Positioniert in allen Megatrends: Südkorea überholt die deutsche Handelsplatz

Nach einem rasanten Aufschwung in den vergangenen zwölf Monaten hat der Aktienmarkt in Südkorea erstmals die deutsche Börse überholt. Kräftige Kursgewinne bei Schwergewichten wie Samsung Electronics, SK Hynix und Hyundai Motor führten dazu, dass der Gesamtwert koreanischer Aktien am Mittwoch auf 3,25 Billionen Dollar stieg, während die an den deutschen Börsen gelisteten Konzerne nach Berechnungen des Finanzdienstes Bloomberg nur auf 3,22 Billionen Dollar kommen. Südkorea sei nun der zehntgrößte Aktienmarkt und rangiere damit knapp hinter Taiwan. Deutschland fällt auf Platz elf.
Die Gründe liegen auf der Hand. Zwar ist die deutsche Volkswirtschaft mit einem Bruttoinlandsprodukt von 4,5 Billionen Euro etwa zweieinhalbmal so groß wie die koreanische mit umgerechnet etwa 1,9 Billionen Euro. Doch die großen Konzerne in Südkorea erwirtschaften ihr Geld in mehreren wichtigen Zukunftsbranchen. So haben die beiden Chiphersteller Samsung und SK Hynix zuletzt kräftig vom Aufschwung der Künstlichen Intelligenz profitiert. SK war über lange Zeit der einzige Zulieferer bestimmter Speicherchips für den KI-Pionier Nvidia, Samsung hat inzwischen seinen technologischen Rückstand aufgeholt.
Bewertung von SK Hynix hat sich vervierfacht
Aktuell profitieren beide Konzerne zudem von einer Knappheit am Markt für Speicherchips, in dessen Zuge die Preise angezogen haben. In der Folge ist allein der Aktienkurs von Samsung seit Jahresbeginn um ein Viertel gestiegen. Die Bewertung von SK Hynix hat sich innerhalb eines Jahres sogar vervierfacht.
Auch der drittgrößte Autokonzern der Welt, Hyundai mit seiner Tochtergesellschaft Kia, hat sich zum Anlegerliebling gemausert, seit er Anfang Januar auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas seine überraschend weit fortgeschrittene Strategie mit humanoiden Robotern vorführte. Der „Atlas“, den die Tochtergesellschaft Boston Dynamics entwickelt hat, soll schon in den nächsten Jahren schrittweise und von 2030 an dann umfassender in den Fabriken von Hyundai Aufgaben übernehmen. Diese Aussichten haben den Kurs des Autokonzerns seit Jahresbeginn um zwei Drittel ansteigen lassen.
Selbst die Androhung Donald Trumps vom Montag, die Zölle für südkoreanische Importe wieder anzuheben, konnte die gute Stimmung an der Börse in Seoul nicht eintrüben. Kurzzeitige Kursverluste waren nach kurzer Zeit wieder vergessen. Schon am Dienstag amerikanischer Zeit zeigte sich Trump wieder zuversichtlich, dass man eine Lösung finden werde.
Alles in allem sind in diesem Monat 1,7 Billionen Dollar in den koreanischen Aktienmarkt geflossen, was den koreanischen Leitindex Kospi um 23 Prozent steigen ließ. Schon im vergangenen Jahr war die Börse in Seoul mit einem Plus von 76 Prozent der Spitzenreiter unter den Aktienmärkten in aller Welt gewesen. Deutschlands DAX-Index mit seiner Konzentration auf klassische Industriekonzerne hat im gleichen Zeitraum dagegen nur um 1,7 Prozent zugelegt.
„In Deutschland gibt es nicht mehr viel Tech“
Keith Bortoluzzi, Geschäftsführer der Anlagegesellschaft Impactfull Partners mit Sitz in Singapur, bezeichnet Südkorea gegenüber Bloomberg als „einzigen Markt, der derzeit am Engpass der drei kritischsten Megatrends der 2020er-Jahre positioniert ist: KI, Elektrifizierung und Verteidigung“. Luca Paolini, Chefstratege bei Pictet Asset Management, sieht zwar viele Ähnlichkeiten zwischen den exportorientieren Volkswirtschaften Südkorea und Deutschland. Der entscheidende Unterschied liege aber in der Technologie. „Deutschland kämpfte vor etwa 20 Jahren noch um die Spitzenposition, aber wenn man sich heute deutsche Aktien anschaut, gibt es nicht mehr viel Tech.“
Der Börsenaufschwung ist aber auch ein Erfolg des im vergangenen Sommer gewählten Präsidenten Lee Jae-myung, der mit einigen Reformen Investitionen in koreanische Unternehmen attraktiver gemacht hat. Mit der Initiative „Kospi 5000“ hat die Regierung den Aktiengesellschaften unter anderem neue Transparenzpflichten auferlegt und sie zu Aktienrückkäufen verpflichtet, um die Kurse zu stützen. Ziel der Übung war, den „Korea-Rabatt“ loszuwerden, also den Preisabschlag gegenüber anderen Märkten, der vor allem auf schwache Corporate-Governance-Vorschriften in dem Land zurückgeführt wird. Das nächste große Ziel ist der Aufstieg vom Schwellenland zum entwickelten Markt in den Statuten der großen Indexanbieter wie Morgan Stanley Capital International (MSCI). Erst dann würden südkoreanische Aktien zum Beispiel in ETF auf den MSCI World und vielen anderen Indexfonds berücksichtigt werden.
Wird sich die Rally noch fortsetzen?
Als der Kospi-Index vor wenigen Tagen tatsächlich erstmals die Marke von 5000 Punkten überschritt – eine Verdopplung gegenüber dem Jahresanfang 2025 – bezeichnete Präsident Lee den Aktienmarkt als „immer noch unterbewertet“. Damit ist er in guter Gesellschaft vieler Marktbeobachter, die etwa darauf verweisen, dass der Kospi-Index nur mit dem 10,6-Fachen der erwarteten Gewinne gehandelt wird, verglichen mit dem Dax bei 16,5.
„Wir gehen davon aus, dass sich die Rally fortsetzen wird, da der Markt im Vergleich zu anderen globalen sowie großen asiatischen Märkten wie Indien und Taiwan weiterhin attraktiv bewertet ist“, sagt etwa Jonathan Pines vom Vermögensverwalter Federated Hermes. „Das Thema Reformen in Südkorea ist aus unserer Sicht noch nicht ausgeschöpft, und wir rechnen auch künftig mit unterstützenden Entwicklungen.“ Zudem verweist er darauf, dass der bisherige Börsenaufschwung vor allem auf die Kapitalzuflüsse in die großen Konzerne und damit die globalen Megatrends zurückzuführen sei. Von den Reformen profitierten aber vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen in Südkorea, die weiterhin unterbewertet seien.
Source: faz.net