Opernpremiere in Bremen: Ich wär so gerne einmal wieder so richtig verliebt
So schnell kann es kippen. Eben noch wirkte der österreichische Gendarm liebenswert harmlos — fast unchargierend gespielt von Martin Baum —, dann stürzt er an die Rampe und schreit heraus: „Hier geht alles den Bach runter!“ Unter der Lustigkeit des Singspiels „Sissy“, uraufgeführt in Wien am 23. Dezember 1932, lauern Ängste und Aggressionen von aktuellster Wucht.
Die Neuproduktion von „Sissy“ am Theater Bremen lässt solche Gruselmomente zu. Doch zuallererst ist die zugewandte Inszenierung von Frank Hilbrich in dem schönen Bühnenbild (Volker Thiele) und den grandiosen Kostümen (Gabriele Rupprecht) eine Freude für jeden, der sich in der Weihnachtszeit ein wenig Sentimentalität mit Alpenglühen und royalem Liebeserwachen erlauben will. Die Aufführung kommt mit ganz wenigen Filmzitaten — „Sissi! — Franz!“ (großer Lacher im Publikum) — aus und erzählt die bekannte Geschichte an den Schauplätzen Possenhofen und Ischl erfrischend unkonventionell.
Drei Gründe für den Beifall
Der Wiener Geigenvirtuose Fritz Kreisler, im selben Jahr wie Thomas Mann geboren und wie jener während der Nazizeit Emigrant in den USA, komponierte das Stück nach dem Lustspiel „Sissys Brautfahrt“ auf ein Libretto von Ernst und Hubert Marischka, lange bevor sie in den Fünfzigerjahren den überkonsumierten Filmdreiteiler drehten. Der Erfolg war bei einem Publikum, das sich nach der vermeintlich heilen Welt der Monarchie sehnte, „unvermeidbar“, wie Kreislers Biograph Matthias Schmidt schreibt. Drei Gründe für den Beifall vermutete die „Frankfurter Zeitung“ nach der Uraufführung: die Darstellung, das Intonieren der Kaiserhymne, „vielleicht auch der dynastische Zauber“.
In der Kaufleutestadt Bremen gewinnt man mit „dynastischem Zauber“ keinen Blumentopf, doch die Darstellung auf der Bühne ist exorbitant, ein gut geprobtes, lustvoll gezündetes Feuerwerk aus Schauspiel und Gesang, Sprache und leichter, baiserartiger Musik. Persönlichkeit und Charisma der Sängerinnen und Schauspieler haben einen deutlich höheren Stellenwert als das jeweilige Stimmfach. So war es schon bei der Uraufführung, als die legendäre Schauspielerin Paula Wessely Sissy spielte und in den Gesangsnummern gedoubelt wurde.
Unbeholfener Jung-Kaiser mit Statur
Gedoubelt wird in Bremen nicht: Mit entwaffnendem Lächeln, graziler Erscheinung und langem dunkelbraunen Haar gibt der junge Bariton Arvid Fagerfjell die Sissy. Das Wildfangmäßige der Rolle liegt schon in den leicht eckigen Bewegungen, die zu seinem natürlichen Charme in reizvollem Kontrast stehen. Franz Joseph, dargestellt von der hochgewachsenen Schauspielerin Lieke Hoppe, gewinnt als gut aussehender, unbeholfener Jung-Kaiser in Sissys Gegenwart an Statur und Ehrlichkeit: „Wie heißen Sie? Sissy? Klingt irgendwie blöd. Passt aber zu Ihnen.“ Man sieht die beiderseitige Sympathie sekündlich wachsen.
Sissys träumerisches Lied „Ich wär so gern einmal verliebt“ entspinnt sich vor der hübschen Kulisse bewaldeter Bergwelt, wie sie in einem alten kolorierten Stich von Ischl dargestellt sein könnte. Die Kombination kommt dem Kitsch zwar gefährlich nahe, doch in der anschließenden Solonummer Franz Josephs ist jazziger Trompetensound der 1930er-Jahre präsent, gefühlvoll näselnd wie in einer amerikanischen Tanzbar. Üppige Geigen wie bei Johann Strauß sind passé. Entsprechend „modern“ setzt Lieke Hoppe ihre wohlklingende Stimme wie eine Diseuse ein, mit apartem Vibrato auf den N-Konsonanten.

Auch in Possenhofen sind die Geschlechter andersherum, was die lärmige Kinderschar nicht stört: Mama Ludovica (Christoph Heinrich, Bariton) spricht mit tiefer Stimme humorloses Hochdeutsch, Papa Max (Ulrike Mayer, Mezzosopran) mimt den Hallodri in Krachledernen, nennt seine kaiserliche Schwägerin Sophie respektlos „Sofferl“. Die Ehe hat sich verhakt; je mehr Max blödelt, desto ernster wird seine Frau.
Umso größer wirkt die Überraschung in dem hinreißenden Tango-Duett „Zwei alte Tanten tanzen einen Tango mitten in der Nacht“ der Schwestern Ludovica und Sophie, die sich in herzlicher Abneigung verbunden sind. In einem verrückten Pas de deux fällt die Anspannung aus Neid (Ludovica) und Kontrollwahn (Sophie) von ihnen ab. In der eingefügten Nummer von Georg Kreisler, einem Nachfahren des Geigen-Kreisler, glänzt hier die Schauspielerin Susanne Schrader als Erzherzogin Sophie, wenn sie temperamentvoll ihr tiefschwarzes Hofkleid durchtrennt. Als markante Anti-Figur bekommt sie eine Extra-Einlage in dem gemeinen Lied von Georg Kreisler, „Wie schön wär mein Wien ohne Wiener“ — Thomas Bernhard dürfte sich gefreut haben.
Die musikalische Substanz der Operette ist leichtgewichtig, ein dünner Firnis über brodelnden politischen Verhältnissen. Vielleicht klingt gerade deshalb das illusionslose Duett „Die Liebe kommt, die Liebe geht“ des anderen jungen Paares so anrührend. Ernst und leidenschaftlich betrauern Nené (mit jugendlich leuchtendem Sopran Elisa Birkenheier) und der Prinz von Thurn und Taxis (Fabian Dürberg) ihre Liebe, die nicht sein darf. Hervorzuheben ist noch der dirigentische Einsatz von Stefan Klingele, der den bunten Abend nicht nur einfühlsam leitet, sondern dezent immer wieder selbst Teil des Bühnengeschehens wird und am Klavier begleitet. Das Orchester spielt auf der hinteren Bühne erhöht wie in einem Tanzsaal. Die liebevolle Gesamtdarbietung wird in Erinnerung bleiben.
Source: faz.net