„Parsifal“ in Dresden: Gurnemanz, übernehmen Sie!
Den glänzenden Georg Zeppenfeld den Gurnemanz in Richard Wagners „Parsifal“ singen zu lassen, kann tückisch sein. Gewöhnlich ist dieser gestreng-väterliche Gralsritter ein Fall für massive Wagner-Schränke: Matti Salminen wurde in dieser Rolle gefeiert, in jüngerer Zeit René Pape. Beides Sänger mit erheblichem Volumen und mächtiger Sonorität. Etwas bärenhaft Gemütliches erhielt der Gurnemanz dabei gleich mit. Zeppenfeld hingegen, bei den vergangenen Bayreuther Festspielen als überlegener wie überlegter Hans Sachs und ebenso als Gurnemanz zu bestaunen, singt diese Rolle in der neuen Dresdner Produktion mit der Beweglichkeit des Intellektuellen. Als Mann der Einsicht, der Würde, der Intelligenz und des Mitgefühls tritt er uns entgegen. Als der tote Schwan hereingetragen wird, den der tumbe Parsifal eben vom Himmel geschossen hat, gibt uns dieser Gurnemanz ein Beispiel jener Fähigkeit zum Mitleiden, die der Titelheld in vier Stunden Oper erst noch erlernen muss. Herzzerreißend, wie Zeppenfeld-Gurnemanz das tote Tier untersucht, bestürzt ist über das „gebrochene Auge“, Parsifal Vorwürfe macht. Was der Gralsritter dem Tier an Empathie entgegenbringt, wird er wohl auch einem Menschen gegenüber leisten können.
Spätestens hier fragt man sich: Warum rettet Gurnemanz nicht einfach den ganzen Laden? Warum heilt er nicht die ganze erschöpfte Gralsritterschaft? In der strahlenden Verkörperung durch Zeppenfeld, getragen von sängerischer Eleganz, von ungehindert sich verströmendem Stimmfluss, von vorbildlicher Textverständlichkeit, traut man diesem Gurnemanz auf der Stelle die Heilung auch des Amfortas zu, der sich durch moralisierenden Übereifer eine fiese Wunde eingefangen hat. Der Gralskönig hatte sich die heilige Lanze geschnappt, mit der einst Christus am Kreuz in die Seite gestochen wurde. Den Zauberer Klingsor und damit das Böse überhaupt wollte er damit aus der Welt tilgen. Der Versuch ging schief, in der Scham darüber darf man den Kern seiner psychosomatischen Verletzung vermuten. Dem Dresdener Gurnemanz wäre das heilende Wort, die heilende Geste ein Leichtes.
Ein Säulenheiliger ist er gleichwohl nicht: Zur Strafe für den abgeschossenen Schwan setzt es für Parsifal eine ordentliche Backpfeife. Wie überhaupt die Zündschnüre recht kurz sind. Die Waldhüter, die Gurnemanz beaufsichtigt, gehen mit Kundry grob um wie mit einem Stück Holz, ein Junge – eine vom Regisseur Floris Visser hinzugefügte Rolle – wird von einem Priester am Ohrwaschel abgeführt, als er nicht spurt. Wer nicht dem rigiden Verhaltenskodex der Ritter genügt, bekommt gleich die harte Hand zu spüren. Die Unfähigkeit der Gralsgesellschaft, mit dem Bösen umzugehen – die eigentliche Quelle ihres Darbens –, hat Visser treffend ins Bild gesetzt. Als Bewältigungsstrategie gibt es nur die Verteufelung: Das Sündhafte ist verdrängt, aber nicht aus der Welt.
So fleißig der holländische Regisseur solche Details ausarbeitet, stellt sich doch selten eine erhellende Wirkung ein wie in diesem Fall. Wenn Visser den „Parsifal“ in weiten Teilen als eine Art Historiendrama auf die Bühne bringt, teilt sich doch vor allem eine Ratlosigkeit mit, was mit diesem „Bühnenweihfestspiel“ noch anzufangen sei. In der Ruine einer ehemaligen Abtei spielt die neue Dresdener Inszenierung (Bühne: Frank Philipp Schlößmann), mächtige gotische Gewölbe erzählen von einer Zeit, in der religiöses Bewusstsein noch eine Rolle gespielt hat. Eine bunte Besucherschar findet sich ein: Wanderer, Kranke, Umweltaktivisten, eine Schulklasse. Ein Schüler läuft mit einem dicken Buch herum, darin die Geschichte von Parsifal, die er sich nun in der Phantasie vorzustellen beginnt. Die Besucher werden zu Mitspielern, die Kirchenruine zum Schauplatz. Leander Wilde spielt diese stumme Riesen-Rolle mit anrührender Hingabe, die Begeisterung, die Neugierde, die Wachheit, die dieser Knabe ausstrahlt, bieten noch vor der eigentlichen Heilungsgeschichte dieses Musikdramas einen heilsamen Kontrapunkt zur müden Ritterschaft.
Wie bei „Räuber Hotzenplotz“
Naheliegend kommt es zum Kurzschluss, als Parsifal auftritt: Der Held und der Junge sind eigentlich eins, eine Figur in zwei Erscheinungsformen. Wie tritt Parsifal auf? In einer blank gewienerten Edelstahlrüstung. Ein Beispiel, wie Visser und sein Team allzu bereitwillig aus dem Vorrat wohlbekannter Bilder schöpfen. Klingsor (schön böse: Scott Hendricks) wird später einen astreinen Drudenfuß auf den Boden zeichnen, um Kundry herbeizuzaubern wie Petrosilius Zwackelmann im „Räuber Hotzenplotz“ den Seppl.
Kundry wiederum entwickelt sich in der Phantasie des Jungen aus einer Prostituierten, die die verfallene Abtei umkehrwillig aufsuchte. An wasserstoffblonden Haaren und langen roten Stiefeln ist sie in ihrer Erwerbstätigkeit klar zu erkennen. Michèle Losier singt diese Rolle mit dunkler Glut, würdevoll auch in der Verzweiflung. Dass die Blumenmädchen von einem Schwarm Nonnen übernommen werden, die sich bald lüstern ihres Habits entledigen, sollte man wohl als humoristischen Versuch werten, ebenso die wrestlingartig choreographierten Ritter-Duelle, bei denen das Scheppern der Rüstungen etwas nachteilig auffällt. Eric Cutler als Parsifal macht hier eine gute Figur, bleibt stimmlich aber ein wenig blass.
Daniele Gatti am Pult der Sächsischen Staatskapelle spiegelt die Ratlosigkeit der Bühne. Die Richtung, in die die Musik gehen soll, ist oft nicht klar: Eher stockend? Oder doch fließend? In die Breite gedehnt? Oder doch mit Blick nach vorne? Als Folge klappern Einsätze, selten nur gelingt jene Balance in Wagners ausgefuchsten Klangfarbenmischungen, die den eigentlichen Zauber dieser Musik ausmachen. Was lässt sich mit Wagners Kunstreligion noch anfangen, außer dass die Geschichte wie eine Netflix-Serie erzählt wird? In Dresden erhält man keine Antwort.
Source: faz.net