Paris unter NS-Besatzung: Wer schoss sie Fotos?
Zweimal im Jahr, an Ostern und Mitte August, treffen sich Sammler aus ganz Frankreich für ein Wochenende im südfranzösischen Städtchen Barjac. Abseits aller Bahnstrecken und im nördlichsten Zipfel des Département du Gard gelegen, werden sie von der „brocante de Barjac“ angelockt, einer unter freiem Himmel ausgerichteten Mischung aus Antiquitätenmesse und Flohmarkt. Mit ihr verbindet sich das Versprechen auf kleine und große Funde; und wer das jüngste Buch des französischen Journalisten Philippe Broussard gelesen hat, wird auch die spektakulären für möglich halten.
Im August 2020 fand Stéphanie Colaux, Dokumentarfilmerin und Sammlerin historischer Fotografien, in Barjac ein Album mit fast vierhundert Aufnahmen. Sie zeigen das durch die Wehrmacht okkupierte Paris und erlauben für die Jahre zwischen 1940 und 1942 einen bislang nahezu unbekannten Blick. Ein namenloser Fotograf hatte sich allen Verboten zum Trotz darangemacht, die deutsche Besatzung systematisch mit der Kamera zu dokumentieren.
Risikoreiche Bilderjagd in Paris
Den größten Teil seines Buches widmet Broussard der schrittweisen Auflösung jenes Rätsels, das er bereits im Titel ausstellt: Wer ist jener Fotograf, dem das Bildgedächtnis für das besetzte Frankreich einen so wichtigen Neuzugang verdankt? Die Frage liegt schon deshalb nahe, weil sich der oder die Unbekannte nicht mit der risikoreichen Bilderjagd im Pariser Stadtraum begnügte.

Die Abzüge der Fotografien wurden auf der Rückseite sorgfältig nummeriert und mit beißenden Kommentaren beschriftet. Entstanden ist auf diese Weise ein Archiv, das mitunter auf die Minute genau die eingefangenen Situationen datiert und beschreibt. Am Unrecht der Besatzung lassen diese Bemerkungen keinen Zweifel aufkommen – „les Fritz“, wie die Deutschen hier meist heißen, werden in den Fotografien als rücksichtslose Herren der Lage gezeigt.
Im allerersten Satz des Buches legt Broussard ein überraschendes Geständnis ab: Von Fotografie verstehe er eigentlich nicht besonders viel, die ganzen technischen Aspekte kämen ihm sogar ein wenig befremdlich vor. Umso mehr aber zeigen die sich anschließenden Kapitel, wie viel der Investigativjournalist, der jahrzehntelang für verschiedene Magazine und Zeitungen als Reporter gearbeitet hat, von gründlicher Recherche versteht.
Detektivgeschichte hinter den Fotografien
Teilnehmen können die Leser an einer minutiös beschriebenen Suche nach Anhaltspunkten, um diese spektakuläre, aber dennoch anonyme Quelle zum Sprechen zu bringen. Vier Jahre lang und dabei zu großen Teilen unter den erschwerten Bedingungen der Pandemie betrieb Broussard das klassische Geschäft aller historischen Forschung: Er recherchierte in Archiven, führte Interviews mit Zeitzeugen und Nachfahren, schrieb Hunderte E-Mails, und nicht zuletzt blätterte er in alten Adress- und Telefonbüchern.

Es lässt sich gar nicht überlesen, dass Broussard Gefallen daran findet, diese ganz alltäglichen Forschungsmethoden zur Detektivgeschichte zu stilisieren. Doch gibt ihm nicht allein die packende, in der Tat wie ein Krimi geschriebene Reportage recht, sondern vor allem das Ergebnis, das am Ende seiner jahrelangen Recherchen steht. Woher eigentlich konnte der unbekannte Fotograf sein Filmmaterial in so großem Umfang beziehen? Und wo konnte es unter Ausschluss von Gefahren entwickelt und abgezogen werden? War es tatsächlich denkbar, dass dies in einer improvisierten heimischen Dunkelkammer geschah? Broussards Forschungen führten ihn schließlich an den Boulevard Haussmann und dort in das Luxuskaufhaus Printemps. Seit 1911 war hier Raoul Minot als Verkäufer für Damenkleidung tätig, bevor er zum Abteilungsleiter befördert wurde. Ebenso wichtig aber ist, dass Minot ein passionierter Amateurfotograf war.
Anschaulich beschreibt Broussard den Kosmos des Warenhauses als einen Ort des ganz alltäglichen Widerstands gegen die deutsche Besatzung. Auf diese Weise lässt sich Minots systematische fotografische Dokumentation als eine Mikrogeschichte der Résistance begreifen. Sie zeigt ein kompliziertes Zusammenspiel von Mitwissern und Unterstützern. Auf sie war der Fotograf angewiesen, um mit seiner Brownie Kodak unter großen Gefahren mehr als tausend Bilder aufnehmen und verarbeiten zu können. Erst seit Broussards Recherchen wird deutlich, wie groß diese fotografische Produktion tatsächlich gewesen ist. Inzwischen wurde sie um weitere Archivbestände und neue Funde erweitert.
Der Widerstand kostete den Fotografen das Leben
Leider wird in Broussards Buch das in Barjac gefundene Album nur zu einem guten Fünftel reproduziert. Dennoch macht auch dieser Ausschnitt verständlich, wieso diese Bilder in Frankreich bei ihrer ersten Publikation enormes Aufsehen erregten. In einer fünfteiligen, in „Le Monde“ im Sommer 2024 erschienenen Artikelserie hatte Broussard seine Recherchen zum ersten Mal ausführlich vorgestellt. Bereits seinerzeit wurde deutlich, was sich auch jetzt in der erheblich erweiterten Buchfassung bestätigt: Dem Reporter war es insbesondere wichtig, den Urheber dieser Bilder zu finden.
In der Fotoforschung werden namenlose Flohmarkt-Funde auch als „orphan images“ bezeichnet. In diesem Sinn sind die Bilder aufgrund von Broussards Recherchen nicht länger verwaist. Der ausschnitthafte Blick, den sein Buch auf diese Aufnahmen gewährt, zeigt aber auch, dass für die künftige historische und bildkritische Forschung ein reicher Gegenstand gewonnen ist, der in seinem ganzen Umfang überhaupt erst noch erschlossen werden muss.
Minot selbst hat seinen fotografischen Widerstand mit dem Leben bezahlt. Aufgrund einer Denunziation verhaftet, wurde er 1943 nach Mauthausen, Buchenwald und schließlich Flossenbürg deportiert. Zwar überlebte er die zweijährige Haft in den Konzentrationslagern, war allerdings nach seiner Befreiung im April 1945 bereits so geschwächt, dass er kurz darauf im Krankenhaus starb. Mit der Wiederentdeckung seiner Fotografien geht aber auch die des Fotografen einher. Nur wenige Wochen nach Erscheinen der Artikelserie in „Le Monde“ wurde Minot durch den französischen Staat mit dem Titel „Mort pour la France“ geehrt.
Philippe Broussard: „Le Photographe inconnu de l’Occupation“. Éditions du Seuil, Paris 2025,304 S., Abb., 27,90 €.
Source: faz.net