Parloa: Deutschlands neues KI-Milliarden-Start-up

Manchmal dauert es ein bisschen, bis der Durchbruch gelingt. Malte Kosub kann davon ein Lied singen. Im Jahr 2017 gründet er mit Mitte 20 das Unternehmen „Future of Voice“ – eine Art Agentur zur Entwicklung von Chatbots. Amazons Sprachsoftware Alexa ist damals der neueste Schrei und Kosub überzeugt: Das ist die Zukunft! „Ich habe sicherlich 100 Vorträge gehalten, wie Sprachassistenten Kundenerfahrungen für immer verändern werden“, erinnert sich Kosub: „Es hat dann nur etwa sieben Jahre länger gedauert, als wir dachten.“

„Future of Voice“ gibt es heute nicht mehr. Im Jahr 2018 hat Kosub zusammen mit Stefan Ostwald ein neues Unternehmen mit einem anderen Ansatz, aber dem gleichen Thema gegründet: Parloa – eine Mischung aus „parler“ (französisch für „sprechen“) und „aloha“. Parloa entwickelt Künstliche Intelligenz (KI) für den Kundenservice. Wer heute beim Reiseanbieter Booking.com, dem Versicherer Allianz oder Dutzenden von anderen Unternehmen anruft, der hat möglicherweise schon einmal einen sogenannten KI-Agenten von Parloa am Hörer gehabt.

Malte Kosub
Malte KosubParloa

Deren Qualität soll deutlich besser sein als die der altbekannten Computerstimmen, die erst nach dem siebten fehlgeschlagenen Versuch der Problemübermittlung endlich zu einem echten Kundenberater durchstellen – den Fort­schrit­ten der Künstlichen Intelligenz sei Dank. Die KI-Agenten von Parloa sind nicht nur in der Lage, wie ein klassischer Sprachbot vorgegebenen Mustern zu folgen. Sie können auch persönlich auf Kunden eingehen und wirken so im Gespräch viel natürlicher.

Seine Investoren hat Kosub damit jedenfalls überzeugt. Am Donnerstag verkündete Parloa eine frische Finanzierungsrunde über 350 Millionen Euro. Insgesamt hat das Unternehmen nun mehr als 560 Millionen Dollar eingesammelt. Die Investoren um den renommierten amerikanischen Risikokapitalgeber General Catalyst bewerteten Parloa nun mit drei Milliarden Dollar. Damit ist das Berliner Unternehmen endgültig in die Reihe der wertvollsten deutschen KI-Start-ups aufgestiegen.

Riskante Wette bringt Erfolg

Dass Parloa heute so gut dasteht, hat auch mit einer riskanten Wette des Gründerteams im Jahr 2022 zu tun. „Wir haben in den Jahren vor ChatGPT schon ein wenig gegrübelt“, sagt Kosub. Dann wurden die großen Sprachmodelle plötzlich sehr schnell sehr viel besser – und Parloa entschied sich, sein Produkt noch mal komplett neu zu bauen, die bisherige Technik zu verwerfen und alles auf die Fortschritte der Künstlichen Intelligenz zu setzen: „Das war ein Paradigmenwechsel, aber dadurch haben wir früher als andere angefangen.“

Dann sei plötzlich alles „wahnsinnig schnell“ gegangen. Die Wette habe sich voll ausgezahlt. „Viele KI-Projekte schlagen noch fehl, alle Unternehmen suchen nach Anwendungsfällen, die tatsächlich funktionieren“, sagt Kosub. Im Kundenservice sei das schon der Fall. 2026 werde der Markt explodieren, ist er überzeugt. Schon im vergangenen Jahr knackte Parloa die Marke von 50 Millionen Dollar an jährlich wiederkehrendem Umsatz, eine wichtige Kennziffer für Start-ups, die ihre Software gegen eine monatliche Gebühr vermieten.

Entsprechend ambitioniert sind Kosubs Pläne. „Wir sind überzeugt, dass wir in unserem Bereich zum Weltmarktführer werden können“, sagt er. Das passiere natürlich nicht von heute auf morgen; vor dem Start-up lägen noch Jahre harter Arbeit. Aber Kosub will Parloa nach SAP endlich zum nächsten deutschen Softwareunternehmen von Weltrang ausbauen. Die frischen 350 Millionen Dollar sollen dabei helfen. Das Geld soll zum einen in die Erschließung neuer Märkte fließen. „Der Markt steht noch ganz am Anfang, jetzt ist Geschwindigkeit gefragt“, sagt Kosub.

Darüber hinaus will er in den Ausbau seines Produkts investieren: „Der Kundenservice ist erst der Anfang.“ KI-Agenten würden immer stärker in Websites und Apps von Unternehmen integriert, sie seien die „zentrale Schnittstelle zum Kunden der Zukunft“. Irgendwann werde jeder Kunde seinen eigenen persönlichen KI-Agenten haben – und zwar auch für das Marketing oder den Vertrieb. „Unternehmen mit 30 Millionen Kunden betreiben dann 30 Millionen KI-Agenten.“

Bis dahin dauert es wohl noch ein wenig, und die Konkurrenz ist groß. Nicht zuletzt US-Konzerne wie Microsoft oder Salesforce streben in den Markt. Kosub ist überzeugt, dass Parloa als spezialisierter Anbieter ein besseres Produkt anbieten kann.

Bislang jedenfalls läuft es gut mit der Mission Weltmarktführer. 2022 arbeiteten für Parloa noch gut 20 Leute, heute sind es mehr als 380, unter anderem in einem neuen Büro in New York. Ende des Jahres plant Kosub mit 600 Mitarbeitern. „Du musst dich als Gründer alle drei Monate neu erfinden, weil sich deine Rolle ständig ändert“, sagt er. Das sei herausfordernd, mache aber auch Spaß.