Psychotherapeut in Ausbildung zusätzlich Honorar-Kürzungen: „Am Ende leiden die Patienten“
Die beschlossenen Honorar-Kürzungen für psychotherapeutische Leistungen sorgten für Unmut und Sorgen bei Psychotherapeut:innen. Aktuell wird deutschlandweit gegen diese Kürzungen demonstriert. Luca-Leander Wolz ist Psychotherapeut in Ausbildung. Auf seinem Instagram-Kanal spricht er über psychotherapeutische Themen und die möglichen Folgen der Kürzungen.
Er befürchtet, dass sich weniger junge Menschen für eine Ausbildung entscheiden und die Versorgungslage noch schlechter wird. Vor allem für gesetzlich Versicherte und auf dem Land lebende Menschen. Dabei bräuchte es eigentlich einen Ausbau der psychotherapeutischen Versorgung.
der Freitag: Herr Wolz, die Vergütung für psychotherapeutische Leistungen soll ab April um 4,5 Prozent sinken. Die psychotherapeutische Ausbildung ist mit hohen Kosten verbunden. Welche Folgen könnten die Honorar-Kürzungen für Auszubildende haben?
Luca-Leander Wolz: Ich weiß ehrlich gesagt noch nicht genau, wie mein Institut damit umgehen wird, das ist, soweit ich weiß, noch gar nicht abschließend geklärt. Grundsätzlich ist die Vergütung in der Ausbildung ja sowieso schon ziemlich niedrig und läuft bei uns über so ein Umlagesystem, das die sehr unterschiedlich bezahlten Leistungen ein bisschen ausgleicht. Deswegen wird es wahrscheinlich Einbußen geben, aber die fallen vielleicht gar nicht so extrem ins Gewicht, einfach, weil die Vergütung ohnehin schon relativ gering ist.
Aktuell ist es so, dass wir ungefähr 40 Prozent von dem bekommen, was wir im Institut erwirtschaften. Im Schnitt sind das um die 45 Euro pro Behandlungseinheit über die Institute hinweg. Das klingt erst einmal ganz okay, aber man muss halt bedenken, dass da super viel Arbeit drumherum anfällt: Vorbereitung, Nachbereitung, Dokumentation, Anträge schreiben und so weiter, und das wird alles nicht bezahlt.
Und durch die geplanten Honorarkürzungen kann es schon passieren, dass dieser finanzielle Druck weitergegeben wird. Also dass sich unser effektiver Stundenlohn am Ende noch einmal reduziert. Was ich aber fast noch problematischer finde, ist die Situation rund um die neue Weiterbildung. Da könnte es wirklich sein, dass die finanzielle Belastung für Weiterzubildende deutlich spürbarer wird. Die Reform ist ja sowieso schon ziemlich ins Stocken geraten und ich habe eher das Gefühl, dass sich das jetzt noch weiter verzögert und am Ende vielleicht sogar weniger Plätze entstehen, als wir ohnehin schon haben.
Der Einstieg in eine psychotherapeutische Ausbildung hat viele Hürden, etwa einen hohen NC und hohe Kosten. Viele haben nicht die Chance auf einen Studienplatz. Werden die Hürden durch die Kürzungen verschärft?
Ja, auf jeden Fall. Ich glaube schon, dass das für viele ein ziemlich klares Signal sein kann. Der Weg in diesen Beruf ist ja ohnehin schon sehr lang und ziemlich anspruchsvoll. Allein der hohe NC. Der betrifft ja nicht nur den Bachelor, sondern auch den Master und sorgt schon im Studium für enormen Leistungsdruck. Und das ist einfach belastend. Dann kommt noch dazu, dass es viel zu wenig Weiterbildungsplätze gibt und gleichzeitig immer noch nicht richtig klar ist, wie diese Weiterbildung eigentlich konkret aussehen und finanziert werden soll. Das heißt, da ist ohnehin schon eine große Unsicherheit da und die wird durch die aktuellen Entwicklungen eher noch verstärkt. Mit den geplanten Honorarkürzungen wird dieser Druck wahrscheinlich weiter steigen.
Ich kann mir gut vorstellen, dass das viele abschreckt, diesen Weg überhaupt einzuschlagen
Und es wirkt ja auch nicht so, als würde es dabeibleiben, im Rahmen der Krankenkassen-Reformen sind ja schon weitere Einschnitte im Gespräch. Insgesamt habe ich schon das Gefühl, dass der Beruf dadurch sowohl finanziell als auch von der Belastung her immer unattraktiver wirkt. Und ich kann mir gut vorstellen, dass das viele abschreckt, diesen Weg überhaupt einzuschlagen, und sich manche dann eher für andere Optionen entscheiden.
Viele Patient:innen warten bis zu einem Jahr oder länger auf einen Therapieplatz. Wie wird sich die Kürzung auf Patienten auswirken?
Da muss man, glaube ich, ein bisschen differenzieren, je nachdem, um welche Patient:innengruppe es geht. Ich würde schon sagen, dass sich die Versorgungslage für gesetzlich Versicherte noch einmal deutlich verschlechtern wird. Das hängt auch damit zusammen, dass Praxen wahrscheinlich stärker auf Privatversicherte oder Selbstzahlende ausweichen werden, einfach um wirtschaftlich arbeiten zu können. Da sind die Honorare höher und die Behandlung lässt sich oft auch flexibler gestalten.
Für gesetzlich Versicherte bedeutet das ja jetzt schon oft Wartezeiten von mehreren Monaten, und ich kann mir gut vorstellen, dass sich das noch einmal weiter verlängert. Am Ende führt das ziemlich klar zu einer Benachteiligung dieser Gruppe und verschärft die ohnehin schon angespannte Versorgungslage zusätzlich.
Wie steht es um Patient:innen, die auf dem Land leben?
Ich kann mir auch gut vorstellen, dass sich die Situation im ländlichen Raum weiter verschärfen wird. In Städten ist es einfach deutlich leichter, an Privatversicherte oder Selbstzahler:innen zu kommen, auf dem Land ist das viel schwieriger. Und gleichzeitig gibt es dort ja ohnehin schon ein Versorgungsproblem, weil deutlich weniger Psychotherapeut:innen verfügbar sind als in städtischen Regionen. Wenn sich Praxen unter den aktuellen Bedingungen wirtschaftlich nicht mehr tragen, kann ich mir schon vorstellen, dass es auch zu Praxisschließungen kommt. Und das würde die bestehende Versorgungslücke im ländlichen Raum natürlich verstärken und die Situation für Betroffene weiter verschlechtern.
Für welche Patientengruppen, abseits der gesetzlich Versicherten, werden sich die Hürden verstärken?
Ich glaube, die Hürden sind ohnehin schon ziemlich hoch für viele marginalisierte Gruppen, zum Beispiel für queere Menschen oder Menschen mit Migrationshintergrund. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen gibt es oft weniger Berührungspunkte mit Psychotherapie, und zum anderen entsprechen Psychotherapeut:innen im Durchschnitt ja auch einem bestimmten sozialen Milieu. Das kann dazu führen, dass sich manche Menschen nicht wirklich repräsentiert fühlen oder sich in der Behandlung eher unwohl fühlen.
Ich glaube, die Hürden sind ohnehin schon ziemlich hoch für viele marginalisierte Gruppen
Wie stark sich die Honorarkürzungen konkret auf diese Gruppen auswirken werden, ist schwer zu sagen. Aber wenn sich die Versorgungslage insgesamt verschlechtert und Therapieplätze noch knapper werden, dann liegt es schon nahe, dass das vor allem diejenigen trifft, die ohnehin schon schlechteren Zugang haben.
Also, wenn die Hürden für die Aus- und Weiterbildung höher werden und viele den Beruf erst gar nicht ausüben, wird es dann von Psychotherapeut:innenseite schwierig, eine gewisse Diversität abzubilden und auf verschiedene Patientengruppen eingestellt zu sein?
Total, das ist auch wirklich ein Riesenproblem, schon seit jeher. Und angesichts dessen, dass der Job nicht mehr so ansprechend sein könnte, könnte sich das weiter verstärken und die Versorgungslage für diese Person weiter einschränken. Meines Erachtens wird das ohnehin viel zu selten in der Ausbildung thematisiert. Also diskriminierungssensible Psychotherapie und so weiter, ist meines Wissens in den meisten Ausbildungsinstituten kein gängiges oder lehrplanstattfindendes Seminar, sondern das müssen wir extra machen. Da fehlt es auf jeden Fall dran.
Aktuell gibt es viele Demonstrationen. Sorgen sind, die vergleichsweise geringen Vergütungen und die geringe Anzahl an Kassensitzen. Wie soll es nach dem Protest weitergehen?
Am 15.04. ist eine große Demonstration in Berlin geplant, die hoffentlich etwas bewirkt. Ansonsten hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung Klage eingereicht und geht jetzt juristisch dagegen vor. Das ist die eine Instanz, die vielleicht was bewirken kann. Und die andere Instanz wäre das Bundesgesundheitsministerium, welches meines Wissens bis Mitte Mai ein Vetorecht gegen die Entscheidung hat. Ob das am Ende passiert, ist offen, weil Nina Warken auch ein bisschen auf Sparkurs bei Gesundheitsausgaben ist. Aber das wären so die beiden Instanzen, die über die Demonstration hinaus irgendwas erreichen können.
Psychische Erkrankungen bilden die längsten Ausfälle bei Berufstätigen. Von politischer Seite hört man immer wieder, dass mehr und länger gearbeitet werden müsse. Werden psychische Erkrankungen mit diesem Arbeitsdruck gefördert?
Ich glaube schon, dass durch solche Aussagen, wie „mehr arbeiten zu müssen“ und in Kombination mit den vielen Krisen, die wir aktuell durchleben – sei es in Deutschland oder international – der psychische Druck insgesamt steigt. Und Druck bzw. Stress ist grundsätzlich nie gut für die Psyche. Das kann dann letztendlich eine negative Auswirkung haben und die Entstehung von psychischen Störungen fördern.
Der Sozialbereich in Deutschland ist allgemein von Kürzungen geprägt: Beratungsstellen, psychosoziale Zentren, Weiterbildungsförderungen im Bürgergeld. Damit fallen Präventionsangebote weg. Gleichzeitig wird es tendenziell schwieriger, einen Therapieplatz zu bekommen. Was sind die Folgen?
Grundsätzlich schätze ich das sehr schlecht ein. Genau das ist das Problem: Eigentlich bräuchten wir wirklich einen Ausbau der psychotherapeutischen Versorgung, plus einen Ausbau der niedrigschwelligen Versorgungen, also im Sinne von Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen und so weiter. So, dass es auch generell eine vorgeschaltete Instanz gibt, die kurzfristig und schnell Menschen auffangen kann. Wenn das auch abgebaut wird, dann wird es richtig problematisch, denn wo wenden sich die Menschen dann am Ende hin? Also ja, das ist ein Riesenproblem.
Um das noch einmal zusammenzufassen: Die Versorgungslage ist ohnehin schlecht und wird jetzt perspektivisch noch schlechter?
So kann man es sagen. Und man muss ja auch sagen, dass zwar auch bei anderen Stellen im Gesundheitssystem gespart wird, aber anscheinend der Fokus auf der psychotherapeutischen Versorgung liegt. Und das vor dem Hintergrund, dass die psychischen Krankheitsfälle seit Jahren steigen und die Krankheitstage bei psychischen Störungen mit Abstand am höchsten sind. Dass genau da angefangen wird zu sparen, erschließt sich mir nicht so ganz.