Peec-AI-Gründer Meiners: Der Mann für jedes die digitale Litfaßsäule

In Berlin springt einem in diesen Tagen an mehreren Litfaßsäulen ein Plakat ins Auge. „The kind of ambition Berlin hasn’t seen in a while“ steht drauf – auf Deutsch: die Art von Ehrgeiz, die Berlin seit Langem nicht gesehen hat. Oben links prangt der Name Peec AI. Marius Meiners ist als Mitgründer des Berliner Unternehmens Peec AI verantwortlich für die Kampagne. „Es gibt in Berlin nur wenige Tech-Start-ups mit globaler Relevanz“, sagt er. Viele erfolgreiche Berliner Start-ups seien stark auf Europa fokussiert. „Wir wollen zum globalen Marktführer werden.“ An fehlendem Ehrgeiz wird dieses Vorhaben nicht scheitern.
Die altmodische Werbung auf Litfaßsäulen passt zum jungen Start-up, weil es auch bei Meiners’ Geschäftsidee um Sichtbarkeit geht – nur eben an der digitalen Litfaßsäule des 21. Jahrhunderts, den Chatbots der Künstlichen Intelligenz (KI). Peec AI hat eine Plattform entwickelt, mit der Kunden ihre Darstellung in KI-basierten Suchmaschinen analysieren können. Jeden Tag stellt Peec AI dafür Hunderttausende Anfragen an KI-Anwendungen wie ChatGPT, Perplexity oder Google Gemini und analysiert mithilfe eigener Algorithmen, wie die KI-Programme über bestimmte Marken oder Produkte Auskunft geben.
„Ein Versicherer ist zum Beispiel sehr interessiert daran, ob und wie er genannt wird, wenn ein Nutzer die KI nach der besten Risikolebensversicherung fragt“, sagt Meiners. Peec AI analysiert auch, auf welche Quellen die KI-Modelle sich verlassen, und gibt entsprechend Tipps, wie Unternehmen prominenter in der KI-Suche auftauchen können. Das sei je nach Branche sehr unterschiedlich. Im Schönheitsbereich seien Tiktok oder Instagram die relevantesten Quellen, für einen Vermögensverwalter sehe das anders aus.
Paradigmenwechsel im Netz
Die auf Künstlicher Intelligenz basierende Anwendung ChatGPT löste vor etwas mehr als drei Jahren einen Paradigmenwechsel im Netz aus. Statt in herkömmlichen Suchmaschinen Stichworte zu suchen und Links zu Internetseiten angezeigt zu bekommen, können Nutzer die KI befragen und erhalten direkt eine zusammenhängende Antwort. Auch Google hat solche KI-Antworten inzwischen in seine Suchmaschine integriert.
Viele Unternehmen, von Onlinehändlern bis zu Medienkonzernen, sind darauf angewiesen, dass Suchmaschinen Nutzer auf ihre Internetauftritte weiterleiten. Sie hätten sich in den vergangenen Jahren auf die Suchmaschinenoptimierung spezialisiert und müssten sich jetzt umstellen, sagt Meiners. Ging es bisher darum, mit Schlagworten im Internet von Suchmaschinen schnell gefunden und bevorzugt behandelt zu werden, müssen nun die KI-Chatbots entsprechend beeinflusst werden.
Die Frage nach der Lasagne
Teil der Marketingstrategie eines Mikrowellenherstellers sei es bislang etwa, suchmaschinenoptimierte Artikel zu erstellen – etwa zur Frage, wie lange eine Lasagne zum Aufwärmen in die Mikrowelle muss. Nutzer auf der Suche nach einer Antwort klickten auf die Seite des Herstellers und kauften dann bei nächster Gelegenheit womöglich gleich auch eine Mikrowelle dort. „Mit ChatGPT funktioniert dieses Modell nicht mehr. Die KI spuckt einfach aus, dass man die Lasagne drei bis vier Minuten in die Mikrowelle schieben soll.“ Zwar geht Meiners wie die meisten Marktbeobachter nicht davon aus, dass herkömmliche Suchmaschinen komplett verschwinden werden. Aber vor allem für rein informative Anfragen würden Nutzer immer stärker Sprachassistenten bevorzugen.
Mit seinem Geschäftsmodell hat Peec AI einen Nerv getroffen. Im November sammelte das Start-up von Investoren 21 Millionen Dollar ein, insgesamt ist es jetzt mit 29 Millionen Dollar finanziert. Das Start-up wurde im Januar gegründet und erreicht wiederkehrende Umsätze von fünf Millionen Dollar. Zu den Kunden gehören der Tourismuskonzern TUI, die Luxusmodemarke Chanel und das Medienhaus Axel Springer. Monatlich kämen gut 300 Kunden dazu, sagt Meiners. Peec AI ist eines der am schnellsten wachsenden KI-Start-ups in Europa.
Das Management eines solchen Wachstums ist für gewöhnlich mit einer Mischung aus Ekstase und purem Stress verbunden. „Man braucht Leute, die sehr viele Bälle gleichzeitig in der Luft halten können“, sagt Meiners, dessen Redetempo in etwa so schnell ist wie das Wachstum seines Unternehmens. Ihm selbst hilft seine Erfahrung aus dem E-Sport, dem wettbewerblichen Spielen von Videospielen. Meiners war ein erfolgreicher Profi im Spiel „League of Legends“ und zeitweise einer der besten hundert Spieler der Welt. „Da habe ich gelernt, aus jeder Mikroentscheidung eiskalt das letzte bisschen Effizienz herauszuholen.“ Später arbeitete er als Software-Entwickler und für den Beratungskonzern PwC. Seine Mitgründer Tobias Siwonia und Daniel Drabo lernte Meiners beim mehrmonatigen Gründerprogramm des Risikokapitalgebers Antler in Berlin kennen.
„Es kommt weniger auf die Idee und mehr auf die Ausführung an“
Eine leichte Aufgabe haben die Gründer sich nicht ausgesucht. Der Markt sei „sehr wettbewerbsintensiv“. Zu den Konkurrenten zählt das vom Wagniskapitalgeber Sequoia finanzierte amerikanische Start-up Profound. Der Wettbewerb sei in jeder Kategorie hart, die Wagniskapitalgeber interessiere, sagt Meiners. Allerorten würden vielversprechende Ideen rund um die Künstliche Intelligenz kopiert. „Es kommt weniger auf die Idee und mehr auf die Ausführung an“, sagt Meiners. Wer baue am schnellsten ein gutes Team auf? Wer sammele schnell Geld ein? Und wer könne als Erstes ein gutes Produkt bauen, das einfach zu verstehen ist?
„Das erinnert an die alten Rocket-Internet-Tage“, sagt Meiners – eine Anspielung auf das legendäre Investmentvehikel der deutschen Samwer-Brüder. Rocket Internet baute Anfang der 2010er-Jahre nach internationalen Vorbildern ein erfolgreiches Start-up nach dem anderen auf, darunter Zalando und Hellofresh.
Meiners’ Pläne sind ähnlich ambitioniert. Open AI experimentiert schon mit Werbung in seinem Chatbot. Peec AI habe „viele Ideen“, um das Thema Werbung in seine Plattform zu integrieren. Ähnliches gelte für KI-Shoppingfunktionen. Im kommenden Jahr will Meiners die Zahl der Mitarbeiter von 25 auf 60 steigern, die wiederkehrenden Umsätze sollen auf 25 Millionen Dollar wachsen. Im Frühjahr will Peec AI ein Büro in New York eröffnen. Schon heute erzielt das Start-up 50 Prozent seiner Umsätze in den Vereinigten Staaten. „Die Produktentwicklung und unsere Zentrale werden immer in Berlin bleiben“, sagt Meiners.