Psychologe mahnt: „Höhere Alkoholpreise sichern Menschenleben“

Die Deutschen lieben Alkohol. Das weiß Jürgen Rehm besonders gut. Als er in den Siebzigerjahren für die Deutsche Post arbeitete, musste er vollen Einsatz zeigen. Die Arbeit war aber nicht die einzige Herausforderung: „Wer bis 12 Uhr mittags nicht schon zwei Bier getrunken hatte, war fast schon ein Außenseiter“, erinnert sich der gebürtige Augsburger. Während er die Pakete austrug, hätten die Empfänger an der Tür regelmäßig gefragt: „Willst du noch einen Schnaps haben?“

Heute lebt Rehm in Kanada und zählt zu den wichtigsten Suchtforschern der Welt. Sein Schwerpunkt: Alkohol. Er lehrt als Professor für Suchtpolitik an der Universität von Toronto und arbeitet unter anderem für das Zentrum für interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg. Er selbst greift immer noch regelmäßig zum Bierkrug – allerdings ist darin mittlerweile vor allem grüner Tee, betont er während eines Videogesprächs mit der F.A.Z. Dabei nimmt er einen großen Schluck aus seinem Krug. Dann verfinstert sich seine Miene: „Die deutschen Gesetze zu Alkohol sind verantwortungslos“, sagt er.

Die Deutschen konsumieren gern Alkohol. Zu oft und zu viel, meint Rehm. 11,2 Liter reiner Alkohol: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO tranken die über 15 Jahre alten Deutschen im Schnitt im Jahr 2022. Das sind etwa 448 Gläser Bier (halber Liter, Alkoholgehalt fünf Prozent). Vor zehn Jahren waren es sogar 12,1 Liter im Jahr. Im EU-Vergleich lag Deutschland damit 2022 auf dem neunten Platz, zusammen mit Frankreich und Portugal. „Da Europa sowieso ein sehr alkoholaffiner Kontinent ist, ist der Wert global gesehen sehr hoch“, sagt Rehm. „Das muss sich ändern.“

Deutlich weniger Behandlungen im Krankenhaus wegen Alkoholmissbrauchs

Wenn Verbandsvertreter der Alkoholindustrie solche Sätze hören, bekommen sie schlechte Laune. Von Wein über Sekt bis Bier: Mittlerweile kämpfen fast alle Alkoholbranchen mit dem Rückgang des Alkoholkonsums in Deutschland. Zum ersten Mal seit 1993 ist der Bierabsatz im ersten Halbjahr 2025 unter die Marke von vier Milliarden Litern gesunken, berichtete das Statistische Bundesamt.

Die Aufklärungsarbeit sei ein voller Erfolg, ist der Deutsche Brauer-Bund (DBB) überzeugt. „Der Alkoholkonsum in Deutschland sinkt seit Jahren, besonders unter Jugendlichen“, sagte der Hauptgeschäftsführer Holger Eichele im vergangenen Jahr. Was stimmt: Die Zahl der Menschen, die wegen Alkoholmissbrauchs stationär im Krankenhaus behandelt werden müssen, ging laut dem Statistischen Bundesamt 2023 im Vergleich vor zehn Jahren um fast 47 Prozent zurück. In der Altersgruppe der 15 bis 19 Jahre alten Deutschen sank die Zahl der Fälle im Zehnjahresvergleich sogar um 61 Prozent. Aber: In dieser Altersgruppe sind immer noch die meisten stationären Behandlungsfälle wegen akuten Alkoholmissbrauchs zu beobachten.

Strengere Regeln? Sind aus der Sicht der Branche nicht notwendig. Tatsächlich ist die wirtschaftliche Bedeutung der Alkoholindustrie gerade für den Sport enorm. Kaum ein Fußballbundesligaverein kommt ohne Sponsoring einer Brauerei aus. Angesprochen auf ein mögliches Werbeverbot von Alkohol im Sport äußerte sich einst der ehemalige DFL-Präsident Reinhard Rauball: „Ein Fußball-Verband sollte sich auf sein Kerngeschäft konzen­trieren und nicht versuchen, der Komplett-Reparaturbetrieb unserer Gesellschaft zu sein.“ Bratwurst, Bier und Fußball seien seit Jahrzehnten „eine Einheit, ein Kulturgut, gerade auch im Amateurfußball“.

Schaden für die Volkswirtschaft von 57 Milliarden Euro

In der Vergangenheit teilte Professor Christoph Breuer von der Deutschen Sporthochschule in Köln auf Anfrage mit: Es stimmt, „dass einige, insbesondere lokale kulturelle und sportliche Events ohne ein Sponsoring der Getränkeindustrie nur schwer finanzierbar wären und ein Ausfall der Geldgeber teilweise schwer zu kompensieren wäre“. Den Gewinnen der Unternehmen stehen allerdings unter anderem Kosten für das Gesundheitssystem gegenüber. Der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) zufolge beträgt der volkswirtschaftliche Schaden durch Alkohol etwa 57 Milliarden Euro im Jahr. Darunter fallen auch Einbußen durch alkoholbedingte Arbeitsunfähigkeit, verminderte Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz sowie Frühverrentungen.

Professor Rehm schüttelt den Kopf, wenn er solche Aussagen hört. „Einige Menschen wollen wissenschaftliche Erkenntnisse nicht ernst nehmen, wenn es um Profit geht“, sagt er. „Es sterben jeden Tag immer noch viel zu viele Menschen an den Folgen von Alkohol.“ Laut der WHO gingen 2019 fast fünf Prozent aller Todesfälle auf der Welt auf Alkoholkonsum zurück. 47.500 Menschen starben 2021 in Deutschland wegen hohen Alkoholkonsums, berichtet Global Burden of Disease (GBD). Laut dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) starben in Deutschland im Jahr 2020 rund 14.200 Menschen an Krankheiten, deren Ursache ausschließlich Alkohol ist. Dass viele Menschen anlässlich des „Dry January“ im Januar keinen Alkohol trinken, habe daran laut Rehm wenig geändert. Auch den Verweis auf den zurückgegangenen Alkoholkonsum hält er für ein Feigenblatt.

Was er betont: „Sie müssen nicht alkoholabhängig sein, damit Alkohol Ihnen Schaden zufügt.“ Alkohol sei nicht nur eine sehr häufige direkte Ursache von zahlreichen Krebserkrankungen wie etwa Brustkrebs bei Frauen. „Auch die mentale Gesundheit kann unter dem deutschen Durchschnittskonsum leiden“, sagt der Psychologe. Grundsätzlich leiden das Immunsystem und die Schlafqualität. Aber dabei bleibt es laut Rehm oft nicht: „Alkohol ist auch häufig die direkte Ursache von Depressionen.“

Alkohol ist in Deutschland besonders günstig

Dass sich all diese Gefahren durch strengere Alkoholgesetze eindämmen lassen, haben Studien zufolge zahlreiche Länder gezeigt. Aber wie genau könnte das auch in Deutschland funktionieren? Das beste Mittel gegen Alkoholschäden seien höhere Alkoholpreise durch höhere Steuern, sagt Rehm. „Höhere Alkoholpreise retten Menschenleben.“ In Deutschland sieht Rehm dabei besonderen Handlungsbedarf.

Tatsächlich sind Wein, Spirituosen und Bier mit Ausnahme von Italien in keinem EU-Land so günstig zu erwerben wie hierzulande, teilte das Statistische Bundesamt vor Kurzem mit. Demnach lagen die Preise für alkoholische Getränke im Einzelhandel im vergangenen Oktober 14 Prozent unter dem Durchschnitt der EU-Länder. In vielen Nachbarländern wie Dänemark (plus 23 Prozent), Belgien (plus 13 Prozent) und in Polen (plus neun Prozent) waren die Alkoholpreise deutlich höher als im EU-Durchschnitt. „Ich will den Alkohol nicht zum Luxusprodukt machen“, sagt Rehm. Aber Deutschland sollte aus seiner Sicht die Alkoholsteuern so erhöhen, dass die Alkoholpreise zumindest das EU-Durchschnittsniveau erreichen.

Die Forschung zeigt Rehm zufolge auch: Es hilft, die Verfügbarkeit von Alkohol einzuschränken. „Tankstellen eingeschlossen, ist Alkohol in Deutschland rund um die Uhr verfügbar“, kritisiert der Suchtforscher. Er fordert: kein Alkoholverkauf zwischen 21 Uhr und 9 Uhr morgens – inklusive Lieferdienste. Dabei sollen Ausnahmen für Restaurants und Bars bestehen. Außerdem wünscht er sich eine Beschränkung der Zahl der Verkaufsstellen je Quadratkilometer.

Hilft ein Werbeverbot?

Aber führt denn auch ein Verbot und oder eine Einschränkung von Alkoholmarketing dazu, dass Menschen unmittelbar weniger trinken? „Die Studienlage dazu war lange uneindeutig“, sagt Rehm. Er selbst könnte aber dazu beitragen, das zu ändern. In einer bisher noch unveröffentlichten Studie untersuchte er zusammen mit Kollegen die Auswirkungen der Alkoholwerbeeinschränkungen in Litauen.

Darin verglichen Rehm und seine Kollegen die Ergebnisse mit Ländern, die zwar höhere Alkoholpreise veranlassten und die Verfügbarkeit einschränkten, aber kein komplettes Werbeverbot veranlassten. Das vorläufige Ergebnis: „Das Werbeverbot hat unmittelbar dazu geführt, dass Jugendliche in Litauen weniger solche Mengen trinken, die einen Rausch hervorrufen.“ Der Forscher betont: „Eine Studie allein reicht nicht aus. Wir brauchen noch mehr Studien.“

Besonders viel Hoffnung, dass Deutschland seine Gesetze bald anpasst, habe er aber nicht. Die Lobby sei sehr stark, sagt Rehm. Immerhin: Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) denkt offenbar darüber nach, unter anderem die Alkoholsteuer zu erhöhen, um die Löcher im Bundeshaushalt zu stopfen. Aber: In einem Jahr mit fünf Landtagswahlen? Und noch dazu, wenn die CSU im Bund Koalitionspartner ist? Wohl eher schwierig.

Geradezu revolutionär klingen daher die Töne, die aus dem traditionell alkoholliberalen Bayern zu hören sind. Die dortige Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU) will das begleitete Trinken abschaffen. „Mit einem frühen Alkoholkonsum gehen wirklich besonders große gesundheitliche Risiken einher“, sagte sie im vergangenen Jahr. „Für uns steht das in klarem Widerspruch zum bayerischen Ziel eines konsequenten präventiven Jugend- und Gesundheitsschutzes.“ Auf Initiative Bayerns fordert der Bundesrat nun von der Bundesregierung, das begleitete Trinken abzuschaffen.

Bisher war es auch für Vierzehnjährige erlaubt, in Begleitung der Eltern etwa Bier und Wein zu trinken. Die Begründung dafür war bisher vor allem: Eltern könnten mit ihren Kindern einen verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol einüben. „Wenn das stimmt, waren deutsche Eltern wirklich schlechte Eltern“, spottet Rehm. Er setzt sich dafür ein, dass alle alkoholischen Getränke – auch Wein und Bier – erst von 18 Jahren an erhältlich sind. Auch das sei ein Kompromiss. Denn eigentlich sei das menschliche Gehirn im Durchschnitt erst mit 22 Jahren voll entwickelt. Sicher ist aus seiner Sicht: „Wir dürfen den Schutz vor Alkohol nicht dem freien Markt überlassen.“