Oscars | Das ungeschrieben Gesetz dieser Oscars: Wer wenn schon diesmal wieder leer zu Ende gehen wird
Zum 98. Mal werden am Sonntag die Oscars vergeben. Triumphiert „Sinners“ oder „One Battle After Another“? DiCaprio oder Chalamet? Meistens spekuliert man über die Gewinner, wir brechen die Lanze für die voraussichtlichen Loser
Im Grunde gewinnt bei den Oscar Verleihungen nie der oder die Richtige
Collage: der Freitag, Material: Andrew H. Walker/Getty Images; Robyn Beck/Getty Images
Hauptdarsteller unter 30 haben’s schwer
Ist es „Ageism“, nur eben andersherum? In der 98-jährigen Geschichte der Oscars hat tatsächlich erst ein einziger Mann, der jünger als 30 Jahre alt war, in der Kategorie des Besten Hauptdarstellers gewonnen. Adrien Brody, damals 29, brach 2003 mit der Auszeichnung für seine Rolle in Roman Polanskis Der Pianist die lange Tradition.
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Für dieses Jahr sah es die längste Zeit so aus, als könne Timothée Chalamet mit seinem energiegeladenen, manischen Auftritt in Marty Supreme den Fluch ein weiteres Mal besiegen. Aber inzwischen laufen die Wetten wieder anders. Offenbar hat Chalamet seinen Beliebtheitszenit überschritten und seinen Ehrgeiz zu offen gezeigt.
Jedenfalls werden aktuell Michael B. Jordan, 39, aus Sinners die größeren Chancen zugestanden. Auch Leonardo DiCaprio, 51 könnte für One Battle After Another zum zweiten Mal gewinnen. Er selbst war lange der beste Beweis dafür, dass die Academy beim Oscar-Voting jungen, attraktiven Männern die Trophäe nicht gönnt. Musste er doch erst 41 werden, bevor man ihn 2016 für Revenant beehrte.
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Komödien werden immer unterschätzt
Die Chancen für eine Komödie, als Bester Film zu gewinnen, sind zwar etwas höher als die für junge Männer in der Hauptdarsteller-Kategorie. Immerhin wurden so legendäre Vertreter des Genres wie It Happened One Night (1934), Annie Hall (1974) oder The Artist (2011) schon mal ausgezeichnet. Dennoch bleibt die Komödienkunst chronisch unterschätzt. Es müssen sich schon ein paar Tränen ins Gelächter mischen, um als Oscar-würdig angesehen zu werden, wie der letztjährige Siegerfilm Anora einmal mehr belegt.
Die Golden Globes vergeben ihren Hauptpreis nicht zuletzt deshalb in den zwei Kategorien Drama und Comedy getrennt. Dass One Battle After Another dort als Beste Komödie gewann, gilt nicht unbedingt als gutes Vorzeichen für Paul Thomas Andersons OBAA. Nach Annie Hall konnte zuletzt nur Green Book den Doppelschlag aus Golden Globes-Comedy-Gewinn und Oscar wiederholen. Es gibt allerdings ein Genre mit noch schlechteren Oscar-Aussichten: Science-Fiction. Star Wars war 1977 nominiert und verlor gegen Annie Hall!
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Kein Herz für kurze Filme
Die Klage darüber, dass ein Film zu lang sei, hört man deutlich öfter als die Klage darüber, er sei zu kurz. Wie die amerikanische Kritiker-Legende Roger Ebert ganz richtig konstatierte, ist kein guter Film je zu lang und kein schlechter Film je zu kurz. Die Abstimmenden in der Oscar-Academy belegen Jahr für Jahr wieder, dass sie die Länge bevorzugen.
Lediglich sechs der bisherigen Gewinner hatten eine Laufzeit von 100 oder weniger Minuten. Im Jahrzehnt zwischen 1956 bis 1965 dauerten die Oscar-Preisträger im Durchschnitt ganze 163 Minuten – so viel zur Beobachtung, dass aktuell die überlangen Filme zunähmen. In 80 Prozent der Fälle seit 1960 war der Gewinnerfilm mindestens über zwei Stunden lang.
Was steckt hinter dieser Vorliebe? Wahrscheinlich der gleiche Reflex, der die Komödien geringschätzt: Man neigt dazu, Länge mit Bedeutsamkeit gleichzusetzen. Die längsten Filme im Rennen dieses Jahr sind OBAA und The Secret Agent mit je 161 Minuten. Der kürzeste ist Train Dreams mit 102 Minuten, also praktisch chancenlos.
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Politische Statements sind unerwünscht
Mit ihrer Prominenz und ihrem weltweiten Publikum sind die Oscars seit jeher eine herausragende Plattform. Für explizit politische Botschaften aber galt lange ein Zurückhaltungsgebot. Dass „Entertainer“ ihr Publikum nicht unnötig spalten oder verprellen sollten, war eine Übereinkunft, die nur wenige durchbrachen. Wie etwa Marlon Brando, der 1973 Sacheen Littlefeather vorschickte, um seine Auszeichnung als Bester Schauspieler in Der Pate abzulehnen – als Protest gegen den Umgang Hollywoods mit Indigenen.
Michael Moore gewann 2003 den Oscar in der Kategorie Dokumentarfilm für Bowling for Columbine, bei seiner Anti-Irakkrieg-Rede aber gab es Buhrufe. Sean Penn versteckte sein Statement ein Jahr später in einem Nebensatz: „Wenn es eine Sache gibt, die Schauspieler wissen – abgesehen davon, dass es keine Massenvernichtungswaffen gab –, dann ist es, dass es so etwas wie den besten Schauspieler nicht gibt.“ Seit #OscarsSoWhite und #Metoo ist es immerhin üblich geworden, zur Politik innerhalb der Oscars Stellung zu beziehen.
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Die Liste der falschen Entscheidungen ist lang
Was macht die Oscars überhaupt so interessant? Im Grunde ist es die Tatsache, dass nie wirklich der oder die Richtige gewinnt. Filmische Meilensteine wie Vertigo und Singin’ in the Rain waren gar nicht erst nominiert. Orson Welles zog 1941 mit Citizen Kane gegen John Fords How Green Was My Valley den Kürzeren. Apocalypse Now verlor 1979 gegen Kramer vs. Kramer, Saving Private Ryan unterlag 1998 Shakespeare in Love und 2006 Brokeback Mountain dem heute völlig vergessenen L.A. Crash.
Nicht nur bei den Filmen ist auf das Votum der Academy kein Verlass: Regisseure wie Stanley Kubrick und Alfred Hitchcock haben in ihrer Kategorie nie gewonnen. Der Schauspieler Peter O’Toole hält den traurigen Rekord, acht Mal nominiert gewesen zu sein, ohne je ausgezeichnet zu werden. Cary Grant war nur zwei Mal nominiert, verlor beide Male und musste sich 1970 mit einem Ehren-Oscar zufriedengeben. Weder Greta Garbo – immerhin drei Nominierungen für Filme – noch Marilyn Monroe wurden für einzelne Leinwandauftritte geehrt. Was also werden in diesem Jahr die großen Fehlurteile sein?