zeit war Elon Musk vor allem ein Opportunist mit einem Talent dafür, zu erkennen, woher der Wind weht und wo die großen Regierungsverträge zu finden sind. Doch spätestens seit 2020 radikalisiert er sich extrem. Auf Grundlage falscher Wissenschaft glaubt er tatsächlich an eine hierarchische Einstufung der Intelligenz und Fähigkeiten von Menschen nach ethnischen Kategorien. Und auf dieser Grundlage wird behauptet, dass Einwanderung fatal sei für die amerikanische Innovation, das amerikanische Unternehmertum und das amerikanische Genie — weil man Bevölkerungsgruppen mit niedrigem IQ ins Land hole, um Bevölkerungsgruppen mit hohem IQ, also Weiße, zu verdrängen.

Anstatt von Einwanderung fordert Musk die drastische Erhöhung der Geburtenraten, vor allem der weißen Bevölkerung der USA. Aber das ist doch kein realistisches Ziel bei einem seit Jahrzehnten sinkenden Trend?

Slobodian: Es sei denn, man geht wie Musk davon aus, dass ein Großteil der Arbeitsplätze im unteren und mittleren Angestelltenbereich durch Künstliche Intelligenz ersetzt werden können. Daraus folgt in seiner Logik, dass letztendlich nur das intelligenteste eine Prozent der Menschheit von Bedeutung ist. Ja, man braucht noch immer die Altmans und Andreesens. Aber auf alle „darunter“ kann man eigentlich verzichten. Und im rassistischen Denken von Musk, das durch Social-Media-Feeds und Drogenmissbrauch beständig verstärkt wird, sind diese Genies vorwiegend weiße Menschen. Und um diese Ethnie zu schützen ist es notwendig, die Geburt weißer Babys zu fördern und die Grenzen der USA vor Einwanderern abzuschirmen.

Der Fordismus war im Grunde eine Philosophie des sozialen Friedens. Der Muskismus ist im Gegensatz dazu eine Philosophie des sozialen Krieges.

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Wenn man nur noch die allerintelligentesten Menschen benötigt — was passiert dann mit dem größten Teil der Menschheit?

Slobodian: Das ist die Frage: Wenn man anders als im Fordismus keine große Bevölkerung mehr am Leben und gesund halten muss, um die Fabriken zu betreiben, wozu dient sie dann eigentlich? Wie kann man ihnen einen Sinn im Leben bieten — und verhindert so, dass sie sich gegen ihre Roboter-Herrscher auflehnen? Hier kommen meiner Meinung nach einige der fragilsten Aspekte des Muskismus zum Vorschein. Da er möchte, dass Roboter die ganze Arbeit erledigen, und sich vorstellt, dass alle den ganzen Tag lang auf ihren Handys oder in ihren Hinrimplantaten scrollen und posten, wird Ideologie plötzlich viel wichtiger. Aber tatsächlich ist er nicht besonders gut darin, eine kohärente Ideologie zu entwickeln.

Tarnoff: Der Fordismus war im Grunde genommen eine Philosophie des sozialen Friedens. Der Muskismus ist im Gegensatz dazu eine Philosophie des sozialen Krieges. Er zielt nicht darauf ab, die Massen zu befrieden, sondern erzeugt beständig Gefühle der Ausgrenzung und des Hasses. Solange die Kräfte, die an einem autonomen, weißen Tech-Überwachungsstaat Amerika arbeiten in der Offensive sind, kann das gutgehen. Aber eine solche Dystopie kann auch zu viel stärkeren Widerständen führen als der einlullende Fordismus.

Woher könnte dieser Widerstand konkret kommen — aus der Demokratischen Partei?

Slobodian: Die derzeitige Demokratische Partei hat sich dem Silicon Valley vollständig untergeordnet. Aber es gibt neue, junge Kräfte wie Zohran Mamdani, Alexandria Ocasio-Cortez oder Ilhan Omar, die eher aus dem Umfeld der Occupy-Wall-Street-Bewegung und der George-Floyd-Proteste kommen. Ich denke, sobald die alte Clinton-Riege abgetreten ist, könnte eine verjüngte Demokratische Partei sich den dystopischen Ideen von Musk und seinesgleichen entgegenstellen. Bis dahin würde ich aber eher auf die Menschen selbst hoffen.

Sie glauben, dass die Bevölkerung sich gegen eine muskistische Dystopie wehren wird?

Tarnoff: Es ist natürlich eine Autorenkrankheit, alles durch die Brille des eigenen Buches zu betrachten. Aber ich denke, dass wir in den letzten Wochen in Minneapolis sowohl Aspekte des Muskismus als auch Widerstand dagegen deutlich sehen konnten. Eine paramilitärische, maskierte politische Geheimpolizei, die Gesichtsscanner und Palantir-Technologie einsetzt, um vorwiegend nicht-weiße Menschen zu identifizieren, in Datenbanken zu erfassen, festzunehmen, zu misshandeln und sogar zu töten. Das ist purer Muskismus: ethnische Hierarchien werden durch einen Staat durchgesetzt, der dafür auf Dienstleistungen von Hightech-Unternehmen angewiesen ist. Und dennoch ist ICE aufgrund des Widerstands der Bevölkerung von Minneapolis in die Defensive geraten. Das zeigt die Möglichkeiten einer interkulturellen Organisation, in der Menschen sich tatsächlich mit ihren Nachbarn zusammentun, um sich gegenseitig zu schützen, unabhängig vom Einwanderungsstatus.

Die Idee, dass man aus Hass, Feindseligkeit, und Angst eine stabile Gesellschaft bauen kann, scheint mir zum Scheitern verurteilt.

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Wird der Muskismus also daran scheitern, eine stabile ökonomische und gesellschaftliche Ordnung zu etablieren?

Slobodian: Die Idee, dass man aus Hass, Feindseligkeit, und Angst eine stabile Gesellschaft bauen kann, scheint mir zum Scheitern verurteilt. Die Tatsache, dass Ryanair jetzt Sitzplätze verkaufen kann, weil Musk Ryanair angreift, und dass die Tesla-Verkäufe in Europa und Kanada im Keller sind, ist an sich schon ein Zeichen für Widerstände gegen die Welt, die er schaffen will. Das ist natürlich viel weniger mutig als das, was wir auf die Straßen von Minneapolis sehen. Aber einfach zu entscheiden, Musks Produkte nicht zu verwenden, ist eine kleine Geste des Verbraucherwiderstands, die ihn letztendlich zu Fall bringen kann.

Quinn Slobodian ist Professor für Internationale Geschichte an der Boston University. Ben Tarnoff ist Autor und Herausgeber der kritischen Technikzeitschrift „Logic“. Ihr Buch Muskismus. Aufstieg und Herrschaft eines Technoking erscheint am 18.02.2026 im Suhrkamp Verlag.