Paris sagt: Emily – go home!
Netflix kündigt eine neue Staffel der Erfolgsserie „Emily in Paris“ an. Unsere Autorin wünscht sich wie so viele an der Seine, dass die neuen Folgen ganz weit weg spielen
Eine amerikanische Touristin posiert vor Emilys Lieblingsbäckerei
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„From Greece with Love“. Eine Postkarte, große Hoffnungen. Ja, das Ende der fünften Staffel der Netflix-Dauererfolgsserie Emily in Paris lässt mich, als Wahlpariserin, aufhorchen. Da verfasst Emilys Geliebter Gabriel ein paar Zeilen, mit denen er seine Liebste bittet, ihm in die Ägäis zu folgen. Die pittoreske Ansicht von Santorini soll sie locken. BIM! Abspann und kurz darauf die Ankündigung, dass eine sechste Staffel folgt. Ob Emily die Postkarte erreichen wird und sie Gabriels Wunsch nachkommen wird, wissen wir nicht. Aber für mich und die französische Hauptstadt wäre es eine gute Nachricht. Vielleicht werden dann wenigstens einige Folgen der amerikanischen Schmonzette weit weg von der Seine gedreht, wie schon zuletzt bei Emilys Aufenthalt in Rom.
Sie merken, ich gehöre nicht zu den 27 Millionen Menschen, welche die gerade erschienenen, neuen Folgen in den ersten Tagen gebinged haben. Im Gegenteil, ich habe stets einen immens großen Bogen um die Serie gemacht, die für manche Pariser ein Segen, für viele andere aber ein Fluch ist. Laut einer Studie des Centre national du cinéma et de l’image animée (CNC), also der staatlichen französischen Filmanstalt, nennen fast 38 Prozent der Paris-Touristen die Serie als einen der Gründe für ihren Besuch. Seit ihrem Start 2020 ist sie die erfolgreichste Comedy-Serie auf Netflix. Für viele Amerikanerinnen lebt Schauspielerin Lily Collins (by the way die Tochter von Phil Collins) ihren Traum, mit Croissant in der Hand und French Lover im Bett.
Die Möchtegern-Emilys sind im Pariser Stadtbild leicht auszumachen
Bleiben wir zunächst beim Look und den Klischees. Keine Pariserin läuft so rum wie Emily, glauben Sie mir. Die kurzen bunten Kleidchen und Röcke, die Baskenmütze und das heavy Make-up sind so ungefähr das genaue Gegenteil des Frauentypus, wie ihn zum Beispiel Stilikone Inès de la Fressange in ihrem Buch La parisienne beschreibt: die Haare undone, lang, kaum gekämmt, immer wie gerade aus dem Bett aufgestanden. Wenig Make-up, eine abgetragene Handtasche (nun gut, sie darf auch von Chanel oder Louis Vuitton sein), die Farben neutral, Nonchalance statt durchgestylt. Insofern erkennt man die Fake-Pariserinnen aus den USA, Japan oder Deutschland allein an der Klamottenwahl, die sich an Jane Birkin in den 70ern orientieren sollte statt an Lily Collins. Auch einen Pappbecher mit Starbucks-Plörre wird man nicht in der Hand einer Pariserin sehen, die natürlich Espresso trinkt. Aus einer Tasse.
Umso besser sind dann auch die Möchtegern-Emilys im Pariser Stadtbild auszumachen, die sich in der Regel gerade mit Selfie-Stange vor dem Sacré-Cœur oder dem Eiffelturm ablichten. Das Ganze posten sie dann unter einem Insta-Namen, der auf @…in_paris endet. Und natürlich findet man sie an all jenen Orten, wo Emily im daily life so unterwegs ist und für die eigens Stadttouren angeboten werden. An einem der meistbesuchten Orte der Welt, mit 17 Millionen ausländischen Touristen pro Jahr, ein Nervfaktor mehr. Auf das Stadtmarketing via Netflix könnten wir locker verzichten.
Vielleicht würde ein typisch französischer Streik gegen Emily helfen?
Der Place de l’Éstrapade im 5. Arrondissement mit seiner Boulangerie moderne (1.800 Google-Rezensionen) und dem idyllischen Brunnen ist für Pariser zur No-go-Zone geworden. Das Restaurant, in dem Emilys Lover, Chefkoch Gabriel (der irgendwie keinen Nachnamen zu haben scheint), an den Töpfen steht, hat unter Fans Kultstatus und macht naturellement einen Riesen-Reibach. Auch die Hotelpreise gingen in den vergangenen fünf Jahren durch die Decke, zwischen 2022 und 2023 allein um 13 Prozent, Tendenz steigend. Und während die einen vom Emily-Hype profitieren, sind viele Anwohner genervt. Die wiederkehrenden Dreharbeiten blockieren den Place de l’Éstrapade häufig tagelang. Dort waren schon Graffitis zu lesen wie „Emily, verpiss Dich, Paris gehört Dir nicht“ oder schlicht „Emily not welcome“. Vielleicht würde ja – typisch französisch – ein Streik gegen die lästigen Besucher helfen.
Sie merken es: Touri-Bashing und Anti-Amerikanismus gehören zu Paris wie der Eiffelturm und Montmartre. Auch deutsche Frauen sind längst in das Emily-Game eingestiegen und pilgern eifrig an die Seine – oder schlimmer noch, versuchen in der Marketing- oder Medienbranche Fuß zu fassen. Ich kann nur vor dem Paris-Syndrom warnen, das Ende der 1980er erstmals diagnostiziert wurde, wenn Schwindelgefühl, Kurzatmigkeit, Halluzinationen und Herzrasen einsetzen, weil’s hier am Ende weit weniger perfekt, liebevoll und aufregend zugeht als auf Netflix. Mit Hundekacke unter den Absatzschuhen, des Portemonnaies beraubt und belächelt für die so sorgfältig ausgesuchte Garderobe sitzen die Emilys enttäuscht im Flieger nach Hause. Bis zur nächsten Staffel.