Pulverfass Libanon

Für die Zukunft des zerrissenen Landes gibt es derzeit nur zwei Szenarien – und beide bedeuten Gewalt und Krieg. Aus diesem Dilemma könnte nur der Ausgang des Iran-Krieges etwas ändern.

Der Libanon steuert auf eine Katastrophe zu, deren Ausmaß viele unterschätzen. Dem Land scheint nur noch die Wahl zwischen zwei schlechten Szenarien zu bleiben: ein umfassender Krieg mit Israel oder die Gefahr eines Bürgerkriegs mit der Hisbollah.

Israels Regierung hat mehrfach erklärt, die geschwächte Miliz endgültig „eliminieren“ zu wollen. Die Hisbollah soll vollständig entwaffnet werden, zudem fordert Israel eine Pufferzone im Südlibanon entlang seiner Grenze – möglicherweise bis zum Litani-Fluss, also etwa 25 Kilometer bis tief ins Landesinnere. Selbst wenn der Krieg mit dem Iran beendet sein sollte, wird Israel von diesen Zielen nicht abrücken.

In den vergangenen zwei Wochen hat die israelische Armee bereits Hunderte Objekte der Hisbollah angegriffen. Dutzende Kämpfer wurden getötet. Besonders massive Luftschläge trafen die Hochburg der Miliz in Beirut, das schiitische Viertel Dahieh.

Die libanesische Regierung hat Anfang März zwar alle militärischen Aktivitäten der Hisbollah offiziell verboten. Doch die Realität sieht anders aus: Die tief in der Gesellschaft verwurzelte Miliz feuert weiterhin Drohnen und Raketen auf Nordisrael und liefert sich im Südlibanon Gefechte mit der israelischen Armee. Die libanesischen Streitkräfte greifen bislang kaum ein.

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Der Oberbefehlshaber der Armee, General Rodolph Haykal, hat öffentlich erklärt, er wolle keine militärische Konfrontation mit der Hisbollah riskieren. Die Einheit des Landes sei in Gefahr. Premierminister Nawaf Salam fordert zwar ein Eingreifen des Militärs, kann sich damit bislang jedoch nicht durchsetzen – auch weil Präsident Joseph Aoun auf Zurückhaltung drängt.

Dabei war die Aufgabe eigentlich klar. Schon nach dem Waffenstillstand mit Israel Ende 2024 sollte die libanesische Armee – unterstützt von den im Land stationierten UN-Friedenstruppen – die Hisbollah entwaffnen. Das war Teil der Vereinbarung. Wenn man heute sieht, wie viele Kämpfer und Waffen die Miliz weiterhin im Südlibanon hat, dann lässt sich nur ein Fazit ziehen: Diese Mission ist spektakulär gescheitert.

Gleichzeitig verschärft sich die humanitäre Lage dramatisch. Mehr als 700.000 Menschen mussten in den vergangenen Wochen wegen der Kämpfe ihre Häuser verlassen. Damit ist inzwischen etwa jeder neunte Bewohner des Landes auf der Flucht. Viele haben bereits zuvor in Armut gelebt – und sehen jetzt keinerlei Perspektive mehr.

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Frankreichs Präsident Emmanuel Macron warnt seit Tagen eindringlich vor einer Katastrophe. „Es muss alles getan werden, um zu verhindern, dass der Libanon ins Chaos abgleitet“, erklärte er nach einem Gespräch mit dem libanesischen Präsidenten. Macron versucht, Israel und den Libanon zu Verhandlungen über einen Waffenstillstand nach Paris zu bewegen. Ob daraus ein echter Frieden – und eine Entwaffnung der Hisbollah – entstehen kann, erscheint jedoch äußerst fraglich.

Hunderttausende Vertriebene

Seit Jahren hoffen viele Christen, Drusen und auch Teile der sunnitischen Bevölkerung auf ein Ende der Hisbollah. Zu oft hat die Miliz den gesamten Libanon in Konflikte hineingezogen. Allein seit Oktober 2023 haben die Kämpfe Schäden in zweistelliger Milliardenhöhe verursacht und Hunderttausende Menschen vertrieben.

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Die Lage drängt nun auf eine Entscheidung. Wenn sich die libanesische Armee und andere Kräfte im Land gegen die Hisbollah stellen, droht ein Bürgerkrieg – und die Miliz wird um ihr Überleben kämpfen. Wenn der Staat weiter zögert, wird Israel den Krieg im Libanon ausweiten – und dabei deutlich mehr Infrastruktur zerstören als bisher.

Diplomaten in Beirut bringen zwar eine dritte Möglichkeit ins Spiel. Im Rahmen eines möglichen Friedensabkommens zwischen dem israelisch-amerikanischen Bündnis und dem Iran könnte die Auflösung aller iranischen Stellvertreter-Organisationen vereinbart werden – und damit auch das Ende der finanziellen Unterstützung für die Hisbollah. Das würde die Miliz massiv schwächen, möglicherweise sogar ihr Ende einleiten. Doch von einem solchen Szenario ist die Region derzeit weit entfernt.

Source: welt.de