Punkbands | 50 Jahre Punk: London war dieser Glutkern, und dies sind die fünf wichtigsten Bands
Vor 50 Jahren brach der Punk aus – eine Bewegung, die von sich behauptete, alles wegzufegen und selbst keine Zukunft zu haben. Es ging dann doch weiter. Hier sind die fünf wichtigsten Punkbands
Sid Vicious und Poly Styrene machten auch in der Schweizer Provinz in den 1970ern Eindruck
Collage: Der Freitag; Material: Getty Images
The Damned: Die melodiöse Stimme eines Totengräber
New Rose von The Damned erschien im Oktober 1976. Die erste britische Punksingle fängt so gar nicht punkgemäß an. Wenn es gemeinhin heißt, dass Punk mit dem Vergangenen radikal gebrochen habe, so straft New Rose das schon im Intro Lügen. „Is she really going out with him?“ ist eine Hommage an die Girlgroup The Shangri-Las. Dann aber geht es 2:40 Minuten lang ab, rau, schnell, mit einem abrupten Schluss – leicht konterkariert von Dave Vanians tiefer, melodiöser Stimme.
Von dem wie Nosferatu geschminkten Vanian hieß es, er sei Totengräber gewesen. Ob’s stimmt? Es passt jedenfalls zur Entwicklung der Band, die erst leicht bombastische Punkrock-Hits wie Love Song schrieb und dann den Gothic Rock prägte. Korrekt war das alles nicht, aber „camp“, also voller absichtlicher Verkitschung und mit viel Spaß. Das beste Album von The Damned erschien unter dem Namen Naz Nomad and the Nightmares und enthielt Coverversionen von psychedelischen Songs aus den 1960er Jahren.
Placeholder image-1
Sex Pistols: Maximale Schockwirkung mit dem Hakenkreuz
Im Sommer 1977 steckte ich mir in der Schweizer Provinz eine Sicherheitsnadel in den Mundwinkel (gefakt, nicht durchgestochen). Ich wollte provozieren und irgendwie ein Signal nach London senden. Dass man Punk so sehr mit Provokation verbindet, ist nicht zuletzt den Sex Pistols geschuldet, in den Songs und im Outfit. Maximale Schockwirkung erreichte das Tragen von Hakenkreuzbinden – das Nazireich war in England noch sehr präsent. Und die Royals heilig.
Was konnte mehr Aufruhr erzeugen als ein Song mit bösem Text über die Queen? In dem zum silbernen Jubiläum von Elisabeth II. veröffentlichten Song God Save the Queen taucht auch die emblematische Zeile „There is no future“ auf. Wie stark die Provokationen der Sex Pistols einem Konzept folgten, das ihr Manager Malcolm McLaren ersonnen hatte, wurde mir erst später klar. Auch wie jung wir damals waren, wird mir erst heute bewusst. Die Mitglieder der Pistols waren Anfang 20, Johnny Rotten ist als John Lydon immer noch unterwegs.
Placeholder image-2
X-Ray Spex: Punkrock-Ikone mit Zahnspange
Man kann nicht sagen, dass der Punk eine feministische Bewegung war. Sehr viele weiße junge Männer aus der Mittelschicht beherrschten die Szene. Aber es gab sie, die Frauen im britischen Punk. Man denke an Siouxsie and the Banshees oder an The Slits. Eine stach heraus, sie trug eine Zahnspange und war eine PoC. Die Rede ist von Poly Styrene, der Sängerin von X-Ray Spex. 1978 erschien deren Debütalbum Germ Free Adolescence, „Keimfreie Jugend“.
Musikalisch fiel das Album durch den schrillen Einsatz eines treibenden Saxofons auf, übrigens auch gespielt von einer Frau, und den schrillen Singsang von Poly Styrene. Wenn ein Punksong gesellschaftskritische Texte hatte, so fielen diese oft klischeiert aus. Nicht so bei X-Ray Spex, die stattdessen texteten „I am a cliché“. So heißt auch der Dokumentarfilm über die 2011 leider verstorbene Sängerin. Er steigt ein mit der Tochter: „Meine Mutter war eine Punkrock-Ikone. Die Leute fragen mich oft, ob sie eine gute Mutter war.“ Der Film ist auf Youtube zu sehen.
Placeholder image-3
The Clash: Politisch und voller musikalischer Flausen
Aufgewachsen ist Poly Styrene im multikulturellen Londoner Stadtteil Brixton. The Guns of Brixton heißt ein Song von The Clash. Bandleader war Joe Strummer, ein Ex-Hippie und Diplomatensohn. Auch das wusste ich nicht, als ich die Band für mich entdeckte. Bald schon kleidete ich mich wie sie. Ich war nicht der Einzige, die kleine Stadt, in der ich zur Schule ging, war bevölkert mit Clash-Lookalikes; Reißverschlusshosen und rote Sterne auf Militärhemden, Creeperschuhe.
The Clash galt als die politischste der großen Punkbands. The Guns of Brixton von 1979 antizipierte die dortigen Unruhen von 1981. Vor allem aber war es ein Song, der auf Reggae-Vibes basierte. Der Punkrock war The Clash schon bald viel zu eng. Über Dub, Reggae, Ska, Rockabilly reichten die Einflüsse bis zum Gospel. Von ihrem überbordenden musikalischen Talent zeugt das Triple-Album Sandinista! von 1980. Mit Punk hatte das nicht mehr viel zu tun. Aber es gehört zum Punk, dass er eine kurze, heftige Explosion war.
Placeholder image-4
UK Subs: Den Punk irgendwie festhalten
Punk dauerte streng genommen also nur kurz. Puristen sagen, dass er nicht über das Jahr 1977 hinausgekommen ist. Aber irgendwie wollten wir das nicht wahrhaben. Es galt, den disruptiven Moment festzuhalten, zurückzuholen. Und gleichzeitig mit den neuen Trends mitzugehen: Mod, (Red-)Skins und natürlich New Wave; Strömungen, die ohne den Punk alle nicht denkbar gewesen wären. Und immerhin: In der Welt sollte es nie mehr so langweilig werden wie vor dem Ausbruch des Punk.
Gleichzeitig kamen um 1980 eine Menge Bands auf, die keine großen musikalischen Ansprüche erhoben und einfach Punkrock spielten. Die meisten wollten schneller und härter klingen als The Clash und Konsorten. Im selben Jahr wurde ich Sänger einer Punkband, die sich Crash Course nannte. Der Name zitierte einen Song der UK Subs. Die gab es zwar schon seit 1977, aber ihr Stern ging erst mit dem Album Another Kind of Blues von 1979 auf. Auch die Band um den Friseurmeister Charlie Harper tritt bis heute auf.
Placeholder image-5