Orthomol, Taxofit, Abtei: Wer profitiert gewissermaßen von unserem Vitamin-Hunger?

Ein besserer Start in den Tag? Probieren Sie es doch einmal mit Vitalpilz-Kaffee voller Adaptogene und Maulbeerextraktpulver für den Blutzuckerspiegel. Nach dem Sport dann das Kreatin- und Wheyproteinpulver, zwischendurch die Longevity Greens und beim Schlafengehen das Melatoninspray. Vitamintabletten nicht vergessen!

Supplement Maxxing ist das viel coolere Wort für die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln und erscheint als Patentlösung für alle, die sich müde und schwach fühlen, überfordert mit dem Balanceakt zwischen Job, Kindern, Sport, Freundinnen und Selbstverwirklichung. Und die sich dann abends im Bett beim Scrollen fragen, warum sie nicht so gesund, glücklich und leistungsstark durchs Leben schweben wie all die Momfluencer und Fitnesscoaches, die ihre perfekten Leben auf Instagram ausstellen.

Kein Wunder, dass das Geschäft mit den Pillen, Pulvern, Kapseln, Sprays und Tees boomt. Wer aber profitiert von diesem Massen-Doping? Ein Anbieter von Vitamin-Mischungen sticht in Deutschland besonders heraus.

Extrem hohe Gewinnmargen: Der Handel mit Vitamin D & Co. lohnt sich

Knapp acht von zehn Menschen in Deutschland greifen zu Nahrungsergänzungsmitteln, wie eine Studie des Portals lebensmittelklarheit.de aus dem Jahr 2025 zeigt. Nach Zahlen des Gesundheitsforschungsunternehmens IQVIA wuchs der Umsatz mit den kleinen Helferchen in Deutschland zuletzt auf 4.275 Millionen Euro im Jahr 2025 – eine Steigerung um fast zehn Prozent innerhalb nur eines Jahres.

„Die Gewinnmargen sind dabei extrem hoch, da viele Präparate sehr günstig industriell hergestellt und dann teuer in Apotheken verkauft werden“, sagt Marc Birringer, Professor für Angewandte Biochemie für Ernährung und Umwelt an der Hochschule Fulda.

Doch den Kosten steht ein geringer Nutzen gegenüber: Nahrungsergänzungsmittel sind in den meisten Fällen wirkungslos, wie Verbraucherschützerinnen, Ernährungswissenschaftler und Ärztinnen mantraartig wiederholen. In Deutschland ist fast niemand mangelernährt, alle wichtigen Stoffe sind ausreichend in unserer normalen Nahrung enthalten.

Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen wird zwar oft empfohlen, wenn ein konkreter Mangel ärztlich festgestellt wurde. Doch wenn gar kein Mangel herrscht, werden die zusätzlichen Mineralstoffe und Vitamine aus den Mittelchen meist einfach wieder ausgeschieden – oder sammeln sich im Fettgewebe des Körpers, wo sie auf lange Sicht krank machen können. Aber Verbraucherschützerinnen und Ärzte sind nun mal keine Werberinnen oder Influencer, und das Abraten von Ergänzungsmitteln bringt keinem Geld ein.

Wer profitiert genau? Von Klosterfrau Melissengeist bis Orthomol

Und so überrascht es wenig, dass die Pulver und Pillen viel weiter verbreitet sind als das Wissen über sie. Wie die Studie von Lebensmittelklarheit.de zeigt, glaubt jeder zweite Befragte, dass die Produkte vor dem Verkauf auf gesundheitliche Unbedenklichkeit getestet würden. Dabei stimmt das gar nicht. Darüber hinaus meinen 41 Prozent der Befragten, dass Höchstmengen für die Inhaltsstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln rechtlich vorgeschrieben seien. Auch das ist häufig nicht der Fall, es gibt lediglich Empfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung oder des Robert Koch-Instituts.

Von der schwachen Regulierung profitieren die Konzerne und Startups, die Nahrungsergänzungsmittel herstellen. Die größten Marktanteile haben laut Marc Birringer nach wie vor internationale Pharma- oder Konsumgüterkonzerne. Zum Beispiel die Klosterfrau Healthcare Group mit den Marken Klosterfrau Melissengeist und Taxofit oder der Pharmariese Perrigo, der mit seiner Marke Abtei 2023 rund sieben Millionen Kundinnen und Kunden in Deutschland erreichte.

Das mit großem Abstand umsatzstärkste Einzelprodukt im Bereich Nahrungsergänzungsmittel war 2020 mit 57 Millionen Euro jedoch das Produkt Orthomol Immun des baden-württembergischen Unternehmens Orthomol. Inhaber und Geschäftsführer des Unternehmens ist Nils Glagau, der einem größeren Publikum auch als Investor in der Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“ bekannt ist.

Orthomol Immun basiert auf der sogenannten orthomolekularen Medizin, die auf die extrem hochdosierte Einnahme von Vitaminen und Mineralstoffen setzt und in Fachkreisen teils als Pseudowissenschaft kritisiert wird. So ist das Vitamin B1 in Orthomol Immun fast 23-mal höher dosiert als der Referenzwert der Europäischen Union.

Orthomol Immun enthält das Vierfache der empfohlenen Vitamin-C-Obergrenze

Für Vitamin C empfiehlt das Bundesamt für Risikobewertung, Nahrungsergänzungsmittel sollten die Menge von 250 Milligramm pro Tagesdosis nicht überschreiten, „um vor einer Überversorgung durch Vitaminpräparate und angereicherte Lebensmittel zu schützen“. Da diese Empfehlung nicht rechtsbindend ist, wandert Orthomol Immun problemlos über die Ladentheke, obwohl es mit 950 Milligramm fast das Vierfache der empfohlenen Obergrenze enthält.

Für die Firma Orthomol ist das ein gutes Geschäft. Eine Monatspackung ihres Produktes Orthomol Immun, das nur in Apotheken verkauft wird, kostet um die siebzig Euro. Wer wirklich jeden Tag eine Tagesportion Orthomol Immun einnimmt, wird dafür in einem Jahr also deutlich über 800 Euro ausgeben.

Superfood, Longevity – so heißt Spinatextrakt heute

Doch nicht nur die vielen Pillen und Kapseln, die in Apotheken und Supermärkten vertrieben werden, haben Erfolg. „Wir sehen aktuell starkes Wachstum im Bereich E-Commerce. Da tummeln sich die Startups, die mit Trendprodukten vor allem junge Menschen erreichen wollen“, sagt Marc Birringer. Viele Startups würden auf Influencermarketing und Trendbegriffe wie „Superfood“ oder neuerdings „Longevity“ setzen.

„Das ist ein heißes Thema, das von einer Riesenanzahl zweifelhafter Influencer bespielt wird. Dabei wird oft nur altes neu aufgekocht. Wenn man ‚Longevity‘ auf die Packung schreibt, kann auch Spinatextrakt plötzlich wieder trendy sein“, so Birringer.

Auch die Vermarktung der Proteinsnacks, Pilzextrakte und Aloe-Vera-Drinking-Gele der Startups sieht Marc Birringer kritisch. „Viele Mittelchen werden in diesem Bereich mit mindestens irreführenden und teilweise unerlaubten Behauptungen verkauft. Belangt werden die Influencer oder Unternehmen dafür aber kaum“, sagt Birringer.

Kommt der Influencer und sagt: „Dieses Produkt schützt mich vor Darmkrebs“

Gerade das Influencermarketing ist mit seiner Kombination aus Verbindlichkeit und maximaler Vagheit erfolgreich. Aussagen wie „Dieses Produkt schützt mich vor Darmkrebs“ sind nachprüfbar und im Zweifel anfechtbar, für effektives Influencermarketing aber auch gar nicht notwendig. Flötet ein Content Creator jedoch strahlend in die Kamera, wie gesund und fit er sich fühle, seit er Topinambur-Pulver zu sich nehme, ist das weder nachprüfbar noch regulierbar. „Und wenn junge Menschen jeden Tag auf Social Media sehen, wie super dieses oder jenes Supplement sei, glauben sie es irgendwann“, sagt Marc Birringer.

Junge Menschen sind auch die Zielgruppe, bei der die Nahrungsergänzungsmittelbranche in den letzten Jahren am stärksten gewachsen ist. Marc Birringer geht davon aus, dass dieser Trend vor allem in den sozialen Medien befeuert wird. Denn die kleinen Helferchen erscheinen als attraktives Mittel, um das eigene Unzulänglichkeitsgefühl im Vergleich mit den perfekten Körpern auf Social Media zu kompensieren.

Als Mynheer Peeperkorn in Thomas Manns Jahrhundertroman „Der Zauberberg“ feststellte, den „Anforderungen nicht mehr gerecht zu werden“, griff er zum Schlangengift. Heute greifen wir zu Nahrungsergänzungsmitteln.

Mit den meisten Nahrungsergänzungsmitteln schadet man nur dem Geldbeutel

Und doch ist es zu kurz gegriffen, den Boom bei den bunten Pillen, Pilztees oder Pulvern nur mit Blick auf die wachsende Nachfrage zu erklären. Denn auf der anderen Seite steht eine Nahrungsergänzungsmittelindustrie, die die menschlichen Schwächen mit den Mitteln moderner Marktforschung untersucht, kartiert und so mit günstig hergestellten Produkten riesige Gewinnmargen erzielt.

Daran wäre vielleicht nicht viel falsch, würden die Mittelchen der Konzerne und Startups zumindest helfen. Dass sie das in den meisten Fällen nicht tun, wird in den Unternehmen, die sie herstellen, kein Geheimnis sein. „Mit den meisten Nahrungsergänzungsmitteln schadet man nur seinem Geldbeutel“, sagt Marc Birringer. „Aber gerade bei zu großen Dosierungen kann es manchmal auch zu Nebenwirkungen wie beispielsweise Leberproblemen kommen.“

Doch solange sich dieses Wissen nicht in der breiten Bevölkerung durchsetzt, werden auf dem weitgehend unregulierten Markt für Nahrungsergänzungsmittel auch weiterhin große Gewinne einzufahren sein – mit falschen Versprechungen über nutzlose Pillen und Pülverchen.