Ordnung im Leben: Warum jetzt die beste Zeit zum Ausmisten ist

Zeig mir dein Haus – und ich sage dir, wie es dir geht. Wenn die eigenen vier Wände voller Dinge sind, die nicht nur die Räume, sondern auch das Leben verstopfen, wünschen sich gerade am Anfang des Jahres viele Menschen einen klaren Neuanfang. Platz für innere und äußere Bewegung. Oft bleibt es jedoch bei guten Vorsätzen, so wie bei der „Morgen-fange-ich-an-Diät“. Wenn es aber gelingt, sich wirklich radikal von Hausrat zu trennen wie von einer jahrzehntelangen Frisur – wie lebt man dann?
„Gut!“, sagt die Marketingmanagerin Marisa Schramm, die gerade in ihrem Elternhaus das noch komplett eingerichtete Kinderzimmer mit allerlei nostalgischen Erinnerungen entsorgt hat. „So richtig radikal war das.“
Abschied von den Kindertagen
Schramm, Anfang 30, war zwar bereits vor zwölf Jahren aus dem großzügigen Teenagerzimmer mit eigenem Bad unter dem Dach ihres Elternhauses ausgezogen. Den Schritt zum Entrümpeln hatte sie jedoch nie geschafft, bis die Eltern ankündigten, aus dem Haus ausziehen zu wollen. Im neuen Heim sollte es nur noch Gäste-, aber keine Kinderzimmer mehr geben.
Nach dem Motto „Augen zu und durch“ mistete Marisa Schramm aus: das Regal mit den nach Farben sortierten Teenagerbüchern, viele Diddl-Maus-Ordner, Stapel mit 50 „Vogue“-Magazinen und Schulsachen. Dazu kamen hochwertige Kleider, die sie nicht mehr trug, aber auch nicht hatte wegwerfen wollen.
Warum nur hatte sie all diese Dinge über zehn Jahre aufgehoben, obwohl sie schon längst erwachsen war? „Aus den Augen, aus dem Sinn – und Nostalgie“, erklärt sie sich das lange Archivieren. „Nun, mit Anfang 30, hatte ich das Gefühl, mich zu verabschieden, von einer Zeit meines Lebens, von der Schulzeit in Kaiserslautern und dann von den Internatsjahren.“
Nach der Trennung von Hunderten Dingen ging sie am Ende nur mit einer einzigen mittelgroßen Kiste aus dem Haus. Darin, alte Fotos, Geburtstagskarten der Familie, ein paar Glitzersocken, eine Jacke ihrer Mutter, aber auch ein Diddl-Ordner, der Sammlerwert hat. Zudem vier Bücher. „Die Buddenbrooks“, „Peterchens Mondfahrt“, „Der Kleine Prinz“ und „Momo“. Eine große Motivation für Wegwerfen, Verkaufen und Verschenken war die Tatsache, dass sie mit ihrem Partner in München in einer 70-Quadratmeter-Wohnung lebt und dort gar nicht der Platz für lauter Relikte gewesen wäre.
„Ich wusste, ich sehe das Haus nie wieder“
Am intensivsten ist Schramm nicht der Abschied von einzelnen Dingen, sondern von ihrem Kinderzimmer insgesamt in Erinnerung. „Als ich am letzten Tag die Kiste genommen und die Tür zugemacht habe, wusste ich, ich sehe das Haus nie wieder, in dem ich 20 Jahre gelebt habe und in dem ich nicht nur die Kindheit, sondern auch die Pubertät mit der Null-Bock-Phase und den Partys erlebt habe.“
Als sie mit ihrer Kiste im eigenen Zuhause ankam, fühlte sie sich trotzdem leicht. Auch, weil sie in einer positiven Phase ausmisten konnte, in der ihre Eltern in einen schönen neuen Lebensabschnitt gehen. „Ich bin jetzt ganz clean und mache einmal pro Quartal Tabula rasa“, sagt sie.
Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags
Anders ging es Johanna Wienzek. Denn nicht ein äußerer Anlass, sondern eine innere Entwicklung bewirkte bei ihr eine Wende. Die Jin-Shin-Jyutsu-Praktikerin aus Krefeld entrümpelte das erste Mal im Jahr 2002 intensiv, nachdem sie begonnen hatte, sich mit den jahrtausendealten Energiekonzepten des Jin Shin Jyutsu zu beschäftigen. „Da hatte ich das Buch ‚Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags‘ von Karen Kingston in der einen Hand, und die andere Hand war frei zum Wegwerfen“, sagt sie.
Das erste große Entrümpeln sieht sie in ihrer Wohnbiographie bis heute als „Gamechanger“. „Mir war klar, dass das Alte weg musste, weil ich eine neue innere Haltung und ein Bewusstsein für Energie entwickelte“, sagt die Romanistin, die viele Jahre im Personalbereich gearbeitet hatte.
Raum schaffen für eine neue Partnerschaft
Zu der Zeit lebte sie in einer vollgestellten Wohnung auf knapp 30 Quadratmetern, konnte sich schlecht von Sachen trennen, hatte zwischenzeitlich mehrere Kilo zu- und wieder abgenommen und besaß viel teure Kleidung. Blockiert war räumlich auch das Thema Liebe. Denn in dieser Phase bewahrte sie Briefe einer vergangenen Beziehung in einer besonderen Kiste, auf der in einem schweren goldenen Rahmen das Bild einer schweren Buddha-Statue stand.
Irgendwann sagte sie sich: „Geht es eigentlich noch?“ Sie nahm die Briefe, zerriss und entsorgte sie. Die Ecke wurde frei und luftig. „Ein halbes Jahr später habe ich meinen jetzigen Mann kennenlernt“, erzählt sie. Heute interpretiert sie die blockierte Ecke als energetischen Verhinderer einer neuen Liebe.
„Wie wenig Vertrauen ins Leben haben wir eigentlich, wenn wir es uns so zurümpeln?“, überlegt sie jetzt. „Wenn ich von einem eigenen Ferienhaus träume, muss ich dann heute uralte Matratzen aufheben, die meine Wohnung vollstellen? Wenn ich mir irgendwann ein Ferienhäuschen leisten kann, sind auch neue Matratzen drin!“ Deshalb fragt sich Wienzek regelmäßig: Was hat Bestand, was dient mir noch, was taugt mir noch? Adressbuch und Handy-Chats bereinigt sie ebenfalls regelmäßig, denn auch das digitale Leben ist für sie ein Raum, in dem man Platz schaffen sollte. „Immer wenn es im Leben stagniert, muss ich entrümpeln“, sagt sie.
Wichtige Begleiter in ein neues, kleineres Leben
Radikal downsizen und neu anfangen kann allerdings besonders kompliziert und schmerzhaft werden, wenn es mit dem Ende einer Liebesbeziehung oder Ehe einhergeht. „Was will ich wirklich in mein viel kleineres neues Leben mitnehmen?“ Das war die Frage, die sich Ria Ngyuen aus Berlin vor einigen Jahren stellte. Für sie war nicht nur die Zeit gekommen, ohne ihren Ehemann weiterzuleben. Beim Wechsel aus einem Einfamilienhaus mit 180 Quadratmetern in eine 53 Quadratmeter große Zweizimmerwohnung musste sie auch entscheiden, was in ihr neues Leben mit sollte.
Die Schrumpfung des Besitzes, darunter hochwertige Designermöbel, war durchaus eine Herausforderung. Doch dabei half ihr, dass sie schon als Kind gelernt hatte, sich in neuen Wohnungen einzugewöhnen und nach Verlusten wieder von vorne anzufangen. „Wenn man ein ganzes Haus leer räumen muss, muss man sehr pragmatisch sein“, hat sie gelernt. „Früher habe ich mich immer lustig gemacht über die Bücher der Ausmistexpertin Marie Kondo, die rät, jedes Kleidungsstück zu fragen, ob es mich glücklich macht oder repräsentiert. Aber da ist schon etwas dran.“
Das Wichtigste waren für sie analoge Fotos und Fotobücher – und einige Kleider der Kinder aus der Babyzeit. Ngyen legte alles in große Kisten, von je fünf wollte sie nur eine behalten. „Dieser Druck war gut für mich.“ Am schwersten fiel ihr die Trennung von emotional aufgeladenen Kinderkleidern oder schönen Stücken, die sie selber noch tragen konnte. „Beim Umzug nach Berlin habe ich noch viel zu viel mitgenommen, mit der Folge, dass immer noch lauter Plastikkisten mit schönen Kleidungsstücken im Keller stehen, an die ich nicht rangehe“, erzählt sie.
Vom der schmerzlichen Aktion zur befreienden Ordnung
Mittlerweile genießt sie es, einmal im Monat die Schubladen aufzuräumen, da ihr dieses Ritual ein Gefühl der Kontrolle gibt. Sie denkt selten an die weggegebenen Sachen. „Letztlich war das Ausmisten etwas Befreiendes.“ Sie vermisst heute weder begehbaren Kleiderschrank noch Mikrowelle. Ein paar Quadratmeter mehr wären zwar schön , genauso eine große Küche. „Aber selbst wenn ich mehr Platz hätte, würde ich es nie wieder so ausufern lassen!“, ist sie überzeugt. „Am Ende sind es nur Gegenstände.“
Durchaus dramatisch ist indes die Geschichte von Anna Leube und ihrer Familie aus Hamburg. Ein Feuer befreite sie von ungeliebten Sachen. Die hatten sich zuvor über zwanzig Jahre hinweg angesammelt und waren zum „ungeheuren Ballast“ geworden, erzählt sie. „Mich hat das ganze Zeug zuvor so belastet, denn ich brauche Klarheit und Ästhetik. Aber ich hatte keine Kraft, alte Kinderkleider, Laufräder, Studienpapiere und Möbel auszusortieren oder zu verkaufen.“
Das reinigende Feuer
Bis dann durch eine Selbstentzündung von unsachgemäß gelagerten Öllappen die Garage abbrannte, in der sie die ganzen Sachen aufbewahrt hatte. „Natürlich war dieser Brand schrecklich, da er auf das Haus hätte übergehen können, aber mein zweiter Gedanke war: Gott sei Dank, jetzt müssen wir uns um all das nicht mehr kümmern!“, sagt Leube. „Ich weiß, es klingt etwas makaber, aber ich bin bis heute dankbar, dass mir diese Arbeit abgenommen wurde.“
Das Glück im Unglück war, dass der Brand stoppte, da kein Sauerstoff nachkam – und die Versicherung für den Schaden aufkam. Die Familie ließ die Garage neu bauen, und heute stehen nur die wichtigsten Sachen darin. Natürlich hingen auch an Leubes Diplomarbeit und den Kindersachen Erinnerungen. „Aber das Abbrennen hat auch ganz viel mental mit mir gemacht“, sagt sie rückblickend. „Feuer reinigt, das ist ja fast symbolisch. Ich hätte nie gedacht, dass ein so schrecklicher Moment so eine Katharsis sein kann.“