Osten-Festival: „Solange sie sich an die Regeln halten, sind ebenfalls AfD-Wähler willkommen“
der Freitag: Was gab 2019 den Ausschlag für die Gründung des Osten-Festivals?
Aljoscha Begrich: Bei der Bundestagswahl 2017 zog die AfD erstmals in den Bundestag ein. Damals ging der gesamte Diskurs über „den Osten“, wurde aber sehr wenig „mit“ und noch weniger „aus“ Ostdeutschland geführt.
Wir – Christine Leyerle und Ludwig Haugk, mit denen ich 2019 den Trägerverein des Osten-Festivals, Kulturpark e.V., gegründet habe – hatten den Impuls, dem vereinfachten Diskurs etwas entgegenzusetzen, und dachten: Man muss etwas vor Ort gründen und von den Themen der Menschen dort ausgehen. Deswegen heißt es auch Festival für gegenseitiges Interesse. Wir wollen ein Festival für etwas machen, nicht gegen etwas.
Christian Tschirner: Mit dem Osten-Festival bewegen wir uns zwischen Kunst und Begegnung. Unterschiedlichste Formate sollen zum Mitmachen anregen. Angelehnt ist das an den Bitterfelder Weg, das kulturpolitische Programm der DDR ab 1959, bei dem versucht wurde, Arbeiter und Intelligenzija, über, wie man heute sagen würde, soziale Praxis oder Workshops zusammenzuführen. Wie kann diese Tradition fortleben? Was können wir mit den Leuten vor Ort zusammen gestalten? Das ist dann manchmal Motorradfahren, manchmal Singen und manchmal Handwerken.
Was ist das Besondere an der Situation in Bitterfeld-Wolfen?
Tschirner: In Bitterfeld-Wolfen liegen Veränderungsprozesse wie unter einem Brennglas. Eine Landschaft wurde in einer wahnwitzigen Geschwindigkeit industrialisiert und in der gleichen Geschwindigkeit ist die Industrie wenig später nahezu verschwunden. Wie geht man damit um? Was ist schiefgelaufen, was hat gut geklappt? Das sind wertvolle Erfahrungen. Wir betrachten die Leute vor Ort als „Fachleute des Wandels“. Und greifen ihre Geschichten auf.
Begrich: Wir haben das Glück, dass sich die Künstler*innen, die wir einladen – viele internationale Gäste, aber auch freie Performancegruppen wie She She Pop oder Rimini Protokoll – auf die Menschen und ihre Geschichten einlassen. Bislang ist unser Plan für das Festival als Plattform für Begegnungen eigentlich immer aufgegangen.
Wenn Sie sagen: bislang, spielen Sie damit auch auf die sich verändernden politischen Rahmenbedingungen für Kunst und Kultur an?
Begrich: In gewisser Weise, ja. 2019 war unser Ansatz, uns auf die Mehrheit der Bevölkerung zu konzentrieren, die nicht faschistoid, völkisch oder antidemokratisch unterwegs ist. Aber in den sieben Jahren vor Ort hat sich die politische Lage extrem verändert. Jetzt ist man dort in der Minderheit, als Kulturschaffender sowieso, aber auch in der demokratischen Realminderheit. Das verändert unsere Räume. Ganz konkret betrifft das Veranstaltungsräume, die wir nicht mehr mieten können. Aber auch Diskursräume: Die Sprache und die Bedeutung von Begriffen, haben sich verändert.
Ein Beispiel?
Begrich: Unser Motto war immer „vom Osten lernen“. Wir haben in Richtung Westdeutschland und in Richtung Metropolen gedacht: Guckt euch an, was hier passiert. Das sind interessante Prozesse, das sind gefährliche Prozesse, die müssen wir vergrößern, weil sie beispielhaft und wichtig sind. Aber jetzt wird „vom Osten lernen“ plötzlich ganz anders benutzt, für eine Form der Radikalisierung.
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Tschirner: Lernen soll man jetzt vom Osten, wie die Regierung am besten zu stürzen ist. Im Januar dieses Jahres hat die AfD als stärkste Fraktion im Bitterfelder Stadtrat gemeinsam mit der Fraktion Pro Bitterfeld-Wolfen durchgesetzt, dass die Bundesmittel aus dem Programm Demokratie leben!, das zivilgesellschaftliches Engagement unterstützt, anders verteilt werden. Die Parteien haben jetzt auch mehr Einfluss auf die Vergabe der Mittel. Diese Strategie der Vereinnahmung fand die Bundes-AfD beispielhaft, davon könne man lernen.
Wir agieren in einem zunehmend vergifteten politischen Raum. Damit muss man als Künstler erst einmal umzugehen lernen
Inwiefern betreffen diese Veränderungen Sie und das Osten-Festival?
Begrich: Auch wir werden anders wahrgenommen. Angebote, die wir als Einladung begreifen, werden als Provokation verstanden. Vor zwei Jahren haben wir gemeinsam mit der Interessengemeinschaft Raumlabor Berlin eine große Wasserrutsche aufgebaut und hielten das für ein niedrigschwelliges Angebot an alle. Aber diese Holzrutsche wurde teils als „linksgrün versiffter“ Angriff auf die Schönheit und Sauberkeit der Stadt gelesen. Wir agieren in einem zunehmend vergifteten politischen Raum. Damit muss man als Künstler erst einmal umgehen lernen.
Tschirner: Man muss das vor allem erst einmal verstehen. Ich habe, wenn ich in Hamburg oder Berlin bin, manchmal das Gefühl, einige meiner Kolleg*innen sind in einer Zeit hängen geblieben, in der es darum ging, ein selbstzufriedenes bürgerliches Publikum mit krassen Positionen wachzurütteln. Also etwa Anfang der 2000er, als Christoph Schlingensief Neonazis auf die Bühne holte.
Deutliche Worte gegen die Kulturszenen der Städte, in denen Sie selbst leben. Welche Widersprüche stören Sie in den Metropolen besonders?
Begrich: Der Mut, den man als Künstler*in braucht, um in einer Metropole mit krassen Thesen auf die Bühne zu gehen und sich als Verteidiger*in der Meinungsfreiheit zu begreifen, weil man vielleicht von Aktivist*innen oder vom Publikum dafür angegriffen wird, ist nichts gegen den täglichen Widerspruch gegen den wachsenden Rassismus, Antisemitismus oder Sexismus – beim Bäcker, im Kirchenchor, in der Freiwilligen Feuerwehr. Die Hochachtung vor den aufrechten Menschen, die das tagtäglich leisten, in einem Umfeld, in dem neofaschistische Positionen normalisiert sind, kann nicht groß genug sein.
Tschirner: Wir empfinden unser Arbeiten und viele unserer Produktionen auch oft nicht als explizit politisch. Aber in einem derart politisierten Raum wird jegliches Agieren in einem politischen, gesellschaftlichen Zusammenhang gelesen. Das ist ein Unterschied zum Kunstschaffen in den Metropolen, wo es oft sehr laut und explizit zugeht, weil der Rezeptionsraum ganz anders ist.
Ist er wirklich so anders? Die Leute in den Großstädten sind doch längst auch verwirrt, verunsichert, überfordert.
Tschirner: Stimmt. Ich war neulich bei einer Veranstaltung mit Alice Schwarzer im Hamburger Schauspielhaus, die sich als letzte Verteidigerin der Meinungsfreiheit inszeniert und mit zwei Bodyguards anreist, weil Aktivist*innen regelmäßig ihre Veranstaltungen stören und Gegenmanifeste verlesen. Ich will hier nicht auf die Inhalte eingehen, aber bei solchen Veranstaltungen dient das Theater nur als Kulisse, um Content für die jeweiligen Social-Media-Kanäle und Follower*innen zu produzieren.
Begrich: Der Akt des emphatischen Zuhörens, der ja auch impliziert, der andere könnte recht haben, ist in unserer Erfahrung oft viel politischer, als eine laute Aktion gegen Rechts oder pro Meinungsfreiheit. Wir arbeiten lieber langsam und leise. Vertrauen und Kontinuität scheinen mir gerade wichtiger als symbolischer Krach.
Sie bereiten derzeit die Festivalausgabe im September vor. Ist der Sommer nicht eine bessere Zeit für ein Festival mit viel Open-Air-Programm?
Begrich: 2024 fand unser Festival während der Europawahl statt und wir wurden unversehens für den AfD-Wahlkampf benutzt. Daher haben wir das Festival diesmal in den Herbst gelegt, nach der Landtagswahl. Und natürlich fragen wir uns, was das für eine Lage in Sachsen-Anhalt sein wird, eine Woche nach dieser Wahl. Wir rechnen nicht mit Begeisterung und konzipieren gerade ein Festival, das den Emotionen nach der Wahl – Wut, Verzweiflung oder auch Trauer – Raum geben kann.
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Die Freude der AfD-Anhänger*innen nach einem möglichen Wahlsieg, denken Sie nicht mit? Oder sind AfD-Wähler*innen auf dem Osten Festival nicht willkommen?
Begrich: Solange sie sich an die Hausordnung und Spielregeln auf dem Festival halten, sind sie natürlich auch willkommen. Sie sind ja Teil der Gesellschaft und sicherlich auch unseres Publikums. Aber es geht uns darum, den gesellschaftlichen und zeitlichen Horizont größer zu denken. Sonst kommen wir hier nicht weiter.
Wir haben es im Moment zum Teil mit einer Art Phantompolitik zu tun, mit einer Politik, die sich nicht traut, tatsächliche Probleme anzusprechen
Tschirner: Ich bin mir auch nicht sicher, wie viel echte Freude bei den Wähler*innen der AfD bei einem Wahlsieg tatsächlich aufkommt. Nach unserer Erfahrung ist da sehr viel Ressentiment, Neid und Schadenfreude. Wir werden sehen. Aber wir denken trotzdem, dass hier vor Ort etwas entstehen kann, sonst würden wir nicht weiterarbeiten. Unser Motto heißt diesmal „Kraftwerk Zukunft“, weil wir glauben, dass genau hier, genau jetzt – in einer postindustriellen Landschaft mit ökologischen Problemen, in einer überalterten Gesellschaft, die in großen Teilen nicht mehr an die bestehende Demokratie glaubt – ein Zukunftsszenario entwickelt werden kann und muss.
Wir haben es im Moment zum Teil mit einer Art Phantompolitik zu tun, mit einer Politik, die sich nicht traut, tatsächliche Probleme anzusprechen – die Klimakatastrophe, den demografischen Wandel, notwendige wirtschaftliche Transformationsprozesse – und stattdessen politische Phantomprojekte ausruft, die ihrerseits wieder jede Menge Probleme kreieren. Die AfD ist das krasseste Beispiel. In Bitterfeld-Wolfen sind viele der echten Probleme nicht zu übersehen, und es macht Sinn, mit den Menschen vor Ort in Workshops oder Gesprächen nach künstlerischen Formaten darüber in Austausch zu kommen.
Wie bleiben Sie mit den Menschen vor Ort in Kontakt? Sie leben ja nicht in Bitterfeld oder Wolfen.
Begrich: Wir haben ein Büro, das einmal in der Woche geöffnet hat, immer donnerstags. Und wir haben immer wieder Langzeitprojekte angestoßen. Für die diesjährige Ausgabe haben wir einen monatlichen Filmklub gegründet, und das deutsch-argentinische Regieduo Vöcks de Schwindt fragt: Wie klingt der Osten? Sie sammeln Lieder, mit denen die Bitterfelder wichtige Erinnerungen verbinden, und singen gemeinsam mit ihnen, auch beim Festival im September.
Tschirner: Wir sind ein Netzwerk-Festival, es würde uns nicht geben ohne die vielfältige Unterstützung vor Ort. Fast alle Projekte entstehen in Zusammenarbeit mit lokalen Akteur*innen von der Musikschule bis zum Mehrgenerationenhaus, vom Frauenzentrum bis zur Grundschule.
Haben Sie vor Ort auch überraschende Verbündete gefunden?
Begrich: Wir haben viel Kontakt mit Wirtschaftsunternehmen, da der Chemiepark ein großer Unterstützer des Festivals ist. Und den Unternehmen ist völlig klar, dass wir in Deutschland Migration brauchen. Wir brauchen Facharbeiter, wir brauchen junge Leute. Kommt in Sachsen-Anhalt die AfD an die Regierung, dann haben wir ein wirtschaftliches Problem, heißt es dort. Das hat nichts mit Links oder Rechts, zu tun, sondern entspricht einem rein ökonomischen Denken. Das finde ich sehr befreiend, weil sich die Kultur manchmal auch in ihren Diskursen verstrickt.
Was raten Sie Festivalmacher*innen und Kulturschaffenden, die demnächst vielleicht auch in Baden-Württemberg mit einer national ausgerichteten, gegen bestehende Strukturen gerichteten Kulturpolitik konfrontiert sein könnten?
Begrich: Außer Zuhören würde ich noch sagen, dass Beharrlichkeit und Kontinuität entscheidend sind, damit Vorhaben vor Ort Wirkung entfalten. Und Solidarität in Netzwerken mit Gleichgesinnten.
Tschirner: Ich habe neulich mit György Szabo gesprochen, einem der Gründer des Trafó House of Contemporary Arts in Budapest, und er erzählte mir, dass bei der Gründung des Trafó für ihn vollkommen klar gewesen sei, dass es dort um die Avantgarde gehen sollte, um europäische Spitzenkunst. Heute, nach den Erfahrungen in einem illiberalen, autokratischen Staat, würde er in die Breite gehen, in die Volkskunst sozusagen. Das hat mir sehr gefallen.
Das Osten Festival 2026 findet vom 12. bis zum 27. September statt. Im Vorfeld gibt es zahlreiche Kulturveranstaltung in Bitterfeld-Wolfen und Umgebung.