Parco Scherrer am Luganersee: Mit Venus und Jupiter im Teehaus

An diesem Ort darf man auf Überraschungen gefasst sein. Gerade erst haben wir den romantischen Limonengarten mit der goldgelben Orangerie durchquert. In der Sonne saßen wir ganz für uns allein auf der kleinen Terrasse hoch über der blauschimmernden Bucht des Luganersees. Um uns herum Zitrusbäume, im Wind zitternde Palmenblätter und Kameliensträucher mit roten, rosafarbenen oder weißen Kelchen.

Ein mediterraner Garten wie aus dem Lehrbuch. Doch nur wenige Schritte sind es hier vom südlichen Europa auf den asiatischen Kontinent. Ein meterhohes Bambuswäldchen taucht ein siamesisches Teehaus in kühlen Schatten. In der Nähe gurgelt ein kleiner Wasserlauf.

Ein Bühne für fremde Kulturen und Kunst

Wir haben die prachtvolle Treppe am Garteneingang erklommen, vorbei am venezianischen Zierbrunnen und dem byzantinischen Löwen, der auf einer Renaissancesäule thront. Nymphen, Faune und barocke Statuen säumten den mit Kieseln und Mosaiken kunstvoll gepflasterten Weg.

Platz für Genießer: Im Frühling können Besucher der Orangerie einen ungestörten Blick von der Terrasse über den Luganersee und die gegenüberliegenden Berge schweifen lassen.
Platz für Genießer: Im Frühling können Besucher der Orangerie einen ungestörten Blick von der Terrasse über den Luganersee und die gegenüberliegenden Berge schweifen lassen.

Auf einer Panoramaterrasse blicken jetzt zwei Sphinxen über das glitzernde Wasser, die Säulen eines Belvederes umarmen eine Steinbank, und zwischen mannshohen Hortensienbüschen, Magnolienbäumen und Azaleen reihen sich die Statuen von Venus, Juno und Jupiter aneinander. Ein Wasserbecken schlängelt sich zu unseren Füßen, und sanft plätschern Tropfen aus einem marmornen Renaissancebrunnen. Ein Szenario wie aus einem Fantasyfilm.

Garten der Wunder oder Zaubergarten hat Hermann Arthur Scherrer seine Anlage genannt, die er über Jahrzehnte hinweg erschuf. 1930 erwarb der wohlhabende Kaufmann und Textilhändler aus Sankt Gallen das 15.000 Quadratmeter große Hanggrundstück in damaligen Fischerdorf Morcote am südlichen Luganersee. Er wollte einen Ort erschaffen, der ihn an seine Reisen als Tuchhändler erinnerte. In seinem Hanggarten ließ er deshalb eine Bühne errichten für fremde Kulturen und Kunst, öffnete Blicke in mediterrane, orientalische und asiatische Welten und kreierte eine surreale Landschaft im Folly-Gartenstil, die in dieser Dichte vermutlich einzigartig ist.

Folly – übersetzt Narretei – steht für eine Gartenkunst und Architektur, die bereits im 18. und 19. Jahrhundert sehr beliebt war und eine Vielzahl an kuriosen Zierbauten hervorgebracht hat. Beispiele finden sich auch in Deutschland – die Pfaueninsel am Berliner Wannsee etwa oder die künstliche Felseninsel im Wörlitzer Park, die für die Inszenierung nächtlicher Vulkanausbrüche gebaut wurde. Die Wasserkaskaden der Wilhelmshöhe in Kassel gehören ebenso dazu wie auch die Ruine im Hanauer Park Wilhelmsbad.

Der Stil geht vor allem auf die Ideen und Exzentrik ihrer Erbauer zurück. Vermutlich fand diese Art der Gestaltung deshalb gerade in England und auf den britischen Inseln, deren Bewohnern ein Sinn für Spleens nachgesagt wird, viele Anhänger. Grotten, Einsiedeleien, Türme, künstliche Ruinen, Tempel, Wasserspiele oder gar ganze Dörfer wurden zum Gestaltungselement, zur Machtdemonstration, Selbstdarstellung oder romantischen Landschaftsinszenierung.

Ein Stück heile Welt auf 15.000 Quadratmetern

Die Bauwerke entbehren meist jeden praktischen Zweckes. Manche finden Follies auch einfach nur kitschig, sicher stehen sie jedoch für den ungewöhnlichen Einfallsreichtum ihrer Erbauer.

Scherrer war über 50, als er im damals noch ärmlichen Tessin sein Gartengrundstück samt Haus am See erwarb. Es waren die politisch unruhigen 1930er-Jahre, die die Welt in Krieg und Unheil führten. In den Kanton südlich der Alpen hatten sich zu dieser Zeit schon viele Intellektuelle, Künstler, Schriftsteller zurückgezogen. Später kamen Exilanten dazu. Hermann Hesse wohnte nur einen Steinwurf von Morcote entfernt. Kurt Tucholsky und Erich Kästner schrieben vom benachbarten Lago Maggiore aus gegen die aufziehenden dunklen Zeiten und erstarkenden Nationalsozialisten an.

In Scherrers Garten indes präsentierte sich eine heile Welt. Im asiatischen Teil konnten er und seine Gäste Tee trinken im siamesischen Pavillon mit üppig ausgestattetem Interieur oder im orientalischen Haus ruhen hinter farbenprächtigen Mosaikglasfenstern. Sie schlenderten in Arkadien oder zogen sich zu Gesprächen ins indische Schlösschen zurück, das er im Mogulstil hatte errichten lassen.

Indien liegt auch gleich um die Ecke: Das Schlösschen ließ Scherrer im Mogulstil errichten.
Indien liegt auch gleich um die Ecke: Das Schlösschen ließ Scherrer im Mogulstil errichten.

Davor liegt eine Terrasse mit einem Wasserbecken, in dem eine Fontäne plätschert. An der Bergseite stehen auf Säulen Elefanten und Kobras aus Stein, und über allem wacht eine heilige Kuh. Wie überaus exotisch muss diese Szenerie vor fast hundert Jahren auf die Besucher gewirkt haben.

Im mediterranen Teil steht die Akropolis oder zumindest ein Teil davon. Griechische Frauenskulpturen, majestätische Karyatiden aus weißem Stein gehauen, tragen die Giebel des Erechtheion, des zweiten Tempels des Athener Burgberges. Alles originalgetreu, nur kleiner als das Vorbild und wie über Nacht auf die Alpensüdseite gebracht. Eine Etage höher sind die Umrisse eines Sonnentempels zu sehen, umgeben von Wasserbecken und Buchsbaumhecken, deren Form uns irgendwie an die Gärten der Alhambra erinnert.

Hermann Arthur Scherrer war ein früher Kosmopolit

Der 1881 geborene Kaufmann Hermann Arthur Scherrer hatte als Kind renommierte internationale Schulen besucht und sprach mehrere Sprachen. Er führte mehrere elegante Modegeschäfte, in Sankt Gallen und auch in München, wohin er 1907 zog. Sein Handwerk als Textilhändler hatte er auf der Textilschule in Aachen erlernt. Für die Auswahl der Stoffe bereiste er die Welt. Von den Pflanzen, die er dabei entdeckte, war er begeistert. Die Folly-Bauten in seinem Garten sind deshalb stets flankiert von der für sie typischen Vegetation.

Heute würde man Scherrer vielleicht einen Kosmopoliten nennen. Sein Garten ist daher nicht nur eine architektonische oder gestalterische Laune. Er zeugt auch von dem Respekt vor dem Andersartigen, der Kultur fremder Länder und der Vielfalt. Eine Offenheit und Weltläufigkeit, die in den Jahren des zerstörerischen Nationalismus selten waren.

Nofretetes Büste wacht im ägyptischen Tempel.
Nofretetes Büste wacht im ägyptischen Tempel.

Der Gartenliebhaber starb 1956. Seine Witwe übergab den Park fast zehn Jahre später an die Gemeinde mit der Auflage, dass er der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte. Und so können Besucher heute – übrigens kostenlos – durch den Zaubergarten flanieren.

An seinem Sehnsuchtsort ließ sich Scherrer auch zur letzten Ruhe betten, in einem Folly-Bau. Seine Urne und die seiner Frau stehen in einem kleinen, kunstvoll bemalten ägyptischen Tempel, der von zwei Gottheiten bewacht wird. Gleich neben der Büste der Nofretete, die eine getreue Kopie des in Berlin ausgestellten Originals ist. Ein passenderes Grabmal lässt sich kaum finden.

Der Parco Scherrer in Morcote am Luganersee ist geöffnet von Mitte März bis Anfang November, täglich von 9 Uhr an. Eintritt frei. Weitere Informationen unter www.morcote.ch