Putins Kriegswirtschaft: Die Alarmsignale für jedes Russlands Wirtschaft mehren sich

Ökonomen sind vorsichtig geworden, was Prognosen über den Zusammenbruch der russischen Wirtschaft angeht. Als nach dem Überfall auf die Ukraine vor vier Jahren die westlichen Sanktionen drastisch verschärft wurden, sagten viele einen Kollaps voraus. Doch enorme Staatsinvestitionen in Militär und Rüstung führten in den Jahren 2023 und 2024 zu einem Aufschwung, wie Russland ihn lange nicht gesehen hatte.
Vor allem die Drohnenwerke und Panzerschmieden liefen nun auf Hochtouren. In den Supermärkten standen anstelle westlicher Marken bald russische Kopien – aus Dr. Oetker wurde Dr. Bakers. Der Krieg schien für die Russen, die nicht an der Front waren oder in grenznahen Gebieten lebten, vor allem positive Folgen zu haben.
Doch im Laufe des vergangenen Jahres hat sich die Lage geändert. Der hohe Leitzins, mit dem die durch Staatsgeld, Arbeitskräftemangel und Sanktionen befeuerte Inflation bekämpft wird, stürzte viele Unternehmen in die Krise. Zuletzt mehrten sich Beschwerden von Angestellten, die monatelang auf ihren Lohn warten müssen. In Russland weckt das dunkle Erinnerungen an die Neunzigerjahre, als manche Betriebe ihre Mitarbeiter in Naturalien zahlten. In Moskau schließen reihenweise Restaurants, weil nicht genug Gäste kommen und alles immer teurer wird.
Die Lage ist so ernst wie nie seit 2022
Mit den schlechten Nachrichten kehrt im Westen die Hoffnung zurück: Manchen gilt 2026 als Schicksalsjahr, in dem „Russlands Wirtschaft zusammenbrechen könnte“, wie die „Washington Post“ im Dezember titelte. Fachleute sind sich einig, dass die Lage so ernst ist wie nie seit 2022. Kommt nun also, mit vier Jahren Verzögerung, der Absturz?
Die aktuellen Daten sehen in der Tat übel für den Kreml aus. Die Einnahmen aus dem Öl- und Gasexport sind schon im Jahre 2025 stark geschrumpft, im Januar und Februar dürften sie sich noch einmal halbieren. Schuld sind die Sanktionen, die trotz aller Skepsis wirken und dazu führen, dass Russland sein Öl nur unter Zusatzkosten und mit Preisabschlägen verkaufen kann.
Wegen Donald Trumps Drohungen an Indien kann China als letzter Großkunde nun noch niedrigere Preise verlangen. So kostet das russische Ural-Öl derzeit viel weniger und ist der Rubel deutlich stärker als im russischen Haushalt vorgesehen. Sollte das so bleiben, könnte das Defizit dieses Jahr rund dreimal so groß werden wie die geplanten 1,6 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Die Reserven schmelzen für den Krieg dahin
Um ein so großes Loch zu stopfen, müssten bis zu drei Viertel der noch abrufbaren Finanzreserven des Landes im Nationalen Wohlfahrtsfonds verbraucht werden. Auf den Aufbau dieses Notpolsters war Putin jahrelang stolz, nun schmilzt es für den Krieg dahin. An Geld fehlt es inzwischen überall: Viele Regionen, die hohe Zahlungen an Vertragssoldaten schultern müssen, sind verschuldet. Der Staat versucht, durch höhere Steuern und Abgaben den Bürgern mehr Geld abzunehmen. Doch die fangen schon an, am Nötigsten zu sparen. Das dürfte dem Wirtschaftswachstum schaden.
All das sind Alarmsignale, und sie werden mehr. Trotzdem ist es zu früh, den sicheren Niedergang zu prophezeien. Es kann auch alles noch anders kommen: Höhere Ölpreise im Zuge einer Verschärfung des Konflikts zwischen Washington und Teheran könnten Russlands Geldprobleme ebenso vorübergehend lindern wie eine Abwertung des Rubels. Und selbst wenn die Einnahmen niedrig bleiben, hat der Staat noch weitere Möglichkeiten – vom Gelddrucken über höhere Schulden und noch höhere Steuern bis zu Einsparungen im Haushalt.
Sehr wahrscheinlich ist aber, dass der schrittweise Verfall der Wirtschaft weitergeht. Auch einem Friedensdeal mit den Amerikanern würde keine umgehende Reintegration in den Weltmarkt folgen. Wachstumsimpulse sind nicht in Sicht. Die Inflationsrate, derzeit knapp sechs Prozent, wird hoch bleiben, solange der Staat viel Geld in den Krieg pumpt. Der Preisanstieg hat sich zur größten Sorge der Russen entwickelt.
Anders als in den vergangenen Jahren wollen viele von ihnen nun, dass der Krieg schnell endet. Das heißt zwar nicht, dass sie Putins Kurs ablehnen oder einen Frieden nach ukrainisch-europäischen Vorstellungen akzeptieren würden. Aber der Kampf gegen die Nachbarn, das dürfte den meisten nun klar sein, führt nicht zu einem besseren Leben. Stattdessen hat er die russische Wirtschaft in einen Zustand gebracht, der so fragil erscheint wie seit Jahren nicht. Putin, der sich bekanntermaßen nur für den Krieg und kaum für die Wirtschaft interessiert, könnte bald gezwungen sein, sich mehr mit ihr zu befassen. Viele Optionen bleiben ihm dabei nicht.