„Polizeiruf 110“ aus München: Mal plan den Kopf trösten für jedes die Reichen

Kann man sich von Schuld freikaufen? Der „Polizeiruf 110“ aus München stellt diese Frage – spannend und moralisch bissig.
- 4 von 5 Punkten
- Spannender Krimi mit Gesellschaftskritik um die großen Fragen von Schuld, Gerechtigkeit und Anstand
Worum geht’s in diesem „Polizeiruf 110“?
In München in der Isar wird die Leiche einer getöteten Frau entdeckt. Schnell wissen die Kommissare Cris Blohm (Johanna Wokalek) und Dennis Eden (Stephan Zinner), dass der Mord an ihr bereits aufgeklärt ist: Damals hat der Geflüchtete Léon Kamara (Yoli Fuller) die Tat gestanden und behauptet, die Frau zerstückelt und im Müll entsorgt zu haben. Jetzt sitzt er im Gefängnis. Warum hat sich Kamara damals freiwillig gestellt – und dann gelogen?
Gleichzeitig werden die beiden Kommissare mit den Ermittlungen zu einem tödlichen Autounfall mit Fahrerflucht betraut. Der Täter, Victor Reisinger (Shenja Lacher), ein arbeitsloser Familienvater mit Geldproblemen, ist schnell gefunden. Als die Kommissare auch bei dessen Geständnis auf Widersprüche stoßen, sucht Blohm sich Rat und Unterstützung bei dem renommierten Rechtsanwalt August Schellenberg (Tobias Moretti). Die weiteren Ermittlungen ergeben, dass die Hintergründe der beiden Fälle Ähnlichkeiten aufweisen. Wurden hier falsche Geständnisse erkauft?
Warum lohnt sich der Fall „Ablass“?
„Wieviel Geld müsste man dir zahlen, damit du für einen anderen in den Knast gehst?“, fragt Kommissarin Blohm ihren Kollegen Eden beim Feierabend-Bier. Der hat keine konkrete Antwort, gibt aber zu, dass es eine Summe gäbe. Blohm hingegen sinniert, dass sie höchstens aus Liebe für jemand anderen den Kopf hinhalten würde. Es sind Fragen wie diese, die sich durch den ganzen Fall ziehen. Kann man sich von Schuld freikaufen? Wie hoch ist der Preis dafür? Und welche Konsequenzen zieht so ein „perverser Ablasshandel“ – Zitat Blohm – nach sich?
Das alles ist höchst unterhaltsam. Vor allem die Szenen zwischen Blohm und Anwalt Schellenberg, sind grandios: Die Kommissarin baut hartnäckig moralischen Druck auf, prallt am aalglatten Anwalt ab, der sich die Welt geschickt so zurechtredet, dass es für ihn passt. Motto: Gerechtigkeit gibt’s eh nicht, warum also nicht von der Ungerechtigkeit profitieren?
„In meine Schreibarbeit floss unter anderem das aktuelle Weltgeschehen mit ein, wo wieder das ‚Recht der Stärkeren‘ gilt, wo Politik, Moral und Gerechtigkeit als ‚Deal‘ betrachtet werden und nur noch der Preis stimmen muss“, sagt Drehbuchautor und Regisseur Christian Bach über den Fall.
Was stört?
Eigentlich nichts. Wer jedoch einen klassischen Krimi erwartet, wird überrascht sein. Die Spannung in diesem „Polizeiruf“ kommt nicht von der Frage nach den Tätern, da ist bereits nach nicht einmal der Hälfte des Films klar, wohin die Sache läuft. Stattdessen lebt der Fall von den Ermittlungsstrategien der Kommissare – und von gleich mehreren schockierenden Wendungen.
Die Kommissare?
Müssen damit zurechtkommen, dass ihre Arbeit nicht immer auch zu Gerechtigkeit führt. Vor allem Kommissarin Blohm will unbedingt die Wahrheit herausfinden, vertraut dabei auf ihr Bauchgefühl und bleibt hartnäckig: Immer wieder konfrontiert sie die Verdächtigen, stellt betont harmlos eine Frage – „nur für die Akten“. Kommissar Eden ist in der Hinsicht schon abgebrühter: „Wenn du die Wahrheit nicht beweisen kannst, ist es nicht die Wahrheit.“
Ein- oder ausschalten?
Einschalten, dieser Krimi lohnt sich allein für die Katz-und-Maus-Dialoge zwischen Kommissarin Blohm und Schicki-Micki-Anwalt Schellenberg.
Source: stern.de