Pritzker-Preis: So tun, wie wäre nichts gewesen

Der Pritzker-Preis, bis vor kurzem die wichtigste Auszeichnung in der Welt der Architektur und oft als inoffizieller Nobelpreis in seiner Sparte bezeichnet, geht in diesem Jahr an den chilenischen Architekten Smiljan Radić Clarke. Präsident der Hyatt-Stiftung, die den Preis vergibt, ist nach wie vor Thomas Pritzker. Der Hotelketten-Erbe sieht sich mit Vorwürfen konfrontiert, wonach eine Minderjährige auf Geheiß von Jeffrey Epstein Sex mit ihm gehabt haben soll. Außerdem sind in den Epstein-Papieren Mails aufgetaucht, die nahelegen, dass Pritzker als eine Art Kriegstourist nach Afghanistan gereist ist. Die Vorwürfe sind bisher nicht entkräftet.
Die Jury des Preises, die von Radić Clarkes Landsmann Alejandro Aravena geleitet wird, sieht offenbar kein Problem darin, mit Pritzker weiter zusammenzuarbeiten. In der Begründung heißt es zu Radić Clarkes Architektur: „Seine Gebäude erscheinen temporär, instabil oder bewusst unvollendet – beinahe im Begriff zu verschwinden –, und doch bieten sie einen strukturierten, optimistischen und still freudigen Schutzraum, indem sie Verwundbarkeit als inhärente Bedingung gelebter Erfahrung annehmen.“ Man fragt sich, ob die Jury eine Sekunde nachgedacht hat, als sie von Schutzräumen und Verwundbarkeit als Bedingung gelebter Erfahrung schwadronierte, nachdem der Namenspatron nicht bereit war, das Naheliegende zu tun und aus seiner Stiftung zu verschwinden und nicht nur aus dem Aufsichtsrat von Hyatt.
Smiljan Radić Clarke jedenfalls nimmt die 100.000 Dollar Preisgeld gern. Womöglich aus der Hand von Pritzker selbst, der die Vergabe bisher immer als Anlass für einen großen Auftritt genutzt hat. Und die Jury wäre sicherlich bereit, das Schauspiel mit Beifall zu bedenken.
Source: faz.net