Patriarchat | Influencerin Tara-Louise Wittwer: Eine Göttin im Selfie-Format

Feminismus als Lifestyle und Mythos: In ihrem Buch „Nemesis’ Töchter“ übersetzt die Influencerin Tara-Louise Wittwer die Wut der Frauen ins Social-Media-Zeitalter – und bleibt dabei im Ich gefangen


Tausende folgen Tara-Louise Wittwer auf Instagram und TikTok. Jetzt setzt die Influencerin auf das gute, alte Buch

Foto: Jan Kopetzky


Es gibt Bücher, die will man mögen. Weil sie aufzeigen, was wahr ist: Frauen sind nirgendwo gleich viel wert wie Männer. Auch in Staaten, in denen sie auf dem Papier gleichberechtigt sind, gibt es keine Frau, die sich nicht schon einmal in irgendeiner Weise von einem Mann eingeschränkt, zurückgesetzt oder belästigt gefühlt hat (die Liste der negativen Adjektive ließe sich ewig weiterführen). Diese universelle Erfahrung humoristisch und polemisch zu vermitteln, hat sich Influencerin Tara-Louise Wittwer zum Beruf gemacht.

Neben Tiktok-Beiträgen und einer Spiegel-Kolumne publiziert Wittwer, aka „wastarasagt“, jetzt mit Nemesis’ Töchter ein Sachbuch, das sich – wenig überraschend – liest wie ein nie enden wollender Instagram-Post. Extreme Polarisierung und eine manichäische Einteilung in Gut und Böse steigern den Verkaufswert. Die Apostelin: Wittwer, beziehungsweise ich, ich, ich.

Bedauernswert ist, dass so historische Themen wie die Inquisition in den Hintergrund rücken: Immer, wenn es interessant wird, folgt der Bezug zum Ich. „Auch ich, mit (…) meinem Muttermal, wäre schnell auf dem Scheiterhaufen gelandet.“ Gegenwärtige Beispiele für das Leiden von Frauen unter dem Patriarchat werden mit antiken griechischen Mythen, Bibelstellen oder Überlieferungen aus dem Mittelalter verhämmert.

Tara-Louise Wittwer schließt von sich auf andere

All die Geschichten von gemarterten Frauen dürften nur untermauern, was Wittwers Follower*innen durch sie sowieso schon wissen: Männer sollten sich schämen, Frauen als „Verschwesterte“ zusammenhalten. Nur hört die Solidarität in Wittwers Vorstellung von sisterhood da auf, wo Frauen den „Pick me girl“-Status erlangen, sprich: sich Männern gegenüber betont unkompliziert geben, um zu gefallen. Im neuen Buch kommt ein weiterer Begriff dazu, der des „chill girl“, das sexistische Sprüche weglächelt.

Ob dieser Kategorisierungsdrang feministischen Anliegen hilft oder eher schadet, ist diskutabel. Den Rahmen sprengen würde wohl die alte, spannende Frage, was Weiblichkeit eigentlich ausmacht. Wittwer schließt von sich auf andere: „Das, was im binären Schubladendenken als weiblich angesehen wird. Ich liebe Iced Matcha Latte und Enemy-to-Lovers-Liebesgeschichten“.

Wem das zu viel Anglizismus und Social-Media-Sprech ist, dem dürfte das Buch schwer zugänglich sein. Keine Frage, unterschätzen sollte man die laute Handy-Welt nicht – tummeln sich doch gerade in den sozialen Medien Frauenhasser, gegen die Personen wie Wittwer eben kontern. Zweifelhaft ist es trotzdem, wenn sich das binäre Weltnarrativ (und ja, ironischerweise auch das Geschlechternarrativ) größtenteils aus der eigenen Kommentarspalte und popkulturellen Blase speist.

Das „Wir“ ist so omnipräsent

Die Autorin legt gar offen, für ihre Followerinnen zu schreiben, spricht sie doch von „mir“, „ihr“ und „wir“. Gedanklich möchte man hinzufügen: und natürlich denen da, den Männern, dieser homogenen Masse aus Verbrechern und Vollidioten (wobei: „Not all men“, versichert Wittwer). Das „Wir“ ist so omnipräsent, irgendwann will man schreien: Welche Frauen sind „wir“?

Es ist verzwickt. In Zeiten der „Manosphere“, von Regression, dem Gefühl der Ohnmacht, wirkt die Einfachheit von Wittwers pathetischer Identifikation fast verlockend: „Ich bin Nemesis’ Tochter, ich bin alle Frauen vor mir, ich bin jede Hexe, die verbrannt wurde“, schreibt sie, flüstert sie im mittelalterlich inszenierten „Trailer“ zu ihrer Buchtour.

Nemesis, die Göttin der gerechten Vergeltung, als Topos ist eine solide Idee. Aber vielleicht kann female rage mehr bewegen, wenn man statt Reproduktion von Sexismen wie dem der emotionalen, rasenden Frau oder einer Ideologie der Verbundenheit auf die Weitergabe von Erfahrung und Erkenntnis setzt. Wer bei der feministischen Lektüre nicht auf mythologische Bezüge verzichten will, sollte besser Christa Wolfs Kassandra lesen.

Nemesis’ Töchter Tara-Louise Wittwer Knaur HC 2025, 240 S., 18 €