Opernparodie in Wien: Exzellenz kann sekundär mal Spaß zeugen

Der Heldentenor ist keiner. Er kann nur lyrisch, dafür aber immer sehr hoch und sehr laut. Das Repertoire seiner Koloraturen beschränkt sich auf die Zahl Zwei: auf und ab eiernde Triolen und dann den „Ziegentriller“. Beide lässt er sich in alle Arien reinschreiben, egal ob sie vom Text her passen oder nicht. Der Text ist ihm egal. Sein Alphabetisierungsgrad reicht über den eines Meerschweinchens nur knapp hinaus. Wenn er „Scylla“ singen soll, singt er lieber „Sicilia“. Klingt einfach besser. Und wer Skylla und Charybdis sein sollen, weiß er sowieso nicht. Die beiden haben sich ihm nie vorgestellt. Josh Lovell singt diesen Tenor Ritornello am Musiktheater an der Wien mit seiltänzerischer Sicherheit und kreisrund geöffnetem Mundloch, als wäre das Publikum sein Zahnarzt. Es gehört ein kluger Kopf dazu, einen derart dummen Tenor so zu spielen, dass einem das Zwerchfell reißt beim Zuschauen. Josh Lovell hat diesen Kopf und die Stimme noch dazu.

Wo weitermachen bei dieser glänzenden Produktion? Bei Andrea Carroll als Sängerin Smorfiosa, der Zimperliese mit Dauerschnupfen und Hüftschmerzen, die einen Eins-a-Spagat auf der Bühne hinlegt, aber zwei Kulissenschieber braucht, um den Hintern wieder hochzukriegen? Bei Serena Gamberoni als zickiger Sou­brette Porporina, der die lyrischen Mittelteile ihrer Arien zu lang sind, weil sie lieber mit akrobatischen Koloraturen ihre Konkurrentin Stonatrilla ausstechen will? Oder doch mit Julie Fuchs als ebenjener Stonatrilla, die auf nebensächlichsten Worten Zweieinhalboktavstürze meistert, weil sie als Primadonna schließlich was bieten will und ein „Grazie“ zum Komponisten Sospiro knurrt, wenn sie – als hoher Sopran – den tiefen Ton in Baritonlage doch noch erwischt?

Der Impresario (Pietro Spagnoli) zwischen dem Komponisten (Petr Nekoranec, links) und dem Dichter (Roberto de Candia)
Der Impresario (Pietro Spagnoli) zwischen dem Komponisten (Petr Nekoranec, links) und dem Dichter (Roberto de Candia)Werner Kmetitsch

Es gibt keinen Anfang und kein Ende der Begeisterung über Florian Leopold Gassmanns Opernparodie „L’opera seria“ am Theater an der Wien. Das Publikum quiekt, lacht Tränen, japst nach Luft; die Regie von Laurent Pelly steigert sich von Akt zu Akt. Mit dem Zusammensturz der barocken Pappprospekte von Massimo Troncanetti beim Abmarsch des fünf Meter hohen Elefanten (auf dem Stonatrilla in unerreichbarer Höhe trillerte) scheint im dritten Akt der Höhepunkt erreicht, doch mit dem finalen Auftritt der Sängerinnenmütter beim Abschminken in der Garderobe wird die Schraube der Komik noch um eine Drehung angezogen. Man kapituliert körperlich vor dem Stück.

Auftritt des Elefanten, danach bricht alles zusammen.
Auftritt des Elefanten, danach bricht alles zusammen.Werner Kmetitsch

Seit der Uraufführung 1769 war „L’opera seria“ nicht in Wien zu sehen. Gassmann hatte mit seinem Librettisten Ranieri de’ Calzabigi, dem Textdichter von Christoph Willibald Glucks Reformopern, eine Satire auf „die ernste Oper“ geschrieben, die erst 1994 von René Jacobs wieder der Vergessenheit entrissen worden war. Wer damals an der Berliner Staatsoper die Inszenierung von Jean-Louis Martinoty erlebt hatte, wird sich an die verblüffende Fülle von Vorgängen erinnern (etwa die wunderbare Janet Williams, die als Sängerin im Teppich geliefert wurde und ihre Koloraturen beim Ausrollen auf dem Boden sang). All diese Vorgänge steigerten den Irrwitz der Vorlage noch.

Darauf lassen sich Pelly und seine Mitarbeiterin Elisabeth de Ereño in Wien nicht ein. Sie arbeiten eher an der gestischen Präzision der Zu- und Abwendung, der pointierten Unterbrechung und Wiederholung, alles in strengstem Timing wie in einem Sketch von Loriot, musikalisch gesteuert vom Dirigenten Christophe Rousset. Die Wiener Aufführung ist auf die Minute genau so lang wie der Mitschnitt aus der Mailänder Scala, mit der das Stück koproduziert wurde.

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In Wien freilich arbeitet Rousset mit seinem eigenen, fabulösen Ensemble Les Talens Lyriques. Und Eyal Streett am Solofagott tritt in der Schattenszene der Stonatrilla mit der Sopranistin in einen Koloraturwettbewerb, der sich zu einer instrumentalen Groteske auswächst. Die Komik des Stücks ist eben nicht nur eine des Textes und der Szene. Es ist die Musik selbst, die von kunstferner Eitelkeit, sinnleeren Floskeln der Wirkungsgier und von geistfreien Formen des tönenden Materials geistvoll erzählt.

Pietro Spagnoli gibt mit balsamischem Bariton den Impresario als Mann der Vernunft inmitten des Irrsinns, stellt sich aber am Ende als Betrüger heraus. Roberto de Candia, silbenschnell wie ein Rossini-Buffo, zeichnet den Dichter als bildungsbeflissen-baritonalen Räsoneur, Petr Nekoranec den Komponisten mit reizbarem Tenor als einen triebgetriebenen Neurotiker. Drei Männer – Alberto Allegrezza, Nicholas Tamagna und Filippo Mineccia – singen die Mütter als krachend komische Alte, die vokal wie figural aus allen Nähten platzen, aber wehrbereite Würde wahren. Alessio Arduini als Ballettmeister Passagallo („Hahnenschritt“) fällt durch einen vibrierend wohlklingenden, starken, aber geschmeidigen Bassbariton auf.

Wir haben angesichts der Weltlage nichts zu lachen, die Vereinigten Bühnen der Stadt Wien bei harten Einsparungen und Stellenkürzungen durch einen kulturpolitischen Talibanismus ebenso wenig. Da ist es ein Trost und ein Segen, dass der Intendant Stefan Herheim dieses Prachtstück ans Musiktheater an der Wien geholt hat.

Source: faz.net