Organisationen warnen: Im Schatten des Irankriegs drohen weitere Hungersnöte

Der Irankrieg stellt humanitäre Organisationen vor ein Problem der Kommunikation. Seit mehr als einem Jahr kürzen Regierungen ihre Budgets, während neue Konflikte aufflammen oder sich verschärfen und vor humanitären Krisen gewarnt wird. Organisationen sprachen schon vor dem jüngsten Krieg von einem „perfekten Sturm“ oder einer „Polykrise“ des humanitären Systems – das lässt sich kaum steigern. Aber der perfekte Sturm schlägt jetzt noch heftiger zu.

Das hat mehrere Gründe. „Über 300 Millionen Menschen sind von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen, das bedeutet, dass man nicht weiß, woher die nächste Mahlzeit kommen soll“, sagt Carl Skau, der Operationsleiter des World Food Programme (WFP), über die humanitäre Lage in der Welt im Gespräch mit der F.A.Z.

Vierzig Millionen weitere Menschen

Es habe im vergangenen Jahr zwei bestätigte Hungersnöte gegeben – im Gazastreifen habe sich die Lage mittlerweile etwas stabilisiert, im Sudan herrsche immer noch Hungersnot. Der stellvertretende Exekutivdirektor des WFP rechnet damit, dass wegen des Irankriegs in den kommenden zehn Wochen vierzig Millionen weitere Menschen hinzukommen. Das wäre ein Anstieg von 13 Prozent.

Skau beschreibt eine „erste Ebene“ der Auswirkungen des Irankriegs. Knapp eine Million Menschen sind laut UN in Libanon auf der Flucht vor Angriffen; in Iran ist es schwieriger, die Lage für die Bevölkerung zu beurteilen, aber Angriffe auf Wasseranlagen und weitere zivile Infrastruktur verheißen nichts Gutes. Humanitäre Hilfe wird allerdings nicht nur in der unmittelbar betroffenen Region schwieriger, es gibt eine zweite Ebene der Folgen.

Die zweite Ebene

Die stark gestiegenen Ölpreise wegen der faktischen Schließung der Straße von Hormus und der anhaltenden Angriffe in der Golfregion treiben die Kosten der Lieferketten von humanitären Gütern wie Nahrungsmitteln in die Höhe. Laut Skau vom WFP sitzen Schiffe mit Ladungen vor Küsten auf der ganzen Welt fest – „nicht weil sie durch die Straße von Hormus fahren müssen, sondern weil dort vielleicht kein Treibstoff verfügbar ist“. Die Schiffe könnten nicht entladen werden und stünden so nicht für die nächste Lieferung bereit.

Auch die Sicherheitslage schränke Weiterfahrten ein. Skau vergleicht es mit der Situation während der Corona-Pandemie oder nach Ausbruch des Ukrainekriegs. „Die Kosten steigen, selbst bei Einsätzen in der Sahelzone.“ Dort seien sie bereits in den vergangenen beiden Wochen seit Beginn des Irankriegs um 20 Prozent teurer geworden.

Aber auch Nahrungsmittel in Ländern selbst anzubauen, ist nicht mehr so ertragreich. Das liegt an der eingeschränkten Verfügbarkeit von Düngemittel – ein großer Teil wurde aus der Golfregion durch die Straße von Hormus exportiert. Und auch die Produktion wird durch die steigenden Energiepreise teurer.

Weniger werden erreicht, die Zielgruppe wird zugleich größer

„In vielen Teilen der Welt könnten sich Familien, die heute gerade noch genug Essen auf den Tisch bringen, schon bald nur noch sehr wenig oder gar kein Essen mehr leisten“, heißt es in einer Mitteilung des WFP. Durch den Irankrieg können weniger Menschen von Hilfe erreicht werden, während die Zielgruppe größer wird – trotz des gleichen Aufwands von Ressourcen wie vor dem Krieg.

Mit mehr Geld ist aber nicht zu rechnen. „Humanitäre Organisationen, die durch die Massenentlassungen und Programmkürzungen des letzten Jahres bereits an ihre Grenzen gestoßen sind, sehen sich nun mit einer neuen Krise im Nahen Osten konfrontiert“, sagt Sam Vigersky vom Council on Foreign Relations.

Die vorhandenen Ressourcen seien erschöpft, Hilfsorganisationen verfügten kaum noch über Mittel, um eine weitere große Notlage abzufedern. „Wie sie darauf reagieren, hängt fast ausschließlich davon ab, ob die Geberregierungen neue Mittel bereitstellen – eine alles andere als sichere Aussicht angesichts des wachsenden politischen Drucks, die Budgets für Auslandshilfe zu kürzen.“

Die dritte Ebene: Regierungen kürzen ihre Mittel

Mehrere Regierungen, unter ihnen die wichtigsten westlichen Geldgeber, haben im vergangenen Jahr humanitäre Hilfe gekürzt. Nun kündigten einige wieder zusätzliche Mittel für Libanon an. „Wenn jetzt wieder mehr Geld im Nahen Osten ausgegeben wird, bleibt für den Rest weniger übrig“, meint Skau vom WFP dazu – die dritte Ebene der Folgen des Kriegs auf das System: eine Umschichtung von Mitteln.

Aber es gebe immer noch dringenden Bedarf im Sudan, im Südsudan, in der Demokratischen Republik Kongo, in der Sahelzone, in Haiti, in Myanmar, in Afghanistan, in Bangladesch und einigen weiteren Ländern, bekräftigt Skau.

Die Bundesregierung hat die Mittel im Haushaltsjahr 2025 für humanitäre Hilfe im Vergleich zum Vorjahr halbiert; 2026 sind sie mit knapp über einer Milliarde Euro konstant geblieben. In den Haushaltsverhandlungen im vergangenen Jahr sei immer wieder versprochen worden, dass im Fall von größeren Krisen zusätzliche Mittel bereitgestellt würden, sagt Anica Heinlein, Vorsitzende von Venro, dem Dachverband für Entwicklungspolitik und humanitäre Hilfe in Deutschland. „Jetzt ist der Moment.“

Auch aus dem Auswärtigen Amt heißt es auf Anfrage der F.A.Z.: „Die andauernde Eskalation im Nahen und Mittleren Osten verschärft die ohnehin schon sehr schwierige humanitäre Lage weiter.“ Trotzdem müsse das Ministerium schmerzhafte Mittelkürzungen vornehmen. Deswegen würden Unterstützungsleistungen „noch stärker auf unmittelbar lebenserhaltende Maßnahmen in priorisierten Krisenkontexten“ ausgerichtet. Außenminister Johann Wadephul hat jüngst 93 Millionen Euro an weiterer Hilfe für Libanon angekündigt. Unklar bleibt, welche „Krisenkontexte“ priorisiert werden – und vor allem, welche nicht.

Source: faz.net