Petroleum | Venezuela: Die wahre Geschichte hinter Trumps Behauptung vom „gestohlenen Öl“
Von US-Konzernen der 1920er-Jahre bis zu Trumps unverblümten Forderungen nach Zugang: Venezuelas Erdöl stand stets im Zentrum geopolitischer Interessen
Skulptur vor dem Sitz der Ölgesellschaft PDVSA in Caracas: Der Staatskonzern ist hochverschuldet
Foto: Miguel Zambrano/AFP/Getty Images
Man muss es Donald Trump lassen: Er bemüht sich gar nicht, das Motiv hinter dem Angriff auf Venezuela zu bemänteln. „Wir brauchen uneingeschränkten Zugang“ zu den venezolanischen Erdölvorkommen, erklärte der US-Präsident am vergangenen Sonntag.
Auf der ersten Pressekonferenz einen Tag zuvor betonte er, die venezolanische Erdölindustrie für US-Konzerne öffnen zu wollen. Bereits im Dezember hatte er behauptet, Venezuela hätte den USA „Öl, Land und Vermögenswerte weggenommen“.
Trumps Äußerungen werfen ein Schlaglicht auf den Rohstoff, von dem Venezuela seit etwa 100 Jahren einseitig abhängt. Worauf aber bezieht er sich genau?
Bereits seit Ende der 1920er-Jahre dominierten US-amerikanische Erdölkonzerne das Geschäft mit dem schwarzen Gold in Venezuela. Inmitten des Erdölbooms der 1970er-Jahre nationalisierte dann eine sozialdemokratische Regierung die Erdölindustrie. Weder die US-Regierung noch die Konzerne leisteten größeren Widerstand und akzeptierten die Entschädigung von insgesamt einer Milliarde US-Dollar. 1983 wären ohnehin etwa 80 Prozent der Konzessionen ausgelaufen.
Der Staatskonzern PDVSA übernahm zunächst die interne Struktur sowie das Personal der bis dato 14 Konzessionäre – darunter Unternehmen wie Shell, Chevron, Phillips und Mobil. Zudem verpflichtete sich Venezuela dazu, das geförderte Öl auch zukünftig vorrangig in die USA zu liefern.
Wirtschaftlicher Niedergang ab den 1980er Jahren – bis zum Antritt von Chávez
Der Fall des Erdölpreises und der Beginn der internationalen Schuldenkrise ab Anfang der 1980er-Jahre leiteten einen etwa 20-jährigen wirtschaftlichen Niedergang ein. PDVSA investierte seine Gewinne fortan vor allem im Ausland, auch in den USA, um sie vor dem Zugriff der Regierung zu schützen. In den 1990er-Jahren strebte die politische Elite des Landes eine Privatisierung des staatlichen Erdölkonzerns an.
Diese Tendenzen stoppte erst der 1998 erstmals gewählte linke Präsident Hugo Chávez. Ein neues Erdölgesetz erhöhte 2002 die Abgaben auf Gewinne aus der Erdölförderung und beschränkte den Anteil privater Unternehmen. Im Zuge eines vehementen Machtkampfes konnte Chávez ab 2003 die komplette Kontrolle über den Erdölsektor gewinnen. Mit zeitgleich steigenden Erdölpreisen begann eine neue Wirtschafts- und Sozialpolitik, die sich an die ärmere und politisch mobilisierte Bevölkerung richtete.
2007 stellte PDVSA die Hoheit über die 31 bestehenden Joint Ventures mit internationalen Firmen her, bei denen fortan eine staatliche Mindestbeteiligung von 60 Prozent vorgeschrieben war. Trotz der hohen Erdölpreise verschuldete sich PDVSA während Chávez’ Regierungszeit massiv, was Erinnerungen an den vorherigen Erdölboom der 1970er-Jahre aufkommen ließ.
Einbruch der Erdölpreise und fehlende Investitionen unter Maduro
Nach Chávez’ Tod im März 2013 fehlte seinem Nachfolger Nicolás Maduro nicht nur dessen Charisma. Durch den Einbruch der Erdölpreise in der zweiten Jahreshälfte 2014 ging ihm bald schon das Geld aus. 96 Prozent seiner Exporterlöse erzielte das Land aus dem Verkauf von Erdöl. Zudem sank die Fördermenge kontinuierlich. Waren es 2013 noch durchschnittlich 2,5 Millionen Barrel pro Tag, sind es heute nur noch etwa eine Million, die überwiegend in Richtung China exportiert werden.
Aufgrund der hohen Verschuldung von PDVSA waren auch neue Investitionen im Erdölsektor nicht durchführbar. Es folgte ein jahrelanger Machtkampf mit der rechten Opposition, in den die USA mit der Verhängung von Wirtschaftssanktionen eingriffen, die auch direkt den Erdölsektor betrafen. Als einziger US-Konzern exportiert Chevron mit einer Sondergenehmigung derzeit etwa ein Viertel der venezolanischen Erdölproduktion.
Wollen US-Konzerne unter den gegebenen Bedingungen überhaupt investieren?
Wenngleich der Konzern seine Produktion wohl rasch steigern könnte, ist es fraglich, ob weitere US-Erdölkonzerne tatsächlich Schlange stehen, um unter den gegebenen Bedingungen in Venezuela zu investieren – zumal der Markt derzeit als gesättigt gilt. Und wenn, würde es Jahre dauern, die Erdölproduktion wieder deutlich anzuheben. Ein Großteil des venezolanischen Erdöls, das mit gut 300 Milliarden Barrel die größten derzeit bekannten Vorkommen weltweit darstellt, besteht zudem aus Schweröl, das in der Förderung relativ teuer ist.
2007 weigerten sich mit Conoco Phillips und Exxon Mobil lediglich zwei Unternehmen, den neuen Bedingungen für Minderheitsbeteiligungen bei Joint Ventures zuzustimmen. Das Internationale Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten (ICSID), das Schiedsgericht der Weltbank-Gruppe, sprach Exxon Mobil anschließend 1,6 Milliarden US-Dollar und Conoco Phillips knapp 8,4 Milliarden US-Dollar Entschädigung zu.
Zu diesen Zahlungen ist Venezuela tatsächlich rechtlich verpflichtet – alle anderen Behauptungen über „gestohlenes Öl“ sind völlig haltlos. Sie klingen eher nach dem dürftigen Versuch einer Rechtfertigung seitens Trumps, um nun seinerseits Venezuela das Erdöl zu entwenden.