Privater Katastrophenschutz: Mein Haus, mein Auto, mein Bunker
Ein Hauch von Luxus sollte bleiben. Im Waschraum des Atombunkers unter dem Nürnberger Hauptbahnhof liegt noch ein cremefarbenes Stück Seife, geprägt mit den Worten: „Edel Kernseife“. Im Ernstfall hätten in der sieben Meter unter die Erde betonierten Anlage maximal 2448 Menschen Zuflucht gefunden. Heute kommen 20 freiwillig.
Um 14.30 Uhr beginnt die Führung, an Wochenenden sind die Tickets oft schnell vergriffen. Der Bunker, gebaut in den Siebzigerjahren, ist ein Relikt aus dem Kalten Krieg. In den alten Bundesländer existieren noch 579 dieser Art. Doch für einen Kriegsfall wären sie nicht einsatzbereit.
Pop-up-Panikräume beim Online-Händler
Die Sorge, sich bei einem Angriff gar nicht verkriechen zu können oder zusammen mit Wildfremden auf engstem Raum über viele Tage ausharren zu müssen wie in Nürnberg, bringt manche Hausbesitzer auf die Idee, in die innere Sicherheit der eigenen Immobilie zu investieren. Findigen Anbietern beschert dies nach deren Angaben volle Auftragsbücher.

Sogar der Lebensmitteldiscounter Norma verkaufte voriges Jahr sogenannte Pop-up-Panikräume mit und ohne Panzerstahl. Im Augenblick ist online noch zum Teil preisreduziertes Zubehör verfügbar.
Doch sind solche Anlagen ihr Geld wirklich wert? Norbert Gebbeken ist skeptisch. Der Professor für Baustatik an der Universität der Bundeswehr in München ist Zivilschutzexperte und einer der Autoren, die im Auftrag des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) ein Schutzraumkonzept geschrieben haben. „Jeder Privatmensch, der das möchte, kann sich natürlich einen Bunker bauen“, sagt er. „Aber überlegen wir doch mal. Die Wahrscheinlichkeit, dass es einen Direkttreffer irgendwo auf dem Land gibt, wo Einfamilienhäuser stehen mit Platz genug für so ein Ding, ist so gering, dass ich als Risikowissenschaftler sagen muss: Da kann man auch Lotto spielen.“
Die größte Gefahr wäre wohl nicht der Direkteinschlag einer Bombe
Dem Gros der Bevölkerung kann schon erheblich mit der vorhandenen Infrastruktur geholfen werden, ist Fachmann Gebbeken überzeugt. Zumal die Erfahrungen aus dem Krieg Russlands in der Ukraine lehren: 80 Prozent der Risiken für Menschenleben gehen von sogenannter sekundärer Waffengefährdung aus. Das sind etwa nach einem Raketen- oder Drohnenangriff herumfliegende Glassplitter, auch Computerbildschirme, Fernseher oder Möbelstücke, die aus einem Gebäude geschleudert werden und dann wie Geschosse wirken.
Davor könne sich jede und jeder schützen, indem man sich in Flure, innenliegende Treppenhäuser oder auch Badezimmer ohne oder mit nur kleinem Fenster zurückziehe. In Städten böten auch U-Bahnen und Tiefgaragen ausreichenden Unterschlupf. „Wenn wir dann noch die Checkliste des BBK zur Bevorratung mit Wasser und Lebensmitteln für mehrere Tage beachten, sind wir schon sehr gut vorbereitet“, urteilt Gebbeken.

Anders als Finnland, Schweden oder auch die Schweiz hat Deutschland den Zivilschutz im Vertrauen auf dauerhaften Frieden schleifen lassen. Dass Anlagen wie der Nürnberger Bunker gebraucht würden, wollte sich ohnehin lieber niemand vorstellen. Denn das Szenario sieht so aus: Diejenigen, die es schnell genug zum Einstieg schaffen, müssten in drei Schichten auf den Etagenpritschen schlafen, im Wechsel auf Plastikstühlen dösen oder die Zeit zwischen den Suppenausgaben totschlagen.
Für je 50 Menschen stehen in der Anlage nur ein Waschbecken und eine Toilette bereit. Nach zwei Wochen wäre der Dieselgenerator am Ende, der die abgestandene Luft umwälzte und mithilfe von Aktivkohlefiltern reinigte. Der Krieg und die Verheerungen oben aber wohl nicht.
Flächendeckender Schutz würde hunderte Milliarden kosten
Die gewaltigen Mittel für den Bau flächendeckender neuer Schutzräume wären heute überhaupt nicht vorhanden. Gebbeken hat auch das ausgerechnet: Wollte die Bundesregierung für alle rund 83,5 Millionen Bewohner öffentliche Schutzräume gegen Sekundärgefahren bauen lassen, koste das rund 200 Milliarden Euro.
Für zusätzlichen Schutz gegen biologische und chemische Kampfstoffe sogar an die 800 Milliarden Euro. Die Handwerkskammern winken ohnehin ab. Müssten Fachleute die Räume neben der üblichen Bautätigkeit errichten, wären sie schätzungsweise erst in 30 Jahren fertig.

Das bestätigt jene, die jetzt, je nach Ausstattung, mehrere Tausend Euro bis hin zu einem kleinen Vermögen für den privaten Schutz investieren. Wie viele es tatsächlich sind, ist reine Spekulation. Die Anbieter geben keine Zahlen preis. Ein Betrieb, dessen Name nach einem nationalen Forschungszentrum klingt, entpuppt sich als Einzelunternehmen mit ein paar Hunderttausend Euro Jahresumsatz. Ein anderer spricht von 50 Prozent mehr Aufträgen. Rein rechnerisch ergibt allerdings auch ein Anstieg von zwei auf drei Neubauten ein solches Plus.
Angesichts der Baukrise, die seit Beginn des Kriegs in der Ukraine Bauträger in die Pleite trieb, Familien zwang, ihre Wünsche vom Eigenheim zu begraben, und den Ruf nach günstigen Bauweisen verstärkte, dürfte eine überschaubare Gruppe Geld übrig haben für Schutzraumhüllen aus extra dickem Stahlbeton, Drucktüren, Explosionsdruckventile, Panzerdeckel und dergleichen.

In manchen Nachkriegsbauten findet man noch Kellerräume mit Stahltüren. Dort, wo Mieter jetzt in Verschlägen ihre Skistiefel, Koffer, Umzugskartons und mancherlei Krimskrams aufbewahren. Doch schon während des Kalten Kriegs standen in der Bundesrepublik je nach Region Schutzräume auch nur für drei bis fünf Prozent der Bevölkerung zur Verfügung. Und kein Militärexperte geht ernsthaft davon aus, dass Deutschland im Kriegsfall einer Flächenbombardierung ausgesetzt wäre. Konsens ist vielmehr, dass es gezielte Angriffe auf kritische Infrastruktur geben wird. In dem Fall sind übrigens Häuser ohne „smart“ gesteuerten Schnickschnack eindeutig im Vorteil.
Nichtsdestotrotz: „Das Bedürfnis, Kontrolle zu haben, ist ein Grundbedürfnis. Ohne Angst hätte die Menschheit nicht überlebt“, sagt Eva-Lotta Brakemeier. Sie ist Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Greifswald. Durch Erfahrung und frühes Lernen im Kindesalter hätten wir Strategien entwickelt, um alltägliche Probleme und Herausforderungen zu bewältigen. Globale Krisen wie Kriege oder der Klimawandel jedoch erzeugten diffuse Ängste. „Es fehlt, im Gegensatz zum Säbelzahntiger, das klare Gegenüber. Wenn das darin mündet, dass man sich selbst einen Bunker baut und danach geht es einem besser, dann ist es auch gut“, sagt Brakemeier.
Selbstfürsorge ist gut, die Sorge für andere dringend
Wichtig sei allerdings, dass man sich im Anschluss sage: „Jetzt habe ich alles getan, für drei Wochen Wasser und Vorräte, jetzt wende ich mich wieder dem Leben zu und schaue, wo ich mich engagieren kann.“ Psychisch stabilisierend wirkten in Krisenzeiten vor allem soziale Verbundenheit, das Sich-Kümmern um andere – insbesondere um vulnerable Gruppen – und gesellschaftliches Engagement.
In diesem Zusammenhang regt auch Norbert Gebbeken an, Energie und Finanzmittel in den Umbau von Seniorenheimen und Kliniken zu investieren, damit diese im Fall der Fälle leichter zu evakuieren seien. Die meisten Krankenhäuser hätten aktuell Intensivstationen in oberen Stockwerken mit großen Panoramafenstern. „Ein Desaster. Für mich hat das eine höhere Priorität, als dass fitte Leute, die schnell eine U-Bahn oder Tiefgarage erreichen können, einen Schutzraum bauen oder ihn einfordern.“
Zahlreiche Tiefgaragen, die ohnehin in die Jahre gekommen sind und saniert werden müssen, könnten bei der Gelegenheit allerdings mit Decken gegen Aufpralllasten verstärkt werden. „Es kann durchaus sinnvoll sein und wäre nicht mit großen Mehrkosten verbunden, dass wir in einer Stadt mit einer bestimmten Dichte in solchen Tiefgaragen Schutzfunktionen einrichten, auch Sanitärräume, und eine gewisse Bevorratung machen. Da kriege ich dann doch eine Menge Leute unter.“
Hoffentlich nicht für lange Zeit. Die Teilnehmer der Nürnberger Führung jedenfalls sind froh, als sie nach 75 Minuten im Bunker wieder ins Freie dürfen.