Psyche | Die Geschichte meiner Depression: Eine sehr soziale Krankheit
Wenn Sie das Gefühl haben, sich in einer scheinbar ausweglosen Lebenssituation zu befinden, sollten Sie nicht zögern, Hilfe anzunehmen. Zum Beispiel bietet die Telefonseelsorge in Deutschland unter 0800-111-0111 Hilfestellungen an, das Info-Telefon Depression unter 0800-334-4533 oder die Stiftung Deutsche Depressionshilfe auf ihrer Website
Als ich vor zwölf Jahren meine erste Depression hatte, war ich Anfang 20. Eigentlich war mein Leben immer besser geworden. Ich war in einem kleinen Dorf mit gerade einmal 2.000 Personen aufgewachsen und in der Schule eher unglücklich gewesen. Nun studierte ich in Paris und war auf dem Weg, einen guten Bachelorabschluss zu machen. Ich engagierte mich in einer Studentengewerkschaft, hörte Gastvorträge des berühmten Philosophen Alain Badiou und las nebenbei Gedichte von Stéphane Mallarmé auf Französisch. Ich verstand nicht so viel, aber die Melodie der Sprache war schön.
Dann aber passierte zum ersten Mal das, was mein Leben in den folgenden zehn Jahren bestimmen sollte. Jeder positive Gedanke verschwand einfach aus meinem Kopf. Ich war nur noch müde und erschöpft, konnte kaum mehr aufstehen oder das Haus verlassen. Ich begann eine Therapie, führte Tagebuch und nahm Antidepressiva. Nichts half. Ständig musste ich weinen oder erstickte an Tränen, die nicht kamen. Der Schmerz war allumfassend und zugleich kaum greifbar. Ich dachte, dass ich im Leben alles falsch gemacht hatte und immerzu versagte. Irgendwann musste ich konstatieren: Ich hatte meine erste schwere Depression. Suizidgedanken belagerten mich ständig; ich sah keinen Ausweg mehr.
Dieser Zustand dauerte etwa sechs bis acht Monate an. Dann ging es mir auf einmal wieder besser. Etwa ein halbes Jahr später folgte die zweite Depression. Dieses Muster – mehrere Monate Depression, mehrere Monate Normalität – wiederholte sich. Die gesunde und die kranke Version von mir hatten wenig miteinander zu tun. Medizinisch nennt man das eine rezidivierende depressive Störung. In der internationalen Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation, der ICD-10, trägt sie die nüchternen Codes F33.1 und F33.2. Die Zahl nach dem Punkt bezeichnet den Schweregrad: 1 steht für eine mittelgradige, 2 für eine schwere Episode. Diese medizinisch neutrale Sprache gefiel mir. Während alles haltlos wurde, waren diese Bezeichnungen kalt, aber klar. Mein Leben bestand aus mittelgradigen und schweren Episoden. Das schien mir stimmig.
Jeder Vierte ist im Laufe seines Lebens irgendwann betroffen
Ich begann, mich intensiver mit Depressionen zu beschäftigen. Ich las psychologische Bücher, machte verschiedene Therapien, war in mehreren Krankenhäusern und nahm unterschiedliche Medikamente. Oft fragte ich mich, ob meine Kindheit wirklich so schlimm gewesen war. War das verhältnismäßig? Der Depression sind solche Maßstäbe egal. Sie kümmert sich nicht darum, wie schwer ein Trauma „objektiv“ war. Sie kann auch Menschen mit einer problemlosen Kindheit erwischen. Sie betrifft häufiger Frauen und marginalisierte Personen, aber keineswegs nur sie. Etwa jede vierte Person erlebt im Laufe ihres Lebens eine Depression, viele sogar mehrfach. Sie ist eine der großen Volkskrankheiten der Gegenwart.
Ich begann, mich mit verschiedenen Ansätzen und Versuchen zu beschäftigen, Depressionen begrifflich zu fassen. Eine klassische psychoanalytische Deutung versteht sie als nach innen gewendete Aggression: Wut, Enttäuschung oder Hass lassen sich nicht ausdrücken und wenden sich gegen das eigene Selbst. Mir half diese Vorstellung teilweise, weil sie erklärte, warum Depressionen oft mit Schuldgefühlen, Selbstabwertung und Selbstbestrafung einhergehen. Das Über-Ich – die internalisierten gesellschaftlichen Erwartungen – wird zu stark, während das Ich permanent als defizitär verurteilt wird. Depressionen sind aber nicht nur Aggression nach innen, sondern auch ein Verlust von Welt: von Energie, Begehren und Zukunft. So fühlte ich mich oft allein, abgeschnitten von allem anderen. Zu den inneren Versagensgefühlen traten bald reale, materielle Probleme in der Welt da draußen: kein Einkommen, Verschuldung, Wohnungslosigkeit.
Während für viele das Corona-Jahr 2020 eine Zäsur darstellte, bedeutete es für mich und mein Leben kaum eine Veränderung. Ich war bereits vor der Pandemie depressiv und einsam gewesen. Auf einmal schien sich das Leben der Mehrheit demjenigen der depressiven Minderheit anzugleichen: Viele Probleme, die vorher „nur ich“ hatte, waren jetzt auf einmal allgemein und allgegenwärtig. Gleichzeitig rückte mir die Welt wieder ein Stück näher: Termine fanden in virtuellen Räumen statt, das Studium ließ sich von zu Hause aus verfolgen. Ich nahm wieder an Vorlesungen teil und diskutierte in Seminaren.
Ja, bei mir haben auch Medikamente geholfen
Beinahe aufgegeben hatte ich aber die Hoffnung, dass ein Medikament bei mir anschlagen würde. Seit fünf Jahren hatte ich nahezu durchgehend Suizidgedanken, buchstäblich von morgens bis abends. Der schönste Moment des Tages war oft der Augenblick vor dem Aufwachen, bevor sich das Bewusstsein wieder ausbreitete. Ende 2021 kam ich über die Notaufnahme erneut ins Krankenhaus. Dort erhielt ich erstmals eine Kombination mehrerer Antidepressiva, vor allem Bupropion und Escitalopram. Diese Kombination hatte einen durchschlagenden Effekt.
Zunächst verstummten sämtliche Gedanken, nicht nur die Suizidgedanken, sondern alles. Zum ersten Mal seit Jahren war es still in meinem Kopf. Einige Tage später kehrten die Gedanken zurück, aber gedämpfter. Es war keine Heilung, aber ein Einschnitt. Nie wieder wurde es so schlimm wie in der Zeit davor.
Die Depressionen und viele Probleme blieben bestehen. Doch es gelangen mir zwei organisatorische Erfolge. Der erste betraf die Finanzierung. Da ich formal noch im Studium war, aber die Regelstudienzeit überschritten hatte, fühlten sich weder BAföG-Amt noch Jobcenter für mich zuständig. Ich stellte einen Antrag auf „Feststellung eines Grades der Behinderung“ beim Landesamt für Gesundheit. Mit dem Bescheid beantragte ich bei der Universität ein Teilzeitstudium und konnte dann Hartz IV beantragen. Für viele bedeutet Hartz IV beziehungsweise Bürgergeld beziehungsweise neue Grundsicherung Armut und sozialen Abstieg. Für mich war es ein Aufstieg aus dem Elend. Vorher gab es immer mal wieder Zeiten, in denen ich nichts zu essen hatte und nie nach draußen ging. Jetzt hatte ich eigentlich immer zumindest ein bisschen Geld, um zumindest Nahrungsmittel zu kaufen.
12 Monate warten auf ein Erstgespräch beim Therapeuten
Ein wichtiger Erfolg war ein Antrag auf sogenanntes Systemversagen bei der Krankenkasse. Dadurch konnte ich einen Therapeuten ohne Kassensitz wählen. Zuvor hatte ich bis zu zwölf Monate auf ein Erstgespräch gewartet, jetzt konnte ich direkt mit der Therapie beginnen. Ich hatte nun sowohl eine Finanzierung als auch eine kontinuierliche Therapie. Meine gesundheitliche Situation verbesserte sich dadurch nicht grundlegend. Aber die Medikamente machten die Depressionen erträglicher, die Suizidgedanken leiser. Wenn ich zu krank war, um das Haus zu verlassen, ermöglichte mein Therapeut dankenswerterweise weiterhin Online-Sitzungen.
Vielleicht hatten sich meine Erwartungen verschoben. Zu überleben, war bereits viel wert. Die Ansprüche, die ich früher an mich gestellt hatte, erschienen mir nicht mehr realistisch. Ich ging nur noch sporadisch an die Universität. Statt Hausarbeiten schrieb ich gelegentlich einen kurzen Essay für eine Zeitung. Ich half einem kleinen türkischen Café in der Nachbarschaft bei Behördengängen und Papierkram. Ich fühlte mich in meinem Viertel immer wohler und wurde von der türkischen Community „adoptiert“. Hier erfuhr ich eine Nähe und Zugehörigkeit, die mir oft fehlte. Meine Familie lebt größtenteils in Lateinamerika, ich sehe sie leider nur selten.
2025 wurde ich wohnungslos und hielt mich erstmals länger in Pankow auf. Auf Google Maps suchte ich das nächste Krankenhaus und kam so zur Tagesklinik Pankow. Zunächst konnte ich nicht aufgenommen werden, da die Klinik über die Rentenversicherung abrechnet. Nach einem Antrag und einer gewissen Wartezeit wurde ich aufgenommen. Die Reha-Erfahrung unterschied sich deutlich von früheren Psychiatrie-Aufenthalten.
Viele leiden unter prekären Arbeitsbedingungen
Das Programm war stärker auf Arbeit und soziale Integration ausgerichtet. Viele Patientinnen und Patienten litten unter Burnout oder prekären Arbeitsbedingungen. Mein Wissen aus dem Philosophie- und Soziologiestudium schien irgendwie einen Nutzen zu haben. Ich half anderen dabei, ihre Arbeitserfahrungen im gesellschaftlichen Kontext zu reflektieren. Der Sozialarbeiter, der das Seminar „Konflikte am Arbeitsplatz“ leitete, gab mir viel positives Feedback. Eine Mitpatientin schlug vor, ich solle für eine Gewerkschaft arbeiten. Ich bewarb mich tatsächlich bei Verdi. Ich erhielt zwar keine Antwort, war aber trotzdem froh, irgendwie wieder an der Welt teilhaben zu können.
Wenn ich meine Erfahrungen bündele, dann scheinen mir Medikamente und Therapie am wichtigsten. Klar, eine Krebserkrankung würde man ja auch nicht ohne Medikamente behandeln. Und psychische Krankheiten sind eben auch Krankheiten. Es ist wichtig, sich das immer wieder klarzumachen, wenn man denkt, dass man nur zu dumm oder zu faul ist.
Das Krankenhaus habe ich ambivalent erlebt, wobei man klar zwischen geschlossenen und offenen Stationen unterscheiden muss. Die offenen Stationen der modernen psychosomatischen Klinik, die die meisten Depressiven durchlaufen, haben wenig gemein mit den Horrorbildern aus den 1970er Jahren. Wahrscheinlich retten sie viele Leben. Meine Psychiater habe ich dagegen oft eher als inkompetent wahrgenommen – und die Pharmakologie als eher spekulative Kunst. Das Wichtigste ist vielleicht, nie aufzugeben und trotz allem immer mal wieder ein neues Medikament auszuprobieren. Meine Lieblingsidee ist es derzeit, ein Buch herauszugeben, in dem Betroffene die Wirkungen verschiedener Antidepressiva beschreiben und sagen, was ihnen bei welcher Symptomatik am besten geholfen hat.
Depression hat auch eine soziale Dimension
Darüber hinaus hat Depression aber auch eine soziale Dimension. Einsamkeit, gesellschaftliche Desintegration und neoliberale Arbeitsregime sind für die moderne Depression bestimmt ebenso ausschlaggebend wie biochemische Prozesse oder Traumata. In der Tagesklinik Pankow wurden psychische und soziale Fragen gemeinsam bearbeitet. Am Ende stand oft nicht die Frage nach Heilung, sondern danach, ob und wie eine Rückkehr in Arbeit möglich ist oder ob es einer anderen Form von Tätigkeit bedarf. Das hat die große Depression auf eine relativ erträgliche Frage gestutzt: Wie kann ich eine (andere) erträgliche Arbeitsstelle finden, in der ich auch zu sozialer Teilhabe zurückfinde? Dieses Weg-Finden ist natürlich ein bürokratischer Prozess. In der Krankheit sind die Wege der Bürokratie besonders lang und undurchschaubar. Bürokratie-Wissen scheint mir für depressive Menschen sehr wichtig, sonst fallen sie im Dickicht der Zuständigkeiten einfach durchs Netz.
Ist Heilung möglich? Und was bedeutet das eigentlich, wieder „geheilt“ zu sein? Freud hat das Ziel der Psychoanalyse einmal sehr bescheiden formuliert: Menschen sollten wieder lieben und arbeiten können, also zu einer Welt zurückfinden, in der Bindung und Tätigkeit wieder möglich sind. Lohnarbeit mag eine Hölle sein, aber sie ist auch eine solche Verbindung zur Welt.
David Ernesto García Doell ist Autor und Journalist und schreibt vor allem für Analyse & Kritik und Klasse Gegen Klasse. Auf seinem X-Profil träumt er von einer „Depressiven Internationale“