Pionierinnen welcher Bundesbank: Diese Frauen waren zu Händen Währungsreform und Bankenstatistik unentbehrlich

Sie war allein unter Männern. Im Frühjahr 1948 wurde einer Gruppe von elf Finanzfachleuten eine besondere Aufgabe anvertraut: die Einführung einer neuen Währung in den westlichen Besatzungszonen vorzubereiten, der D-Mark. Eigentlich sollten es elf Männer sein. Aber einer sprang ab, und an seine Stelle rückte eine Frau nach – Wilhelmine Dreißig.

Schon damals, im Alter von 34 Jahren, war Wilhelmine Dreißig ausgewiesene Expertin für öffentliche Finanzen. Dabei war ihr Lebensweg alles andere als vorgezeichnet. Wilhelmine Dreißig stammte aus einfachen Verhältnissen, wuchs in einer kleinen Gemeinde im Westerwald auf. Dass sie in dieser Zeit die Allgemeine Hochschulreife erreichte, war bereits bemerkenswert. Erst recht, dass sie danach als Frau im „Dritten Reich“ in Berlin Volkswirtschaftslehre studierte.

Dafür musste Wilhelmine Dreißig den Frauenarbeitsdienst ableisten – das wurde für das Studium vorausgesetzt. Um ihren Weg zu gehen, war sie offenbar bereit, sich an die Gegebenheiten im „Dritten Reich“ anzupassen. Dreißig erlangte sogar die Doktorwürde und fing 1939 als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Forschungsstelle für Wehrwirtschaft an. Von hier wechselte sie 1944 ins Reichsfinanzministerium. Beide Behörden waren in NS-Verbrechen verstrickt. Dreißigs konkrete Funktionen dort sind unklar. Da sie kein Mitglied der NSDAP wurde, galt sie nach dem Krieg für die westlichen Alliierten als „unbelastet“.

In den Nachkriegsjahren 1946/47 war Wilhelmine Dreißig für die Finance Division der US-Militärregierung in Württemberg-Baden tätig. Für den Leiter dieser Finanzabteilung war sie eine der „most valuable persons in our office“. Daher verwundert es nicht, dass sie anschließend Sachverständige für Economics and Public Finances bei der obersten US-Militärregierung in Berlin wurde. Hier arbeitete sie unter anderem an der Entwicklung des Einkommensteuerrechts und der Ausgestaltung des Länderfinanzausgleichs.

Unermüdliche Einsatzbereitschaft

Richtig Eindruck machte Wilhelmine Dreißig dann beim Vorbereiten der Währungsreform. So sehr, dass gleich mehrere Mitstreiter sie für eine Tätigkeit bei der Bank deutscher Länder empfahlen, der Vorgängerin der Deutschen Bundesbank. Noch im Sommer 1948 fing sie in Frankfurt am Main an und übertraf auch hier die in sie gesetzten Erwartungen. 1956 wurde sie Leiterin der Abteilung Öffentliche Finanzen – Dreißigs Spezialgebiet. „Ihre Fähigkeiten, die auch in Fachkreisen (…) Anerkennung fanden, sind für die Bank unentbehrlich“, so stand es in Dreißigs Beurteilung. Neben ihrer Expertise ragte ihre unermüdliche Einsatzbereitschaft heraus. Als der Leitungsposten der Hauptabteilung Volkswirtschaft und Statistik vakant war, übernahm sie über einen langen Zeitraum den Großteil der Aufgaben.

Wilhelmine Dreißig wäre wohl eine Kandidatin für noch höhere Aufgaben bei der Bundesbank gewesen. Doch 1966 wechselte sie als Professorin für Finanzwissenschaft an die Freie Universität in Berlin. Die Universität erschien ihr als „Ort höherer geistiger Ordnung“. Später lehrte sie an der Goethe-Universität in Frankfurt.

1972 schaffte eine andere Ökonomin den Sprung, der Wilhelmine Dreißig nicht gelungen war: Anna-Elisabeth Lüke wurde die erste Leiterin einer Hauptabteilung der Bundesbank. Lüke, 1916 in Paderborn geboren, hatte in den Dreißigerjahren Sprachen studiert und als Übersetzerin gearbeitet. 1940 wechselte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin zum Deutschen Institut für Bankwissenschaft und Bankwesen. In dieser Zeit entwickelte sich ihr Interesse an Volkswirtschaft und Statistik. Mitten im Krieg begann sie ein weiteres Studium und wurde 1946 Diplom-Volkswirtin. Wie Wilhelmine Dreißig arbeitete sie danach für die US-Militärregierung, zunächst in Stuttgart und dann in Frankfurt. Schon damals befasste sie sich mit Statistiken, leitete sogar das statistische Büro beim Bankenrat der amerikanischen Zone.

In der Bankenstatistik fand Anna-Elisabeth Lüke 1948 auch ihr erstes Betätigungsfeld in der Bank deutscher Länder. Bereits acht Jahre später übernahm sie die Leitung der Abteilung Banken- und Devisenstatistik. Damals war sie gerade mal 40 Jahre alt. Die große Abteilung leitete sie „mit Umsicht, Takt und großem Geschick“, wie es in Lükes Beurteilung hieß. Auch bei Verhandlungen mit Verbänden und Ministerien sei sie sehr begabt und gehe geschickt vor. Die Beurteilung endete mit dem Satz: „Sie ist für ihre Position besonders geeignet und dort im Grunde unentbehrlich.“

Damals ein absolutes Novum

Lükes energischer Einsatz, die Statistiken in ihrem Bereich auf elektronische Datenverarbeitung umzustellen, fiel auf. Eine spätere Beurteilung bestätigte nicht nur ihre Leistungen. Ihr wurde auch bescheinigt, zusätzliche Aufgaben übernehmen zu können. Deshalb wurde sie 1966 zur stellvertretenden Leiterin der Hauptabteilung Volkswirtschaft und Statistik ernannt. Als man diese Hauptabteilung 1972 aufspaltete, wurde Anna-Elisabeth Lüke die Leitung des neuen statistischen Bereichs anvertraut. Im Rückblick erscheint dieser Schritt nur folgerichtig. Doch damals war Lükes Ernennung zur Hauptabteilungsleiterin ein Novum.

In der Gesamtschau muss man sagen: Wilhelmine Dreißig und Anna-Elisabeth Lüke waren nicht die Regel, sondern als Frauen in Führungspositionen die Ausnahme in der frühen Zeit der Bundesbank. Umso wichtiger ist es, dass wir uns an sie und ihre Leistungen erinnern.

Ulf Slopek ist Präsident der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank in Hessen, Matthias Endres ist Mitarbeiter der Deutschen Bundesbank im Stab des Präsidenten der Hauptverwaltung in Hessen, Christian Marx ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte.

Source: faz.net