Péter Magyar: Kann er Viktor Orbán verhauen?

Für viele Ungarn ist Péter Magyar wie eine Erscheinung. Plötzlich in ihr Leben getreten, auf gewisse Art unnahbar und doch überall präsent. Zu Tausenden strömten sie Anfang März in die Kinos, um im Dokumentarfilm „Frühlingswind“ mehr über ihn zu erfahren. Am 15. März, an dem die Ungarn an die Revolution von 1848 und den Aufstand gegen die Habsburger erinnern, zog er mit rund 150.000 Menschen durch Budapest, bekleidet mit einer blauen Jacke, die einer historischen Uniform glich. Doch selbst progressiven Linken sieht man den Respekt an, wenn sie über den bekennenden Konservativen Magyar sprechen.

Wie kein anderer hat er die Politik seines Landes in den vergangenen zwei Jahren umgewälzt und die Gegner von Ministerpräsident Viktor Orbán aus ihrer Agonie gerissen. Überall im Land ist die Euphorie darüber zu spüren, dass Orbáns übermächtiger Herrschaft nach 16 Jahren ein Ende gesetzt werden könnte. Womöglich hat der Ausnahmepolitiker Orbán ausgerechnet in einem 45 Jahre alten Blondschopf mit bubenhaftem Gesicht seinen Meister gefunden.

Sich Péter Magyar zu nähern, ist nicht einfach, schon deshalb, weil zwei sehr unterschiedliche Erzählungen über ihn kursieren. Magyar entstammt selbst dem inneren Kreis der Machtpartei Fidesz, in dem einige seiner alten Weggefährten weiter an den Hebeln sitzen und kein positives Bild des Abtrünnigen zeichnen.

Dort erfährt man von einem schwierigen Charakter und Frauenhelden, der lange Zeit bestens von den Pfründen der Macht gelebt habe, aber nicht damit zurechtkam, dass seine Frau, Orbáns frühere Justizministerin Judit Varga, die große Karriere gemacht hatte, und nicht er.

Alles begann mit einem Facebook-Post

Die andere Geschichte ist seine eigene. Es ist die eines überzeugten Konservativen, der nach langem Zweifeln den Mut fand, mit dem System Orbán zu brechen und sein altes Leben hinter sich zu lassen.

Belegt ist jedenfalls, dass Magyar in einer angesehenen Budapester Familie groß wurde: der Vater Anwalt, die Mutter einst Vizepräsidentin des Nationalen Justizamts. Für manche ältere Wähler in Ungarn hat das durchaus Bedeutung. Ein Großonkel war sogar einmal Staatspräsident. Besonders stolz soll Magyar aber auf seinen Großvater sein, der als Richter noch im Sozialismus knifflige Fälle in einer beliebten Fernsehsendung löste.

Anhänger halten bei einem Auftritt Magyars in Gyor im April Fackeln in die Luft.
Anhänger halten bei einem Auftritt Magyars in Gyor im April Fackeln in die Luft.AFP

Magyar studierte selbst Jura und engagierte sich 2006 in der Fidesz-nahen Protestbewegung gegen die damalige sozialistische Regierung. Er heiratete früh, bekam drei Kinder und arbeitete mit seiner Frau in Brüssel auf verschiedenen Posten, bis Varga nach Budapest zurückgerufen wurde, weil Orbán die ehrgeizige junge Frau in sein Kabinett aufnehmen wollte. Magyar wurde mit anderen Posten versorgt, unter anderem als Chef der Studienkreditanstalt – gut bezahlt, aber offenbar weit unter seinen Ambitionen.

Sein Moment kam, als die Karriere seiner Frau plötzlich endete. Varga wurde im Frühjahr 2024 zum Rückzug gezwungen, als der Skandal um die Begnadigung eines Fidesz-nahen Mitwissers in einer Missbrauchsaffäre für große Empörung sorgte. Magyar erkannte, dass sich in dem Fall die Verkommenheit der Machtpartei zeigte, die sich den Schutz von Kindern und traditionellen Werten auf die Fahnen schreibt, die eigenen Leute aber straflos davonkommen lässt.

Also verfasste er einen Facebook-Post, der binnen kurzer Zeit tausendfach geteilt wurde: „Ich will keine Minute mehr Teil eines Systems sein, in dem sich die wirklich Verantwortlichen hinter Frauenröcken verstecken.“

Kurz darauf lud ihn der Youtube-Kanal Partizán zu einem Interview ein, in dem Magyar eloquent und energisch mit der Korruption und dem Machtmissbrauch in seiner alten Umgebung abrechnete. Was folgte, war eine Schlammschlacht mit seiner Frau. Nachdem Magyar ein heimlich aufgenommenes Gespräch veröffentlicht hatte, in dem Varga über korrupte Machenschaften in ihrem Umfeld berichtete, behauptete sie, Magyar sei in ihrer Ehe immer wieder gewalttätig geworden.

Gemeinsames Selfie: Péter Magyar mit einer Unterstützerin im Wahlkampf in Miskolc
Gemeinsames Selfie: Péter Magyar mit einer Unterstützerin im Wahlkampf in MiskolcReuters

Belegt wurde Vargas Vorwurf nicht. Aber mit seinen Vorwürfen hatte Magyar einen Nerv getroffen. Als die Protestbewegung weiter Fahrt aufnahm, übernahm er vor der Europawahl 2024 kurzerhand eine bis dahin unbedeutende Kleinpartei, die Tisza, und holte aus dem Stand 30 Prozent, während Orbáns Fidesz auf 45 Prozent absackte. Ein Achtungserfolg, der vielen imponierte.

Seither hat Magyars Wahlkampf nicht mehr aufgehört. Sein Erfolgsrezept ist eigentlich schlicht, aber es konnte nur so gut funktionieren, weil er es mit absoluter Konsequenz durchzog: Wahlen konnte er nur gewinnen, wenn er neben der liberalen Opposition auch traditionelle Fidesz-Wähler auf seine Seite zog. Also blieb er in fast allen ideologischen Fragen möglichst vage und konzentrierte sich allein auf das, was alle Wähler in ihrem Alltag frustrierte: die Korruption und Misswirtschaft nach 16 Jahren beinahe absoluter Herrschaft des Fidesz. Tagein, tagaus tourte er durchs Land und postete Bilder von kaputten Krankenhäusern und verrotteten Bahnhöfen.

Der Weg in die Provinz war die zweite strategische Entscheidung. Orbáns Fidesz hat sich das Wahlrecht über die Jahre immer weiter auf den Leib geschneidert. Durch den Zuschnitt der Wahlkreise haben die ländlichen, konservativen Gegenden inzwischen weit mehr Gewicht als die liberalen Städte.

Hinzu kommt ein starker Mehrheitsfaktor: 106 der 199 Parlamentssitze werden als Direktmandate mit einfacher Mehrheit in den Wahlkreisen vergeben. Wer hier stärkste Kraft ist, kann zahlreiche Mandate abräumen. Der Fidesz hat es so geschafft, teils mit unter 50 Prozent der nationalen Stimmen zwei Drittel der Parlamentssitze zu gewinnen. Sich aufs Land zu konzentrieren, war also folgerichtig.

Ein einfacher Charakter ist Magyar nicht

Doch Magyar bietet auch Angriffsfläche. Seine Tisza-Partei gleicht einer Ein-Mann-Show, in der der Chef alles bis ins letzte Detail kontrolliert. Was Magyar sagt, gilt für seine Leute. Die meist unerfahrenen Direktkandidaten seiner Tisza dürfen noch nicht einmal Interviews geben. Um die alte, erfolglose Opposition hinter sich zu lassen, hat die Tisza all ihre Kandidaten in einem aufwendigen Verfahren aus lokalen „Inseln“ rekrutiert – so nennt sie die Ortsgruppen, die Magyar überall im Land hochzog.

Mit der Zeit kamen ein paar wenige, erfahrene Leute wie der frühere Shell-Manager István Kapitány und seine Außenpolitikerin Anita Orbán hinzu (die nicht mit Victor Orbán verwandt ist).

Dass Magyar kein einfacher Charakter ist, macht schon lange die Runde. Ein früherer Klassenkamerad, der allerdings selbst zum Fidesz-Kosmos gehört, beschreibt ihn als hochintelligenten Überflieger, der stets zu jedem intellektuellen Streit bereit gewesen sei, aber keine echten Freunde gehabt habe. Doch es scheint, als habe der Dokumentarfilm, den so viele Ungarn in den vergangenen Wochen gesehen haben, Magyars Eigenartigkeit den Menschen etwas näher gebracht. Zumindest haben die Umfragewerte für die Tisza noch einmal zugelegt, seit „Frühlingswind“ in die Kinos kam.

Wer mit Magyar über die Dörfer zieht, bekommt ein Gefühl dafür, wie viel Energie in diesem Wahlkampf steckt – und was er ihm abverlangt. Auf dem Rücksitz eines unauffälligen Kombi reist Magyar durchs Land und absolviert mehrere Auftritte am Tag. Für einen kurzen Moment, wenn er dem Auto entsteigt, lässt sich die tiefe Erschöpfung in seinen Stirnfalten lesen, bevor er sich wieder in den telegenen Oppositionsführer verwandelt, den seine Helfer mit Mikrofon und ungarischer Fahne ausstatten. Dann schreitet Magyar durch die Menge in Richtung Bühne.

Manche erinnert Magyar an den jungen Orbán

Natürlich ähneln sich die Reden, die er dann hält. Doch in jedem Ort geht Magyar auf die lokalen Probleme mit dem Fidesz-System ein und zeichnet am Konkreten das große Ganze. Tritt er abends auf, werden Fackeln verteilt, und Magyar klingt ernster. Das Bild ist klar: Hier treffen sich die Bürger Ungarns, um sich ihr Land zurückzuholen.

Immer wieder hört man, dass Magyar an den jungen Orbán erinnere, der sich 1989, schlaksig und erst 26 Jahre alt, in einer mutigen Rede gegen die sozialistischen Herrscher auflehnte. Das ist lange her. Der Wettbewerb mit einem ernsthaften Konkurrenten hat aber auch Orbán wieder in Fahrt gebracht. Je stärker Magyar wurde, desto mehr stieg er wieder in die Innenpolitik ein – in den vergangenen Jahren hatte er sich vor allem als Provokateur und Held der Antiglobalisten auf der internationalen Bühne wohlgefühlt.

Weil die Fidesz-Kampagne nicht lief, musste der Chef die Dinge selbst in die Hand nehmen. Und so tourte Orbán durch Podcasts und neu geschaffene Youtube-Kanäle, um der Dynamik der Opposition in den neuen Medien etwas entgegenzusetzen. In Budapest munkelte man im vergangenen Sommer sogar, dass der einst schlanke Orbán wieder abgenommen habe, auch wenn das nicht von Dauer war.

Um die politische Figur Viktor Orbán zu verstehen, muss man zurück in die Geschichte blicken. In den Neunzigerjahren war er als bürgerlich-liberaler Erneuerer angetreten. 1998 schaffte er es erstmals ins Ministerpräsidentenamt. Dann kamen 2002 und 2006 allerdings zwei knappe Wahlniederlagen.

Wahlkampf-Auftritt von Viktor Orbán Ende März in Nagykanizsa
Wahlkampf-Auftritt von Viktor Orbán Ende März in NagykanizsaHelena Lea Manhartsberger

Aus denen zog er einen wichtigen Schluss: Er verstand die Enttäuschung vieler Ungarn über die Versprechungen von Wirtschaftsliberalismus und demokratischer Transformation, vor allem nach der Weltfinanzkrise, die das Land hart getroffen hatte. Also legte er seine bürgerlich-liberale Vergangenheit ab und wurde mit seinem Kampf gegen alles „Liberale“ und „Woke“, allen voran die europäische Flüchtlingspolitik, zum Vorbild der globalen Rechten. Spätestens nach seiner fulminanten Rückkehr an die Macht 2010 legte er alle Skrupel ab und begann mit dem Umbau von Staat, Wirtschaft und Medienlandschaft.

Mit den immer schlechteren Wirtschaftsdaten, steigenden Preisen und der abgewirtschafteten Infrastruktur traten aber die Schwachpunkte der so entstandenen „illiberalen Demokratie“ immer deutlicher hervor. Gleichzeitig wurde die Selbstbereicherung von Orbáns Machtclique immer offensichtlicher. Magyars Moment war gekommen.

Anfangs gab sich Orbán souverän und erzählte, es sei ganz normal, dass sich die Jugend nach Veränderung sehne. Er kokettierte damit, dass er in seiner Karriere schon viele Wahlen verloren habe und die Oppositionsarbeit wie kein anderer kenne. Im Wahlkampf zeigte sein Fidesz jedoch, dass ihm zum Machterhalt beinahe jedes Mittel recht ist: Er setzte staatlich finanzierte Verleumdungskampagnen und KI-generierte Videos ein und ließ seinem Medienapparat aus vollen Rohren auf Magyar schießen, möglicherweise flankiert von russischen Helfern.

Gleichzeitig eskalierte er den Konflikt mit der Ukraine. Orbán blockiert ein Hilfspaket für das angegriffene Land, er ließ einen ukrainischen Geldtransporter beschlagnahmen und warnte nach einem serbischen Sprengstofffund in der Nähe einer Gaspipeline, die russisches Öl über Serbien nach Ungarn transportiert, vor angeblichen Anschlagsplänen aus Kiew – für Magyar eine Operation unter falscher Flagge.

Magyar spricht von KGB-Methoden

Der vielleicht tiefste Abgrund zeigte sich im Februar, als einen Tag nach dem Bekanntwerden eines Skandals in einer Batteriefabrik, den die Regierung vertuscht hatte, im Internet ein ominöser Screenshot aus einem Video auftauchte. Darauf zu sehen ein Schlafzimmer, das offenbar von oben gefilmt worden war, die Laken auf dem Bett zerwühlt, auf dem Nachttisch ein Tablett mit einer drogenähnlichen Substanz, das alles versehen mit der Überschrift „Coming soon“.

Ein Hinweis auf Magyar fand sich nicht. Der ging trotzdem sofort in die Offensive und verkündete, dass er in diesem Zimmer nach einer Party von seiner Exfreundin verführt worden war, einem Budapester Society-Girl, das ihn schon früher mit Tonaufnahmen erpresst hatte. Magyars Trinkfestigkeit, seine Neigung zu ausschweifenden Partys und seine Schwäche für Frauen waren in der Fidesz-hörigen Presse schon früher intensiv behandelt worden.

Statt darauf einzugehen, warf Magyar der Regierung KGB-Methoden vor, da er offensichtlich in eine Falle gelockt worden war. Seine Anklage garnierte er mit der Spitze, dass er eben ein junger Mann mit einem Sexleben sei – anders als Orbán, so musste man das verstehen.

Die Affäre schadete Magyar nicht. Es zeigte sich: Die Fidesz-Presse hatte schon so früh angefangen, so viel Dreck auf Magyar zu werfen, dass ihm kein neuer Vorwurf mehr etwas anhaben konnte. Denn für viele Ungarn ist Magyar offenbar vor allem das Mittel zum Zweck, um Orbáns absolute Herrschaft hinter sich zu lassen.

Orbáns Anhänger schnwenken in Nagykanizsa Ungarn-Fahnen
Orbáns Anhänger schnwenken in Nagykanizsa Ungarn-FahnenHelena Lea Manhartsberger

Magyars Touren durch die Provinz zwangen auch Orbán dazu, wieder das Land zu beackern, das er lange als sichere Bank betrachtet hatte. Seit Wochen schon tobt an jedem Ort, an dem der Fidesz seine Wahlkampfbühne mit Lichtshow errichtet, ein Kampf darum, wer mehr Leute mobilisieren kann. Auch im Fidesz hat man schnell verstanden, dass Magyars Momentum viel mit der Aussicht zu tun hat, dass der Machtwechsel diesmal wirklich gelingen könnte.

Aber Orbán hat weiterhin viele Anhänger im Land, und das nicht nur unter den Alten und Frustrierten, wie es die Opposition gern darstellt. Um seine Bühnen scharen sich Fans aller Altersklassen. Frauen, die Orbáns Familienpolitik und die Steuervergünstigungen für Mütter loben, Jugendliche, für die er ein weitsichtiger Staatsmann ist, und Familienväter, die die nationalen Werte loben. Orbáns extreme Flüchtlingspolitik, die auch als Grund für die Sicherheit im Land gilt, unterstützen ohnehin die meisten Ungarn. Selbst Magyar will nicht daran rütteln. Im Gegenteil: Er wirft Orbán sogar vor, zusammen mit fernöstlichen Investoren zu viele asiatische Gastarbeiter ins Land gelassen zu haben.

Für Orbán sind diese Auftritte ein Heimspiel. Mit langer Fahrzeugkolonne kommt er an, aber ohne Limousine, sondern im dezenten, schwarzen Minibus, in dem er sich ständig filmen lässt. Auch Fackeln werden verteilt, seine Fans jubeln. Doch Orbán, das wird auch klar, kann das Tempo des jungen Magyar nicht halten. Seine Stimme wirkt brüchig, mitgenommen von den vielen Auftritten, die nötige Wucht für eine echte Wahlkampfrede gibt sie kaum noch her. Nach gut 20 Minuten ist meist Schluss.

Die Umfragen sehen seine Niederlage voraus, und auch wenn Umfragen keine Wahlergebnisse sind, gilt zumindest der Wahlprozess als transparent und sicher. Opposition und internationale Beobachter haben praktisch überall Zugang.

Am Dienstag, als der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance nach Budapest geeilt war, um Orbán im Namen seines Chefs seine Unterstützung zu erklären, gab es eine interessante Szene. Auf die Frage einer Reporterin versicherte Vance, er sei sicher, dass Orbán die Wahl gewinnen werde. Dann fragte er ihn selbst: „Viktor, liege ich richtig?“ „Das ist der Plan“, erwiderte Orbán etwas verschmitzt, doch seine abwinkende Handbewegung schien zu sagen: Das wird ganz schön eng.

Doch viele Ungarn können sich kaum vorstellen, dass Orbán eine Niederlage akzeptiert. Und auch in der Tisza wissen sie, dass ein Wahlsieg nur der Anfang wäre. Orbán hat seinen Staatsumbau und die Kontrolle der wichtigsten Institutionen so abgesichert, dass das meiste nur mit Zweidrittelmehrheit rückgängig gemacht werden könnte. Und so bleiben ihm noch einige Schlachten zu schlagen.

Source: faz.net