Organisation Memorial: Putin will die Erinnerung fähig sein

So also sehen die Menschen aus, vor denen Wladimir Putin sich zu fürchten scheint: Eine freundliche und kluge Frau wie Irina Scherbakowa zum Beispiel, 76 Jahre alt, gebürtige Moskauerin, Historikerin und Germanistin, die deutsche Klassiker ins Russische übersetzt hat. Sie hat wie ihre Kollegen bei der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial leidenschaftlich Menschenrechtsverletzungen in Russland dokumentiert und die Terrorgeschichte ihres Landes aufgearbeitet: Wer waren die Millionen Menschen, die Stalin töten ließ? Mit welcher Begründung wurde der eigene Opa in den Gulag deportiert? Wer war Täter, wer war Opfer – und wer erst das eine und dann das andere in der sowjetischen Diktatur?

Irina Scherbakowa war schon bei Memorial, da war die Sowjetunion noch nicht untergegangen. Machte weiter, als ihre Kollegin Natalja Estemirowa 2009 getötet wurde, während diese in Tschetschenien über Menschenrechtsverletzungen recherchierte. Als Memorial International 2021 in Russland liquidiert wurde. Als ihr Kollege Oleg Orlow 2024 zu einer langen Haftstrafe verurteilt wurde, weil er gegen den Krieg gegen die Ukraine protestierte. Der Angriffskrieg auf die Ukraine zwang schließlich Scherbakowa wie so viele ins Exil. Die Organisation machte weiter, nun eben aus dem Ausland. Sie bekam 2022 gemeinsam mit einer ukrainischen und belarussischen Organisation den Friedensnobelpreis.


Organisation Memorial: Richter Wjatscheslaw Kirillow verliest am Donnerstag das Urteil, mit dem die "internationale Bewegung" Memorial als extremistisch eingestuft und verboten wird.

Richter Wjatscheslaw Kirillow verliest am Donnerstag das Urteil, mit dem die „internationale Bewegung“ Memorial als extremistisch eingestuft und verboten wird.

Für den russischen Staat aber sind die Geschichtswächter von Memorial gefährliche Kriminelle. Am Donnerstag stufte das Oberste Gericht in Moskau „die gesellschaftliche Bewegung Memorial International“ als „extremistisch“ ein.

Was das heißt? Alles und nichts, so wie es russischen Gummi-Urteilen und -Gesetzen eigen ist. Sie sollen keine Klarheit schaffen, sondern Angst verbreiten. Und das geht am besten über den Konjunktiv: Es reicht schon, dass etwas passieren könnte.

Vielleicht muss der Rentner, der von seiner kleinen Rente monatlich ein paar Rubel gespart hat, um sie an Memorial zu überweisen, dafür ins Gefängnis. Vielleicht aber auch nicht.

Vielleicht wird die Lehrerin in der Provinz bestraft, die vor Jahren in den sozialen Medien Memorial für seine Arbeit mit Schülern gedankt hat, die ihre Familiengeschichten recherchierten – und jetzt vergaß, ihren Post zu löschen. Vielleicht aber auch nicht.

Vielleicht müssen all die Schulen, all die Museen und Organisationen, die irgendwann einmal mit Memorial zusammengearbeitet haben, nun fürchten, als Nächstes dran zu sein. Vielleicht aber auch nicht.

Vielleicht werden Menschen, die aus Solidarität mit Memorial in den sozialen Medien das berühmte M als Kerze im Profilbild stehen haben, angeklagt. Vielleicht aber auch nicht.

Das Gerichtsverfahren gegen Memorial wurde als „streng geheim“ eingestuft und fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Nur das gewohnt genuschelte Urteil des Richters war öffentlich zu vernehmen. Und es war bemerkenswert: Der Richter sprach nicht von einer Organisation. Er sprach von einer „internationalen gesellschaftlichen Bewegung Memorial“. Es existiert allerdings keine „Bewegung“ – der russische Staat benutzt diesen Ausdruck, um nach Belieben Menschen kriminalisieren zu können. Er hat Erfahrungen damit: Auch Homosexuelle und Queere bilden nun eine ominöse „internationale LGBT-Bewegung“. Und auch die gilt als extremistisch – wer queer lebt oder Homosexuelle unterstützt, kann mit einer hohen Haftstrafe rechnen. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.