Oren Cass: „Die Grönlandsache mag ich weder noch“

Herr Cass, Sie sind einer der vehementesten Verfechter von Zöllen. Wenn Sie jetzt sehen, wie sich die Wirtschaft entwickelt – sind Sie zufrieden?

Über Zölle wird gerade viel diskutiert. Es begann mit den Zöllen, die Donald Trump im vergangenen Jahr eingeführt hat. Die waren insgesamt sehr effektiv, denn sie haben viele Erwartungen in Bezug auf den Handel neu definiert, und zwar auf der ganzen Welt. Wir haben uns immer weiter von China abgekoppelt. Große Handelspartner haben sich zu mehr Investitionen verpflichtet. Alle Ökonomen hatten schreckliche Folgen vorhergesagt, doch davon ist fast nichts eingetreten.

Die Vereinigten Staaten sind mein Hauptanliegen als jemand, der sich mit der Politik der Vereinigten Staaten befasst. Ich halte das also für sehr positiv. Mehr Bedenken habe ich allerdings bei der Frage, ob langfristig mehr in Produktion in unserem Land investiert wird.

Dazu bräuchte man Stabilität und die Sicherheit, dass die Regeln langfristig gelten. Ich glaube nicht, dass wir diese Stabilität und Sicherheit hatten. In den vergangenen Monaten sind wir eher in eine andere Richtung gegangen: mit weiteren Zolldrohungen, Streitigkeiten und zunehmender Verwirrung darüber, wie eine langfristige Einigung aussehen könnte. In China gibt es große Unklarheit, ob wir ein umfassendes Abkommen wollen oder die Entkoppelung. Hier wäre deutlich mehr Klarheit nötig. Das gilt auch im Verhältnis zu unseren Verbündeten. Die USA sollten darauf drängen, dass alle gemeinsam China außen vor halten. Manchmal haben wir das auch getan. Aber das ist schwer zu fordern, wenn die Vereinigten Staaten gleichzeitig nach Wegen suchen, sich China wieder anzunähern.

Die Inflation kann noch steigen. Viele Firmen hatten sich vor den Zöllen mit Waren eingedeckt oder hatten die Preise eine Weile aus ihrem Gewinn bezahlt.

Es ist ein bisschen peinlich, wie schnell die Ökonomen im vergangenen Jahr immer wieder ihre Erzählung geändert haben, als sich all ihre Prognosen als falsch herausgestellt haben. Wenn Sie nun sagen wollen, dass die Inflation im nächsten Jahr kommt – bitte. Aber in den Daten sehe ich keinerlei Hinweise darauf. Und auch unsere theoretischen Erwartungen sprechen nicht dafür.

Inwiefern?

Das beginnt schon bei den reinen Zahlen. Importierter Konsum macht vielleicht 15 Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts aus. Selbst wenn alle Zölle auf einmal die Preise steigern würden, wären das zwei Prozentpunkte mehr Inflation. Aber wenn das erst im Laufe der Zeit kommt, verteilt sich der Effekt über mehrere Jahre. Und dann passiert ja noch das, worum es bei der ganzen Sache geht: Die Leute kaufen dann eher Produkte ohne Zölle. Wir müssen auch daran denken, dass in so einer Situation zwar die Preise einmal steigen, aber dann war es das. Die Inflationsrate würde dann wieder zurückgehen. Aber nehmen Sie mal eine dynamische Sicht an.

Das wäre welche?

Fragen Sie mal einen Ökonomen: Wir haben ein großes Staatsdefizit, sollten wir also die Steuern erhöhen? Dann sagt er: Das wird die Wirtschaft und die Preise drücken. Wenn Sie aber sagen: Ich erhebe die Steuer auf importierte Güter, also einen Zoll, dann wird er sagen: Oh nein, das bringt Inflation! Das liegt daran, dass Ökonomen Zölle hassen.

Es kann auch daran liegen, dass Zölle die Nachfrage nach ausländischen Gütern drücken und nicht nach heimischen.

Und warum nicht die im eigenen Land?

Es geht erst mal um ausländische Güter. Wenn Sie alle Autos besteuern, dann geht auch die Nachfrage nach Autos aus Amerika zurück, Arbeitslosigkeit folgt, die Preise steigen nicht mehr so schnell. Wenn Sie aber Autos aus Europa besteuern, dann passiert all das in Europa.

So kann man auch argumentieren. Die amerikanische Notenbank hat jedenfalls festgestellt: Wenn Sie glauben, dass Zölle der Wirtschaft schaden, dann sollte die Inflation eher zurückgehen. Und dann muss man überlegen: Ist es das wert? Lohnt sich das langfristig? Das ist eine faire Debatte.

Einige Industriemanager denken darüber nach, ihre Fabriken aufzubrechen: Statt aus einer großen Fabrik in alle Länder zu liefern, bauen sie mehrere kleine Fabriken in verschiedenen Ländern. Auch das ist teurer und könnte die Inflation in den nächsten Jahren steigern.

Jetzt müssen wir über das Wort Inflation sprechen. Zum Beispiel: Steigert Klimaschutz die Inflation?

Wann haben Sie zum letzten Mal einen Ökonomen oder Politiker auf einer Konferenz wie dem Weltwirtschaftsforum sagen hören: Wir sollten das mit der grünen Energie bleiben lassen, weil das die Inflation steigert?

Das sagt ständig jemand.

Dass es die Inflation steigert oder die Preise?

Zumindest sagen sie, dass es teuer ist.

Mein Punkt ist: Fast jede politische Entscheidung wirkt sich auf die Kosten von Unternehmen aus. Wollen wir mehr Schutz für die Arbeiter? Wollen wir Umweltschutz? Wie regeln wir die Einwanderung? Und wie gestalten wir unsere Handelspolitik? All das beeinflusst die Produktion. Manchmal steigen die Kosten. Manchmal gibt es Investitionen in Technik und Produktivität, und die Kosten sinken.

Inzwischen spielen Zölle sogar eine noch politischere Rolle, zum Beispiel als Druckmittel in internationalen Streitigkeiten wie der um Grönland.

Grönland ist ein gutes Beispiel. Trump versucht, Zölle als Druckmittel zu verwenden. Das ist aufschlussreich, denn es zeigt, dass Zölle ein Instrument der Politik sind – und dass es dabei nicht immer um Wirtschaftspolitik geht. Aber dann stehen wir vor der wichtigeren Frage: Wann sind Zölle das richtige Mittel?

Was denken Sie?

Wenn Sie mit den Zöllen den Handel verändern wollen, sind sie sehr sinnvoll. Wenn Sie aber ein Stück Land wollen, und der andere will es Ihnen nicht geben, dann ist das etwas ganz anderes. Wenn Trump die Zölle dafür verwendet, ist das ein doppeltes Problem. Erstens bedroht es Allianzen auf eine Weise, wie es andere Zölle nicht tun. Als Trump den Handel ausgleichen wollte, waren die Leute nicht erfreut, aber die meisten haben es irgendwie verstanden. Jeder hat verhandelt, es gab wenig Vergeltung.

Von China gab es Vergeltung, oder zumindest die Drohung. Die EU hatte das auch vorbereitet.

Die große Vergeltung, die Ökonomen erwartet hatten, ist jedenfalls ausgeblieben – weil alle Seiten gesehen haben, dass eine Einigung immer noch für alle Seiten vorteilhaft war. So sollten Bündnisse arbeiten.

Und jetzt?

Wenn man Zölle als reines Druckmittel verwendet, ist das etwas ganz anderes. Damit fordert man eine andere Reaktion heraus, nämlich die: Wenn unsere Beziehung jetzt so ist, dann fehlen uns das Vertrauen und die gegenseitigen Vorteile für ein Bündnis. Und genau das sehen wir jetzt: Die Konflikte werden schärfer.

Und was ist das zweite Problem?

Er untergräbt genau das, wofür Trump die Zölle anfangs gedacht hatte. Stabilität und Sicherheit sind für Investitionen so wichtig. Wenn Sie jetzt signalisieren, dass die Bedingungen sich jederzeit ändern können, dann demontiert das die Industrialisierung des Landes furchtbar. Und konstruktive Verhandlungen werden dadurch viel schwieriger.

Wie sehen Sie also die Entwicklung der Zölle?

Die Grönlandsache mag ich gar nicht. In Handelsfragen haben wir große Fortschritte gemacht, da stehen wir besser da als vor einem Jahr. Mir wäre es lieber gewesen, wir hätten taktisch einiges anders gemacht. Aber generell gehen wir in die richtige Richtung.