„Polizeiruf 110“ aus Potsdam: Ermittler aufwärts dieser Therapiematte

Eine Schmucksammlung wird gestohlen, aber nicht aus einem berühmten Museum und nicht heimlich bei Nacht, sondern am Tag und offenbar ohne viel Aufwand aus einem Geschäft in der Innenstadt. Im fernsehüblichen Krimijargon müsste die Frage jetzt lauten: „Wer macht so etwas?“

Genau sie treibt im „Polizeiruf 110: Goldraub“ die beiden Kommissare durch Potsdam. Aus dem dortigen Museum stammt der Schatz, dessen Versicherungswert sich auf 1,5 Millionen Euro beläuft und dessen kunsthistorischer Wert natürlich erheblich höher ist. Für eine Ausstellung sollte er in einer bei derlei Anliegen bewährten Goldschmiede-Manufaktur restauriert werden. Niemand außer den direkten Beteiligten wusste von dem Auftrag. Dennoch wird der Laden überfallen, die Sammlung geraubt, der Juwelier getötet. War es die polnisch-deutsche Bande, die im Grenzgebiet schon länger ihr Unwesen treibt?

Wenig Schwung zwischen Kajal und Kalendersprüchen

Frank Leo Schröder als Kriminalhauptkommissar Karl Rogov und André Kaczmarczyk als sein Kollege Vincent Ross bemerken rasch Ungereimtheiten und vermuten Trittbrettfahrer. Rogov ist unwirsch-schwerfällig, Ross im bindenden Figurenprofil des RBB genderfluid mit geschminkten Augen und Langarmshirt aus schwarzer Spitze. Der eine pflaumt beim Verhör kerlig herum. Der andere fühlt sich sämig in sein Gegenüber ein und gewinnt auf diese Art Erkenntnisse: Das ist das neue Männerbild, mit dem der RBB offenbar jüngere Zuschauer ansprechen will.

Trotz Kajal und Kalendersprüchen („Es geht grundsätzlich immer um alles“ oder „Wir wollen alle nach Hause“) kommt der Film in der Regie von Felix Karolus, der mit Peter Dommaschk und Ralf Leuther auch das Drehbuch schrieb, nicht in Schwung – da kann Ross noch so tiefe Blicke in die Gegend werfen und Rogov wie ein wilder Stier gegen den Sandsack boxen, um seine Nikotinsucht loszuwerden.

Ross (André Kaczmarczyk, re.) und Rogov (Frank Leo Schröder, li.) befragen die Angestellte des Juweliergeschäfts, Katrin Gollwitz (Esther Esche). Foto RBB
Ross (André Kaczmarczyk, re.) und Rogov (Frank Leo Schröder, li.) befragen die Angestellte des Juweliergeschäfts, Katrin Gollwitz (Esther Esche). Foto RBB

Ins Visier der ausgestellt gegensätzlich gezeichneten Kommissare gerät ein schwules Paar aus einem Krankenpfleger und einem Paketboten. Letzterer war in den Raubüberfall verwickelt, wurde angeschossen, stirbt. Angeblich hat sein Freund nichts von alldem gewusst. Ross entdeckt allerdings nicht nur das Kokaintütchen in der Kaffeedose. Er registriert, dass der verstörte Mann nicht die Wahrheit sagt, und schafft eine Vertrauensbasis. Ebenso sensibel reagiert er auf den Sohn der Witwe, der offenbar kein Wässerchen trüben kann, doch Ross glaubt: „Wir haben alle ein zweites, geheimes Leben.“

Der Film breitet sich bald schläfrig wie auf der Therapiematte aus, die Ross ausrollt, wenn er seine Yoga-Übungen mitten im Großraumbüro praktiziert. Einzig Deborah Kaufmann als die verzweifelte Goldschmiedin, die am Unglückstag einmal kurz das Geschäft verließ und bei der Rückkehr ihren toten Mann vorfand, gibt der Geschichte den emotionalen Abgrund, den sie eigentlich hat und der zu wenig veranschaulicht wird. Die Witwe will nicht wahrhaben, dass familiäre Verstrickungen bei dem Raub wahrscheinlich sind, und tut, gezeichnet von Schmerz und Gram, alles, um Sohn, Schwiegertochter und Enkelkind zu beschützen.

Hübsche Petitesse im „Polizeiruf 110“-Kosmos: Der Hund der von Anne Müller gespielten Polizistin Klempke absolviert eine Ausbildung zum Mantrailer und führt sie schnüffelnd in die Gartenlaube, in welcher der verletzte Räuber stirbt. Und wenn man schon mal in Potsdam dreht, muss natürlich der Park von Sanssouci ins Bild, den Rogov und Klempke durchsuchen und wo sie in einem Gebüsch tatsächlich die Waffe finden, die beim Überfall benutzt wurde.

Es ist eine Attrappe – wie im Grunde diese gesamte Folge, die viele Referenzpunkte antippt, sich gehörig verzettelt und die Story verplempert. Ja, es geht um Spielsucht, ja, es geht um gescheiterte Lebensentwürfe, ja, man sieht nur mit dem Herzen gut – aber so geflissentlich Wolfgang Aichholzer die Stadt Potsdam und ihre schönen Bauten aufnimmt, so spannungslos rankt sich „Goldraub“ dazwischen durch. Am Schluss wird noch die filmische Auflösung des Verbrechens präsentiert und zeigt überdeutlich, wie alles wirklich gewesen ist. Warum muss man sein Publikum derart unterschätzen?

Der Polizeiruf 110: Goldraub läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Source: faz.net