Pharmafirma in Investorenhand: Neuraxpharm spricht von Börsengang im Jahr 2027

Wende im milliardenschweren Verkaufsplan des Pharmaunternehmens Neuraxpharm: Statt eines direkten Verkaufs ist nach Aussage des Vorstands nun eine Notierung an der Deutschen Börse zu erwarten, und zwar für das Jahr 2027. „Ich rechne jetzt mit einem Börsengang in ein bis eineinhalb Jahren“, sagte Neuraxpharm-Chef Jörg Thomas Dierks im Gespräch mit der F.A.Z. und fügte mit Blick auf den Börsenplatz hinzu: „Ich gehe von Frankfurt aus.“
Neuraxpharm ist als bedeutender Spezialist in der Behandlung von Krankheiten des zentralen Nervensystems (ZNS) bekannt. Wie vorab berichtet, hatte der Finanzinvestor Permira als Eigentümer die Investmentbanken Jefferies und J.P. Morgan mandatiert, eine Versteigerung für das Unternehmen aufzusetzen. Interessenten hatten bis zum 6. Februar Zeit, vorläufige Gebote einzureichen. Permira schwebten nach Aussage von Branchenkreisen drei bis vier Milliarden Euro als Bewertung vor. Es habe Offerten „weitestgehend“ von Finanzinvestoren gegeben, aber auch von Unternehmen der Branche, sagte Dierks. Nach der Frist sei in der vergangenen Woche noch ein weiteres indikatives Gebot eingegangen.
Die höchsten Gebote lagen dem Vernehmen nach über drei Milliarden Euro, und damit in der geforderten Spanne, wenn auch an ihrem unteren Ende. Dem Eigner reichte das indes nicht. „Es ist kein Angebot eingegangen, das dem Bewertungspotential, das Permira oder das Management sieht, gerecht geworden ist“, sagte Dierks. Im Kern geht es darum, wie sicher Interessenten die kommerziellen Aussichten des großen Hoffnungsträgers in Neuraxpharms Produktportefeuille einpreisen – des Medikaments Briumvi gegen Multiple Sklerose (MS), das in Deutschland seit 2024 auf dem Markt ist.
Neues wahrscheinliches Ausstiegsszenario
Ein Börsengang ist nun offiziell das neue wahrscheinliche Ausstiegsszenario für Permira. Dierks hatte im Oktober einen Eignerwechsel noch im Verlauf des Jahres 2026 als hochwahrscheinlich bezeichnet. Das bleibt auch eine Option bei einer entsprechend lukrativen Offerte. „Ist der Prozess offiziell angehalten? Nein“, sagte Dierks: „Ich will auch nicht ausschließen, dass es noch eine Möglichkeit gibt, dass man sich irgendwann mit jemandem einigt.“ Manchmal betonen Eigner oder Unternehmen die Möglichkeit eines Börsengangs und treiben so den Preis hoch – wie im Extremfall Stada im vergangenen Jahr. Der Pharmakonzern kündigte den Gang aufs Parkett an – und Tage später den Verkauf an einen weiteren Investor. Klar scheint im vorliegenden Fall aber: Permira führe nach der abgelaufenen ersten Bieterrunde das Verfahren nicht wie üblich strukturiert in einer zweiten Runde weiter, wie Kenner berichten. Der Investor lehnte dazu eine Stellungnahme ab.
Über die Börse würde Permira schrittweise aussteigen und daher an der Weiterentwicklung der Gesellschaft weiterhin partizipieren – ähnlich wie im Fall des hochlukrativen IT-Dienstleisters Teamviewer. Am öffentlichen Markt würde das Unternehmen vermutlich höher bewertet, sagte Dierks, der auf die Marktkapitalisierung des Unternehmens US-Entwicklers TG Therapeutics verwies. Dieser vertreibt Briumvi in den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko. Neuraxpharm hat die Lizenz in anderen Regionen von ihm erworben und verkauft die neue Arznei momentan in 15 Ländern. Im vergangenen Jahr brachte das Mittel Neuraxpharm 30 Millionen Euro Umsatz und ein leicht negatives Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) ein. Im laufenden Jahr wird es bei einem dreimal so hohen Umsatz einen operativen Gewinnbeitrag leisten. „Wir werden dieses Jahr an die 90 Millionen machen und werden das erste Mal Ebitda-positiv sein“, sagte Dierks.
So wie die schweizerische Galderma auf Hautleiden spezialisiert ist, konzentriert sich auch Neuraxpharm auf eine Krankheitsgruppe – als „Galderma der ZNS“ wird das Unternehmen mit Doppelsitz in Langenfeld und Barcelona manchmal bezeichnet. Ärzte verschreiben die Medikamente zum Beispiel gegen Depressionen, Angstzustände, Parkinson, Epilepsie und Schizophrenie.
Arznei mit Aussicht auf jährlichen Milliardenumsatz
Neuraxpharm bietet zum einen reine Nachahmermedikamente (Generika) an – zum anderen Arzneien mit Zusatznutzen, wie das Unternehmen sie nennt: Das sind etablierte Wirkstoffe, die Neuraxpharm in ein neues Produkt einbringt, etwa mit anderer Dosierung, schnellerer oder verlangsamter Freisetzung oder einer anderen Darreichungsform. Einige Wirkstoffe sind patentgeschützt, allen voran das MS-Mittel Briumvi. Es konkurriert vor allem mit Ocrevus von Roche und Kesimpta von Novartis. Von den dreien sei es mit Abstand am wirksamsten gegen das Fortschreiten der Krankheit. „Briumvi ist das bei Weitem effektivste Produkt“, sagte Dierks. Es hat nach seinen Worten das Zeug zum „Blockbuster“, also zum Produkt mit milliardenschwerem Jahresumsatz, und soll als wesentlicher Umsatztreiber zu einem Sprung der Gesamterlöse beitragen. „Wir werden in unserer Zielsetzung innerhalb der nächsten fünf Jahre den Umsatz verdreifachen“, sagte Dierks. Zu den dann 1,6 Milliarden Euro Umsatz solle Briumvi etwa 500 Millionen Euro beisteuern. Dierks, promovierter Humanmediziner, sieht Neuraxpharm als „das führende Spezialpharmaunternehmen im ZNS-Bereich in Europa“.
Permira hatte Neuraxpharm 2020 von der Beteiligungsgesellschaft Apax für etwa 1,6 Milliarden Euro erworben. Neuraxpharm erzielte im vergangenen Jahr 531 Millionen Euro Umsatz und soll im laufenden Jahr 630 Millionen Euro erreichen. Das Ebitda wurde in der Branche zuletzt mit etwa 200 Millionen Euro veranschlagt. „In diesem Jahr werden es über 220 Millionen Euro“, sagte Dierks. Etwa 95 Prozent hält Permira, den Rest das Management.
Source: faz.net