ORF-Chef Roland Weißmann: Der ESC ist kein Tribunal
Am 16. Mai 2026 findet das Finale des Eurovision Song Contest in Wien statt. Gastgeber des Wettbewerbs ist der Österreichische Rundfunk. Der ESC gehört zu den wenigen Formaten, in denen Europa sich Jahr für Jahr als kulturelle Gemeinschaft erfahrbar macht – jenseits institutioneller Politik, nationaler Interessen und tagesaktueller Konflikte. Gastgeber eines solchen Ereignisses zu sein, ist daher kein Prestigeprojekt, sondern eine Aufgabe mit besonderer Verantwortung.
Kein Instrument staatlicher Politik, kein Forum politischer Sanktionen
Der Eurovision Song Contest versteht sich seit je als kulturelles Format und ist mittlerweile zur größten TV-Show der Welt geworden. Sein Anspruch – „united by music“ also vereint durch die Musik – ist es, Begegnung über politische Konfliktlinien hinweg zu ermöglichen. Im 70. Jahr seiner Gründung, die zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs erfolgte, ist dies noch immer aktuell.
Dass ein so sichtbares europäisches Ereignis immer wieder Gegenstand politischer Deutungen oder Instrumentalisierungsversuche wird, lässt sich kaum vermeiden. Entscheidend ist jedoch, dass der ESC über Jahrzehnte daran festgehalten hat, kein Instrument staatlicher Politik und kein Forum politischer Sanktionen zu sein. Gerade diese bewusste Zurückhaltung begründet seine besondere Bedeutung in einer Zeit zunehmender Polarisierung, das Verbindende soll das Trennende überwinden.
Die Türe bleibt offen
In den vergangenen Wochen haben einzelne Länder entschieden, sich nicht am Wettbewerb zu beteiligen. Diese Entscheidungen sind zu respektieren, und sie spiegeln die Spannungen unserer Zeit wider. Die Türe für sie bleibt aber offen. Andere Länder, die längere Zeit nicht teilgenommen haben, sind wieder dabei.
Unsere Aufgabe als Gastgeber ist es, den Rahmen und die Plattform für kulturelle Begegnung zu schaffen. Der ESC ist kein Tribunal und kein Ersatz für Diplomatie. Wer von ihm erwartet, politische Konflikte zu lösen oder moralische Abrechnungen vorzunehmen, überfordert die Kultur und dieses Format. Seine Kraft liegt darin, Verbindung zu schaffen, wo politische Verständigung an ihre Grenzen stößt.

Öffentlich-rechtliche Medien tragen in diesem Zusammenhang eine besondere Verantwortung und sind nicht umsonst Träger des Eurovision Song Contests. Ihr Auftrag besteht nicht darin, politische Konflikte zu entscheiden, sondern Öffentlichkeit zu ermöglichen und Plattform für den Diskurs zu sein – auch dann, wenn dieser widersprüchlich ist. Das verlangt Haltung, aber ebenso institutionelle Zurückhaltung. Führung zeigt sich hier nicht in Zuspitzung, sondern in der Fähigkeit, einen stabilen, verlässlichen und offenen Rahmen zu sichern – transparent, regelgebunden und für alle Beteiligten gleichermaßen gültig.
Wien ist Austragungsort des Eurovision Song Contest, weil Österreich den Wettbewerb im vergangenen Jahr gewonnen hat. Dass der Contest nun hier stattfindet, quasi im Herzen Europas, verleiht dieser formalen Entscheidung jedoch eine besondere kulturelle Dimension. Wien war über lange Zeit ein Ort des Übergangs und des Austauschs, geprägt von Nähe und Distanz, von Tradition und Erneuerung. Zugleich ist die Stadt eine der großen Kulturmetropolen Europas: ein Ort, an dem Musik, Theater, Literatur und bildende Kunst nicht nur Geschichte geschrieben haben, sondern bis heute öffentlich getragen und gelebt werden. Diese kulturelle Dichte ist kein dekorativer Hintergrund, sondern Ausdruck einer gewachsenen Fähigkeit, Vielfalt institutionell zu verankern. Als Stadt an den Schnittstellen Europas hat Wien gelernt, mit Unterschiedlichkeit, Brüchen und Ambivalenzen umzugehen.
Der ESC 2026 wird die Vielfalt und die Unterschiede Europas sichtbar machen – nicht verdecken. Gerade darin liegt seine Kraft: zu zeigen, dass kulturelle Begegnung möglich bleibt und bleiben muss, auch wenn Meinungen, Haltungen und politische Bewertungen auseinandergehen. Dass Europa unter solchen Bedingungen einen gemeinsamen kulturellen Raum offenhalten kann, ist kein Automatismus, sondern Ausdruck demokratischer Reife. Es ist die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, in ganz Europa als Teil der demokratischen Infrastruktur seinen Beitrag dazu zu leisten.
Ich freue mich darauf, Künstlerinnen und Künstler, Delegationen, Medienschaffende sowie Gäste aus vielen Ländern in Wien willkommen zu heißen. Sie werden unterschiedliche Perspektiven mitbringen, unterschiedliche Erwartungen, unterschiedliche Hoffnungen. Der Eurovision Song Contest ist der Ort, an dem diese Vielfalt sichtbar wird – ohne auf einen politischen oder moralischen Nenner reduziert zu werden.
Roland Weißmann ist Generaldirektor des Österreichischen Rundfunks (ORF) und Mitglied des Executive Boards der European Broadcasting Union (EBU).
Eurovision Song Contest und Deutscher Vorentscheid
Wenn das Finale des Eurovision Song Contests am 16. Mai in Wien steigt, ausgerichtet vom ORF, sind 35 Nationen vertreten – so wenige wie seit mehr als 20 Jahren nicht.
Die Niederlande, Spanien, Irland, Slowenien, Island boykottieren den ESC – weil Israel teilnimmt. Mit „propalästinensischen“ Kundgebungen beim Finale ist zu rechnen.
Den deutschen Vorentscheid richtet an diesem Samstag der SWR aus, zuvor hatte der NDR die Aufgabe jahrzehntelang übernommen. Neun Künstler stehen im Wettbewerb, eine Jury reduziert sie auf drei, über diese stimmen die Zuschauer ab. Barbara Schöneberger und Hazel Brugger moderieren. Die Übertragung beginnt um 20.15 Uhr im Ersten Programm.
Source: faz.net