Philipp Amthor | Wie konnte Philipp Amthor trotz Lobby-Skandalen zum Shootingstar dieser Konservativen werden?
Jetzt ist er also Staatssekretär. Mit 32! Zuständig für Digitalisierung und Staatsmodernisierung. Wie zum Teufel hat der Junge mit der Hornbrille das bloß geschafft? Und was qualifiziert ihn dazu? Seine 125.000 Follower bei Instagram? Philipp Amthor, der Shootingstar der deutschen Konservativen, ist pfeilschnell oben angekommen. Dabei war er anfangs eine Lachnummer.
2017 höhnt der Spiegel in einem bissigen Porträt, Amthor sei derjenige gewesen, „der im Sportunterricht stets als Letzter in eine Mannschaft gewählt wurde“. Während seine Altersgenossen Fußball spielen oder cool in der Gegend abhängen, trägt Amthor Anzüge mit Einstecktüchlein und Deutschlandfahne am Revers, ist immer korrekt gescheitelt und wirkt wie ein aus der Zeit gefallener Streber. „Muttis Liebling“ nennt ihn die Ostsee-Zeitung, sein „Schuljungengesicht“ verleitet zu hämischen Witzen und die Zeit konstatiert halb belustigt, halb anerkennend, Amthor sei eine Ikone, „ein milchgesichtiges Meme für Altbackenes“.
Im Herbst 2019 gibt er dem Youtuber Rezo, der die CDU „zerstören“ will, ein unbeholfenes Kontra: „Hey, Rezo, du alter Zerstörer!“ Heute ist Amthors Tapsigkeit Kult. Sein altväterlich-konservatives Auftreten wird als Widerstand gegen den Zeitgeist gefeiert. Wer genau ist dieser Mann? Und wie konnte er so schnell Karriere machen?
In der Jungen Union macht er sich unentbehrlich
Aufgewachsen ist er in Torgelow, einer Kleinstadt im äußersten Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns, an der Grenze zu Polen, wo sich die Panzergrenadiere der Bundeswehr und die Malocher der Eisengießerei gute Nacht sagen. Zu DDR-Zeiten kursierte der Witz vom „Land der drei Meere“: dem Wald-Meer, dem Sand-Meer und dem Nichts-mehr.
Der Vater, ein Soldat, macht sich frühzeitig aus dem Staub, die alleinerziehende Mutter, eine gelernte Werkzeugmacherin, kümmert sich nach der Wende als Coach um die Mitarbeiter eines Callcenters. So verbringt Philipp Amthor viel Zeit bei den Großeltern, hört deren Geschichten über die Flucht aus Ostpreußen und übernimmt ihre Vorstellungen von Ordnung, Sauberkeit, Fleiß und Anstand. Und fleißig ist Amthor völlig ohne Zweifel.
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Schon in der Schulzeit, und später im Jura-Studium in Greifswald, beginnt er, Pöstchen zu sammeln. Er muss sich aus kleinen Verhältnissen hocharbeiten. In der Jungen Union und in der CDU macht er sich unentbehrlich, hilft Abgeordneten im Wahlkreisbüro und beim Flyerverteilen, wird JU-Vorsitzender des Kreises Vorpommern-Greifswald, CDU-Vorsitzender und Stadtrat in Ueckermünde und holt – mit 24! – bei der Bundestagswahl 2017 das Direktmandat im Wahlkreis Mecklenburgische Seenplatte I – Vorpommern-Greifswald II.
Mit dem Abgeordnetenmandat im Rücken wird aus dem Vernetzen ein Fulltimejob. Da die CDU in Mecklenburg-Vorpommern mit nur 4.331 Mitgliedern eher einer Diaspora in Feindesland gleicht (in Nordrhein-Westfalen gibt es 25-mal so viele Mitglieder), kommt man zwar innerparteilich schnell voran, braucht aber zusätzliche Stützpunkte außerhalb der Partei.
Das Direktmandat verliert er 2021 wieder an einen SPD-Linken
Amthors Doppelstrategie lautet deshalb: so viel Standbein wie möglich in der Heimat, so viel Spielbein wie möglich draußen in der Welt. Er wird Generalsekretär der Landes-CDU, im CDU-Bundesvorstand übernimmt er die undankbare Rolle des Mitgliederbeauftragten, im JU-Bundesvorstand die ebenso undankbare Aufgabe des Schatzmeisters, im Bundestag betreut er die Ost-CDUler und den Parlamentskreis Mittelstand. Er wanzt sich an Angela Merkel heran und später an Annegret Kramp-Karrenbauer und noch später an Friedrich Merz. In der Atlantikbrücke, in der Europa-Union, im Bund der Vertriebenen und im Diözesanrat des Erzbistums Berlin (2019 tritt er in die katholische Kirche ein) sammelt er nützliche Kontakte.
Zu Hause sitzt er im Verwaltungsrat der örtlichen Sparkasse, im Regionalbeirat des Klinikbetreibers Ameos (der lange einer US-Heuschrecke gehört), im Förderverein Schloss- und Gutshofanlage Ludwigsburg, und er macht, obwohl er keiner Fliege etwas zuleide tun kann, 2018 die Jägerprüfung. Der Landesjagdverband hat schließlich mehr Mitglieder als die CDU. Überall pflegt er Verbindungen, die ihm weiterhelfen können. Im Förderverein etwa zum stellvertretenden Vorsitzenden der Landes-CDU, Sascha Ott, bei der Europa-Union zum künftigen Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Adressen, Telefonnummern, Pöstchen – das ist es, was Amthors Karriere ausmacht.
Politisch ist er weniger erfolgreich. Das Direktmandat, das er 2017 mit 31,2 Prozent der Erststimmen gewinnt, verliert er vier Jahre später an den SPD-Linken Erik von Malottki, 2025 an den AfD-Rechten Enrico Komning, der mit 45,2 Prozent der Erststimmen mehr als 25 Prozentpunkte vor Amthor liegt.
Philipp Amthor zeigt Nähe zu Rechtsextremen
Auch in seinen Heimatgemeinden Ueckermünde und Torgelow hat die AfD die CDU überrundet. Trotz aller Anstrengungen, als deutsch-konservativer Politiker wahrgenommen zu werden, gehen Amthor die Wähler von der schwarz-rot-goldenen Fahne. 2016 gründet er mit Sascha Ott den „Konservativen Kreis“ in der CDU Mecklenburg-Vorpommern, einen frühen Vorläufer der Werteunion. Ott zählt zu jenen Christdemokraten, die die Brandmauer zur AfD lieber heute als morgen einreißen wollen.
2021 zeigt sich Amthor beim Reitturnier „Stettiner Haff“ mit zwei Rechtsradikalen, von denen einer auf dem T-Shirt die Aufschrift „Solidarität mit Ursula Haverbeck“ trägt. Haverbeck ist als Holocaust-Leugnerin bekannt. 2025 beschäftigt Amthor einen Mann als Leiter seines Berliner Abgeordnetenbüros, der zwar Mitgliederbeauftragter von Amthors CDU-Kreisverband ist, aber auch in der rechtsextremen Burschenschaft „Markomannia Aachen Greifswald“ sein Wesen treibt.
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Amthor gibt sich nach solchen Enthüllungen gern reumütig und ahnungslos. Er habe das nicht gewusst, er habe sich dummerweise einspannen lassen. Weil er so „nah an den Menschen“ sei, unterliefen ihm halt bisweilen „Fehler“. Als ewige „Zukunftshoffnung der CDU“ kann er sich jederzeit auf Welpenschutz berufen. Jugendsünden, sagen CDU-Altvordere milde. Er werde die nötigen Lehren ziehen. Wie im Fall „Augustus Intelligence“, dem bis heute nicht aufgeklärten und vor US-Gerichten ausgefochtenen Lobbyskandal, der Amthor politisch fast das Genick bricht.
Wer Politik so sehr auf „Netzwerken“ reduziert, wird irgendwann in den Lobbymühlen der Berater, Anwälte, Investoren und Firmengründer zermahlen. Denn Lobbyisten wollen stets Fördermittel abgreifen, Staatsaufträge erhalten, lästige Regeln „entbürokratisieren“ und Steuern sparen, daher suchen sie fieberhaft nach geeigneten Einfallstoren. Und Amthor ist der ideale Tor: ein Politiker, der nach oben strebt und endlich ernst genommen werden will. Doch was war eigentlich genau passiert?
Der Fall „Augustus Intelligence“
Im Juni 2018 gründet der in Fürth geborene Ex-Medizinstudent Wolfgang Haupt in der US-Steueroase Delaware das Start-up „Augustus Intelligence“ (AI). Auslöser ist der aufkommende Hype um das gigantische Potenzial, das künstliche Intelligenz (KI) hinsichtlich ihrer Einsatzmöglichkeiten in Wirtschaft und Behörden verspricht. AI soll das künftige europäische Palantir sein und mit Gesichts- und Objekterkennung einen Milliardenmarkt für staatliche und betriebliche Nutzer eröffnen. Die Firma möchte so groß werden wie Google. Ein gewaltiger KI-Konzern soll entstehen – nach dem Vorbild von Airbus.
Großspurig ist alles, was die Jungunternehmer angehen. Im höchsten Gebäude von New York, dem One World Trade Center, mieten sie repräsentative Räume, Investoren umwerben sie mit Superlativen und „gut vernetzten“ Beratern. Dazu zählen Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor von und zu Guttenberg, Ex-BND-Chef August Hanning und Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen. Im September 2018 jetten die AI-Gründer nach Berlin, besuchen Philipp Amthor und Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), speisen im Hotel Adlon und lassen sich den Reichstag zeigen. Man versteht sich blendend.
Kurz danach schreibt der Abgeordnete Amthor an Wirtschaftsminister Peter Altmaier, den „lieben Peter“, er habe tolle Leute getroffen von einer sehr tollen Firma und er wolle sie gern mit dem Wirtschaftsminister zusammenbringen.
Dann, einige Monate später, nach AI-Terminen bei Altmaiers Staatssekretär, bekleidet Philipp Amthor plötzlich einen Direktorenposten bei AI und erhält zusätzlich 2.817 Aktienoptionen im potenziellen Wert von 250.000 Dollar. Als bloßes Dankeschön für den „geilen Brief“, den er an Altmaier geschrieben hat?
Ist Philipp Amthor käuflich?
Neugierig geworden steigen auch reiche Adelige wie August François von Finck (der Sohn des AfD-Finanziers), Prinz Stefan von und zu Liechtenstein (Ex-Botschafter in Berlin) und Karl-Theodor von und zu Guttenberg mit Millionenbeträgen ein. Von Liechtenstein firmiert bald als Beiratsvorsitzender, zu Guttenberg als Präsident der KI-Firma. Parallel lobbyiert Guttenberg (der heute mit Wirtschaftsministerin Katherina Reiche liiert ist) über seine Beratungsfirma „Spitzberg Partners“ bei Kanzlerin Angela Merkel für den Finanzdienstleister Wirecard. So windig wie dieser scheint auch AI zu sein. Mitte 2020 fliegt die Sache auf. Zwei entlassene Mitarbeiter aus dem New Yorker Unternehmen verklagen ihren Arbeitgeber und packen aus. Sie sprechen von Täuschung, heißer Luft, Hochstapelei. Für den Spiegel stellt sich die Frage: „Ist Philipp Amthor käuflich?“
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Zwar heißt es bei Transparency International, aus politikwissenschaftlicher Sicht handle es sich eindeutig um Korruption, doch strafrechtlich sei die Sache weniger klar. Die Berliner Generalstaatsanwaltschaft stellt ihr Ermittlungsverfahren wegen Abgeordnetenbestechung bereits nach kurzer Zeit ein, der Bundestag beendet sein Prüfverfahren ebenfalls. Immerhin beschließen die Abgeordneten im April 2021 aufgrund des Falls Amthor ein Lobbyregistergesetz. Amthor selbst verzichtet auf einige Pöstchen, legt sein Direktorenamt nieder und gibt die Aktienoptionen zurück.
Er hätte so gern ein großes Rechenzentrum nach Vorpommern geholt. Daheim wäre er der Superheld gewesen.
Nun ist er trotz des eingeräumten „Fehlers“ zum Staatssekretär aufgestiegen, ausgerechnet im Digitalministerium. Als Direktor einer Digitalfirma hat er komplett versagt, aber er kann ja dazulernen. Er ist noch jung. Sicher wird er sich hüten, irgendwelche Lobbyisten zu empfangen, die ihm einen Bären aufbinden.
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Wie viel Einfluss haben Business-Interessen auf die Politik? Diese Frage ist seit der Übernahme der Regierungsgeschäfte von Schwarz-Rot noch virulenter. Immerhin war Bundeskanzler Friedrich Merz bis 2020 als Blackrock-Lobbyist tätig – und in den USA sitzt gleich ein Milliardär im Weißen Haus.
In unserer mehrteiligen Serie „Regiert uns die Wirtschaft?“ schauen wir auf die Situation in Deutschland, den Vereinigten Staaten und anderen Teilen der Welt. Was hilft wirklich gegen die „stille Übermacht“ des Lobbyismus?