Peru | Peru vor dem Zerfall: Ein Land wählt den neunten Präsidenten in zehn Jahren
Das politische System des Andenstaates Peru ist ebenso zerrüttet wie die politische Kultur. Gegen die Hälfte aller Parlamentsabgeordneten wird wegen Korruption ermittelt. Wahlen würden womöglich boykottiert, gäbe es keine Wahlpflicht
Keiko Fujimori von der Fuerza Popular will mindestens in die Stichwahl am 7. Juni
Foto: Connie France/AFP/Getty Images
Für José María Balcázar, den derzeitigen Präsidenten, ist ein regulärer Verlauf dieser Abstimmung oberstes Gebot. Der 83-Jährige steht als achter Staatschef binnen zehn Jahren für einen vom Scheitern bedrohten Staat.
„Vor gut sechs Jahren gab es den letzten Versuch, Perus politisches System zu reformieren. Dies verhinderten viele der Politiker, die jetzt zur Wahl stehen“, meint der Entwicklungsexperte Carlos Herz, der nicht daran glaubt, dass sich nach dem 12. April viel ändert. In den Umfragen liegt der erzkonservative Ex-Bürgermeister von Lima, Rafael López Aliaga, gleichauf mit Keiko Fujimori, Tochter des verstorbenen Ex-Diktators Alberto Fujimori und Parteichefin von Fuerza Popular.
Die Hälfte der Parlamentarier in Peru korrupt
Carlos Herz sieht in ihr eine der Hauptschuldigen der aktuellen Misere. Fujimori, gegen die wegen Korruption ermittelt wurde, hat das Parlament nach ihrer Wahlniederlage 2016 gegen Pedro Pablo Kuczynski zur Arena eines Machtkampfs gemacht. „Seither verlor die Exekutive gegenüber der Legislative enorm an Unabhängigkeit“, urteilt Natalia González, Historikerin des Instituto de Estudios Peruanos (IEP). Das vielleicht wichtigste Sozialforschungsinstitut des Landes analysiert die Umfragen vor der anstehenden Wahl, aber auch die Defizite des Wahlsystems und der politischen Kultur des Landes überhaupt.
Gegen etwa 70 der 130 Abgeordneten des Parlaments wird ermittelt – vorzugsweise wegen Bestechlichkeit, jedoch auch wegen anderer Straftaten. Ex-Präsidentin Dina Boluarte muss mit einem Prozess rechnen. Andere ehemalige Spitzenpolitiker sitzen schon im Gefängnis. Die politische Ordnung Perus ist nicht nur diskreditiert, sondern kaum reformierbar, weil die dafür nötigen Mehrheiten wegen der latenten Korruption kaum zu erreichen sind. Dafür trage die Linke eine Mitverantwortung, findet Carlos Herz. „Sie hat es verpasst, Differenzen zu überwinden, sich auf eine Kandidatin oder einen Kandidaten zu einigen und diszipliniert für unabdingbare Reformen einzutreten.“
Er sei Sympathisant der Liste Venceremos um die linke Politikerin Verónika Mendoza. Diese gilt – wie die Umweltanwältin Mirtha Vásquez oder die Menschenrechtsaktivistin Ruth Luque – als alternative Bewerberin. Nur könne die Bevölkerung bei der Fülle an Kandidaten nicht mehr unterscheiden, wer wofür steht, fürchtet Sofía Mauricio Bacilio, die seit Jahrzehnten für die Rechte von Hausangestellten eintritt und weiß, dass viele abwinken, wenn sie nur das Wort „Wahlen“ hören. Allein die Wahlpflicht halte davon ab, nicht abstimmen zu gehen.
Stigma der Straflosigkeit
Dass Wahlabstinenz gehäuft auftreten würde, gäbe es keinen Wahlzwang, hat vorrangig einen Grund: Viele Parteien öffneten sich dubiosen Lobbyisten. Die Profiteure eines illegalen Bergbaus seien ebenso darunter wie die Agenten von Unternehmen, die sich dem Coca-Anbau verschrieben hätten, erklärt Carlos Herz. Dies habe dazu beigetragen, dass etliche Gesetze verwässert und entschärft wurden.
Nicht nur beim Umweltschutz, ebenso bei Verordnungen, die eigentlich Menschen- und soziale Rechte garantieren sollen. Verbrechen aus den Jahren des Bürgerkriegs nach 1980 zwischen der Armee und der maoistischen Guerilla „Sendero Luminoso“ wurden kaum je bestraft, weil amnestiert. „Im August 2024 wurde ein entsprechendes Gesetz verabschiedet, weshalb ranghohe Militärs nichts mehr zu befürchten haben“, so die Historikerin Natalia González.
Gleichzeitig gab es mit dem Ley APCI zur Kontrolle von Nichtregierungsorganisationen den Versuch, sich unliebsamer Akteure zu entledigen. Das Gesetz wurde im März 2025 verabschiedet und schränkt seither den Handlungsspielraum von Menschenrechtsverbänden sowie Umweltorganisationen ein. Carlos Herz hofft auf ein Wahlergebnis, das derartige Repressionen eindämmen lässt.
Der amtierende Präsident José María Balcázar, ein Mann des Übergangs, hatte bei seiner Vereidigung am 18. Februar 2026 gewarnt: „Unsere Demokratie ist gefährdet, weil sie aktuell nicht funktioniert.“ Balcázar ist ein Politiker der Partei Perú Libre, die zwar als links gilt, aber in den zurückliegenden Jahren nichts mehr zu schätzen wusste als das Eingehen fragwürdiger Allianzen. Balcázar versucht sich für wenige Monate als vierter Präsident innerhalb einer Legislaturperiode.
Durch Polizeikugeln gestorben
Einer seiner Vorgänger war der Lehrer und Gewerkschafter Pedro Castillo, der im Dezember 2022 vom Parlament abgesetzt wurde, nachdem er versucht hatte, den Kongress aufzulösen und den Notstand auszurufen, was verfassungswidrig war. Dafür ist Castillo mittlerweile zu einer elfjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Seine Nachfolgerin Dina Boluarte saß bis Oktober 2025 im Präsidentenpalast.
Die knapp drei Jahre unter ihrer Ägide gelten als besonders düster und furchterregend. Sie hat Armee und Polizei freie Hand gelassen, als die Anhänger von Pedro Castillo gegen dessen Entlassung auf die Straße gingen. Bis zu 70 Menschen sollen – zumeist durch Polizeikugeln – gestorben sein. Das bestätigt Amnesty International genauso wie Human Rights Watch. Freilich wurde Boluarte im Oktober 2025 nicht wegen moralischer Verworfenheit abgesetzt. Sie musste gehen, weil Bandenkriminalität, Mordaktionen und andere Gewaltdelikte überhandnahmen.
An diesem Status quo werden die jetzigen Wahlen kaum etwas ändern, bei denen nur eines sicher scheint: Ein Stechen zwischen den Bestplatzierten in einer zweiten Runde am 7. Juni wird wohl unvermeidlich sein.