Prägende Kräfte: Wahrheit und Vertrauen – Schlüssel pro unsrige Zukunft

Zu Beginn des neuen Jahres richtet sich die globale Aufmerksamkeit auf Wahlen, geopolitische Spannungen, wirtschaftliche Unsicherheiten und den rasanten Fortschritt der Künstlichen Intelligenz. Doch unter all diesen sichtbaren Entwicklungen liegen zwei grundlegendere Kräfte, die unsere gemeinsame Zukunft weitaus stärker prägen werden: Wahrheit und Vertrauen. Diese sind keine abstrakten Tugenden. Sie bilden die elementaren Voraussetzungen dafür, dass komplexe Gesellschaften in einer Ära funktionieren können, die von schnellem technologischem Wandel, wirtschaftlicher Verflechtung und wachsender sozialer Fragmentierung geprägt ist. Und heute stehen sowohl Wahrheit als auch Vertrauen unter zunehmendem Druck.
Über weite Teile der Moderne galt die Annahme, dass Gesellschaften – trotz unterschiedlicher politischer Einstellungen oder Interessen – im Wesentlichen auf einer gemeinsamen Tatsachengrundlage aufbauten. Diese Annahme löst sich zunehmend auf. Digitale Technologien zersplittern Informationsströme in personalisierte Realitäten; synthetische Inhalte verwischen die Grenze zwischen Authentischem und Manipuliertem; und Algorithmen belohnen das Provokative statt das Präzise. Die Konsequenz ist nicht nur die Verbreitung von Falschinformationen, sondern eine breitere soziale Fragilität – eine Schwächung jenes gemeinsamen Fundaments, auf dem Gesellschaften entscheiden, was verlässlich ist. Wenn verschiedene Gruppen in widersprüchlichen Wirklichkeitsversionen leben, leidet die öffentliche Urteilsbildung, Konsens wird schwer erreichbar, und selbst grundlegende kollektive Entscheidungen geraten ins Stocken.
Vertrauen ist ein strukturelles Gut
Gleichzeitig hat das Vertrauen in Institutionen, Führungspersönlichkeiten, Medien und sogar in Mitbürger deutlich nachgelassen. Vertrauen wird oft als Gefühl beschrieben, ist in modernen Gesellschaften jedoch ein strukturelles Gut: die unsichtbare Infrastruktur, die Zusammenarbeit in Märkten, in demokratischen Institutionen und im täglichen Zusammenleben ermöglicht. Wo Vertrauen vorhanden ist, bewältigen Gesellschaften Unsicherheit mit Zuversicht und Legitimität. Wo Vertrauen sinkt, geraten selbst kompetente Institutionen in Handelnot, Informationen verlieren Überzeugungskraft, und Polarisierung nimmt zu. Unternehmen erkennen zunehmend, dass das Vertrauen ihrer Anspruchsgruppen – das Stakeholder-Vertrauen – eine strategische Ressource ist; Regierungen und internationale Organisationen stellen fest, dass ihre Legitimität weniger auf formaler Autorität als auf dem Zutrauen beruht, das sie einflößen.
Die Herausforderungen des Intelligent Age verstärken diese Dynamik. Künstliche Intelligenz vermittelt heute große Teile menschlicher Kommunikation, Entscheidungsprozesse und Wissensbildung. Je autonomer und undurchsichtiger solche Systeme werden, desto stärker beeinflussen sie das öffentliche Verständnis. Eine Gesellschaft, die bereits Schwierigkeiten hat festzustellen, was wahr ist, wird dies noch schwerer können, wenn Inhalte mühelos erzeugt und kaum noch überprüfbar sind. Eine Gesellschaft, die ihren Institutionen bereits misstraut, wird zögern, Technologien zu akzeptieren, die Vertrauen in ihre Gestaltung und Aufsicht erfordern. Fortschritt entsteht nicht allein durch Innovation, sondern durch die gesellschaftliche Fähigkeit, Innovation zu verstehen, zu vertrauen und sinnvoll zu integrieren.
Mit Blick auf das neue Jahr sind daher nicht technologische Prognosen oder geopolitische Vorhersagen die entscheidenden Fragen. Wichtiger und grundlegender sind folgende Überlegungen: Können sich Gesellschaften weiterhin auf grundlegende Fakten einigen? Haben Bürger noch genügend Vertrauen in ihre Institutionen, um Unsicherheiten zu bewältigen? Und können wir Stabilität oder Fortschritt erwarten, wenn Wahrheit instabil und Vertrauen zunehmend fragil ist?
Wahrheit und Vertrauen sind keine nostalgischen Werte. Sie bilden die Betriebsgrundlage jeder funktionsfähigen Gesellschaft – und die entscheidenden Variablen des Intelligent Age. Ob die kommenden Jahre durch Fragmentierung oder Erneuerung geprägt sein werden, hängt weniger von der Raffinesse unserer Technologien ab als von der Konsistenz der Wahrheiten, die wir teilen, und der Stärke des Vertrauens, das uns verbindet.
Klaus Schwab ist Gründer des Weltwirtschaftsforums und der Schwab Akademie.