Presseschau zur royalen Verhaftung: „Königin Elizabeths verwöhnter zweiter Sohn ist ein Tunichtgut“








Prinz Andrews Verhaftung sorgt weltweit für Aufregung. Das sind die ersten Stimmen aus der deutschen und internationalen Presse.

Süddeutsche Zeitung: Auch der britische Premier Keir Starmer, der zweifellos über die Pläne der Polizei vorab informiert war, hatte in einem BBC-Interview, das bereits vor der Verhaftung Andrews aufgezeichnet worden war, betont, „niemand stehe über dem Gesetz“. Bemerkenswert angesichts der Tatsache, dass über Mitglieder des Königshauses im britischen Parlament nicht einmal offen debattiert werden darf. Tatsächlich ist die historische Tragweite all dessen kaum überzubewerten. Wenn man nach einem geschichtlichen Präzedenzfall sucht, muss man bis ins 17. Jahrhundert zurückgehen: Im Jahre 1649 wurde der damalige König Charles I. vom Parlament des Verrats angeklagt, weil er seine Macht dazu genutzt habe, seine persönlichen Interessen zu verfolgen, anstatt zum Wohle des Landes zu handeln. Der Prozess endete mit der Enthauptung des Königs.

Bunte: Royal-Experte Stefan Blatt verfolgt Andrews Fall und seine Rolle im Epstein-Prozess schon lange. Trotzdem war auch er überrascht, als er von dessen Festnahme erfuhr: „Ja, in dem Fall war ich wohl genauso überrascht, wie Andrew selbst. Der hat damit sicher auch nicht gerechnet.“ Dass dem Palast aber weitere Negativ-Schlagzeilen in Sachen Andrew ins Haus stehen könnten, sei absehbar gewesen: „Dass es eine Eskalationsstufe diese Woche geben würde, hat sich in den vergangenen Tagen angekündigt. Denn William hat sich auf seiner Reise nach Saudi-Arabien über seine Sprecherin erstmals dazu geäußert und hat gesagt, sein Herz schlägt mit den Opfern oder den Betroffenen.“



Der Spiegel: Für Charles kommt es darauf an, sich so deutlich wie möglich von seinem Bruder zu distanzieren. Persönlich standen sich die beiden ohnehin nie besonders nahe, im vergangenen Jahr versuchte der König den großen Befreiungsschlag, als er Andrew alle Titel entzog. Auch die letzten Zeichen, die Charles sendete, waren deutlich: Er betonte – im Gegensatz zu Andrew – mehrfach sein Mitgefühl für Opfer von sexuellem Missbrauch. Und er ließ darauf hinweisen, dass er sich finanziell nicht an der Entschädigungssumme beteiligte, die von der Windsor-Familie in Andrews Namen an Virginia Giuffre floss, mutmaßlich ein zweistelliger Millionenbetrag. Wenn diese Strategie der maximalen Distanzierung aufgeht, werden die Royals den Fall Andrew überleben. Sollte es im Lauf der weiteren Untersuchungen aber Hinweise geben,  dass Charles oder andere Mitglieder der Windsor-Familie mehr wussten als bislang bekannt, dann wird es richtig eng.

Verhaftung von Prinz Andrew: Stimmen aus der internationalen Presse

„CNN“: Immer mehr US-Abgeordnete äußern sich zur Verhaftung des ehemaligen britischen Prinzen Andrew Mountbatten-Windsor: „Großbritannien zieht seine Mächtigen und Privilegierten zur Rechenschaft. Die Vereinigten Staaten von Amerika sollten es ihm gleichtun“, sagte der demokratische Abgeordnete Jake Auchincloss aus Massachusetts gegenüber Kate Bolduan von CNN. Sein Kollege aus Massachusetts, der demokratische Abgeordnete Stephen Lynch, Mitglied des Aufsichtsausschusses des Repräsentantenhauses, erklärte gegenüber CNN, die heutige Verhaftung stelle einen „großen Kontrast“ dar. Schauen Sie sich an, was die britische Regierung angesichts der Beweislage unternimmt, und schauen Sie, was die US-Regierung unternimmt. Nichts“, sagte Lynch gegenüber John Berman von CNN. „Deshalb ist es erfreulich, dass die britische Regierung nun aktiv wird … und der König tatsächlich sagt: ‚Wir müssen uns hier an das Gesetz halten.‘ Ich wünschte, unsere Regierung würde dasselbe tun.“

In einem Kommentar für „The Australian“ äußert sich Europa-Korrespondentin Jacquelin Magnay: „Die königliche Familie wird sich weiter von ihm distanzieren. Was ist das Äquivalent zur Einweisung in den Tower im 21. Jahrhundert? Ungeachtet der rechtlichen Konsequenzen von Andrews Verhaftung am Donnerstag, seinem 66. Geburtstag, hat die öffentliche Meinung ihr Urteil längst gefällt: Königin Elizabeths verwöhnter zweiter Sohn ist ein Tunichtgut. (…) „Nichts hat die Zukunft der Monarchie so sehr erschüttert wie die Verhaftung von Andrew. (…) Es ist unwahrscheinlich, dass die Nation der Monarchie gegenüber noch so viel Wohlwollen zeigen oder ein Auge zudrücken kann wie in der jüngeren elisabethanischen Ära. Früher wäre es ein Skandal gewesen, auch nur anzudeuten, dass das 1099 Jahre alte Königreich bedroht sei. Doch wir leben in der Tat in gefährlichen Zeiten.“

Der „London Evening Standard“ beruft sich auf die Reaktion von König Charles: „Das Gesetz muss seinen Lauf der Dinge nehmen“.


Der „Guardian“: „Die Festnahme von Andrew Mountbatten‑Windsor ist ein einschneidender Moment sowohl für die königliche Familie als auch für ihn selbst. Einerseits ist es kaum vorstellbar, dass der Familie nach wochenlangen Informationshäppchen aus den Epstein-Akten des US-Justizministeriums noch größerer Schaden widerfahren könnte. Andererseits ist eine königliche Festnahme dieser Art beispiellos. Es gibt bereits genügend öffentlich zugängliche Informationen, die darauf hindeuten, dass die Polizei davon ausgeht, dass ein Fall wegen Amtsmissbrauchs existieren muss, auf den Andrew antworten muss.“

BBC„: „Die Royals sind schlecht vorbereitet, eine solche Situation zu bewältigen.“




Premierminister Keir Starmer in der BBC: „Jeder, der irgendwelche Informationen hat, sollte aussagen. Egal, ob es Andrew oder jemand anderes ist – jeder, der relevante Informationen hat, sollte sich an die zuständige Stelle wenden. In diesem speziellen Fall sprechen wir über Epstein, aber es gibt viele andere Fälle.“


Sky News: „Die Festnahme von Andrew Mountbatten‑Windsor wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch ist das Schlimmstmögliche für die Krone… Es ist so kritisch, wie es für die Institution nur sein könnte.“

Die Britische Nachrichtenagentur Reuters: Dass Prince Andrew an seinem 66. Geburtstag festgenommen wurde, ist ein beispielloser Vorgang. (…) Ein hochrangiger Royal der modernen Geschichte ist so in dieser Form bislang nicht behandelt worden.

Corriere Della Sera“ aus Italien sagt: „Für die königliche Familie ist dies eine äußerst schwierige Zeit. Nachdem Charles seinem Bruder im vergangenen Oktober alle Titel aberkannt und ihn im Januar gezwungen hatte, Windsor zu verlassen und nach Sandringham zu ziehen, herrscht in Großbritannien der Eindruck, dass die Windsors nicht mit der notwendigen Härte gegen einen Verwandten vorgegangen sind, der bereits vor einigen Jahren beschuldigt wurde, sexuelle Beziehungen zu einer Minderjährigen, Virginia Giuffre, gehabt zu haben und mit Epstein weiterhin Kontakt gehalten zu haben – auch nach dessen Verurteilung wegen sexueller Belästigung und der Vermittlung einer Minderjährigen zur Prostitution.“

Im österreichischen „Der Standard“ äußert sich Korrespondent Sebastian Borger, der den Fall von London aus verfolgt: „Im Normalfall wird ein Beschuldigter nach intensivem Verhör durch die Polizei auf freien Fuß gesetzt. Da Andrew über einen festen Wohnsitz verfügt und keine Vorstrafen vorzuweisen hat, dürfte sein Gewahrsam noch am Donnerstag zu Ende gehen. Er ist jedoch gehalten, den Ermittlern weiterhin zur Verfügung zu stehen; um einer Fluchtgefahr vorzubeugen, müssen Beschuldigte ihren Pass abgeben. Damit wäre dem Ex-Royal der Ausweg verstellt, den einst der abgedankte spanische König Juan Carlos wählte.“

„La Stampa“ aus Italien: Der ehemalige Prinz Andrew ist das erste hochrangige Mitglied der britischen Königsfamilie, das in der modernen Geschichte verhaftet wurde. Obwohl andere Royals ebenfalls mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, wie beispielsweise Prinzessin Anne, die 2002 strafrechtlich verurteilt wurde, nachdem ihr Hund zwei Kinder gebissen hatte, war in den letzten Jahrhunderten niemand wegen schwerer Straftaten in Handschellen oder in Polizeigewahrsam geraten. Um weitere Präzedenzfälle zu finden, muss man bis zum 20. Januar 1649 zurückgehen, als König Karl I. nach dem Ende des englischen Bürgerkriegs in Westminster Hall vor Gericht gestellt und anschließend zum Tode verurteilt und enthauptet wurde.
 

jf ame cz

Source: stern.de