Oper Frankfurt: Die Zukunft ist leicht: Erzähl mir vom Jetzt
Am Anfang treten drei Engel auf und erinnern an Benjamin – nicht George Benjamin, den Komponisten von „Written on Skin“, sondern Walter. Der Engel der Geschichte, schreibt Benjamin, sieht diese „als eine einzige Katastrophe, die Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert“. Gerne möchte er verweilen, helfen, retten. „Aber ein Sturm weht vom Paradies her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat“ und „ihn unaufhaltsam in die Zukunft“ treibt.
Seine drei Kollegen in der Oper hingegen haben den Rückwärtsgang eingelegt. Sie fordern (uns?) auf, die Denkmäler der Zivilisation abzureißen, den technischen Fortschritt ungeschehen zu machen. „Zertrümmert die Druckerpresse! Macht jedes neue Buch ein kostbares Objekt, auf Haut geschrieben.“ Trotz Hochhäusern im Hintergrund befinden wir uns in einer fraktalen Landschaft, in der sich anthrazitfarbene Dreiecke zu Hügeln formen – so, sagt der Bühnenbildner Klaus Grünberg, als sei sie im Computer nicht fertig gerendert worden.
Der Protector beherrscht diese unvollendeten Lande. Um seine Heldentaten zu verewigen, engagiert er einen Knaben, damit dieser sie in einem Pergamentkodex niederschreiben und illustrieren soll. Der Knabe und die Frau des Protectors beginnen eine Affäre, der Protector tötet den Knaben und setzt sein Herz der Frau vor. Als diese erfährt, was sie gerade verspeist hat, stürzt sie sich vom Balkon.
Das ist, in dürren Worten, die Fabel dieser Frankfurter Erstaufführung. Sie geht auf die (legendarische) vida des Troubadours Guillem de Cabestany (um 1212) zurück, der auf diese Weise sein Herz verloren haben soll. Doch die Oper will kein Historiendrama sein. Die Trümmer, die die Katastrophe der Geschichte häuft, werden auch den Protagonisten immer wieder vor die Füße geschleudert.

Beobachtet die Frau halb gleichgültig, wie die Truppen ihres Mannes in den Dörfern ringsum die Einwohner massakrieren, so sagt der Boy (in den sich der wissende Engel verwandelt hat) zum Protector: „Ich denke darüber nach, dass – wenn dieser Wald und dieses Licht durch acht Spuren Gussbeton durchschnitten werden – dass wir zwei und alle, die wir lieben, seit tausend Jahren tot sein werden.“ Worauf der Protector sagt: „Die Zukunft ist einfach: Erzähl mir vom Jetzt.“
In Frankfurt wird der Boy von dem jungen Countertenor Iurii Iushkevich gesungen. Iushkevichs ätherische Erscheinung, die bis in das leicht gewellte lange Haar den nonbinären Engeln auf den Bildern eines van Eyck oder Leonardo gleicht, ist der Katalysator des Emanzipationsprozesses der Frau: Als er sie im Buch porträtiert hat – „Ich habe das Herz der Frau gemalt“ –, erwidert Elizabeth Reiter in einem beeindruckenden Ausbruch: „Nein, nein – nicht ‚der Frau‘ – ich bin Agnès. Mein Name ist Agnès.“ Und Benjamins kraftvoller Orchesterakzent lässt keinen Zweifel daran, dass es sich hier um eine Selbstermächtigung handelt, was Reiter durch ein enormes Spektrum ihrer stimmlichen Mittel inszeniert.
Tatjana Gürbaca inszniert die Tötung zurückhaltend
Agnès nimmt sich nicht nur einen Liebhaber, sondern stößt ihren Ehemann förmlich mit der Nase darauf – sie liefert aus Souveränität den Geliebten buchstäblich ans Messer. Der Szene mit dem Verzehr des Herzens wohnt – durch die kluge, zurückhaltende Inszenierung von Tatjana Gürbaca unterstrichen – etwas Rituelles inne, als wüssten alle längst, was geschehen wird, und könnten es doch nicht abwenden.
Crimps Libretto, das virtuos Zeit- und Bedeutungsebenen, psychologische Momente und antirealistische Verfremdung (die Figuren singen ihre Bühnenanweisungen mit) in der Schwebe hält – dieser Text gibt viel zu denken, ohne dass wir es doch auf den Begriff bringen könnten. Das ist die Funktion der ästhetischen Idee nach Kant, und es ist heute, wo überall nach politischen Positionierungen geschrien wird, staunenswert, dass „Written on Skin“ nach der Uraufführung 2012 in Aix-en-Provence in London, Paris, Köln und Berlin gespielt wurde. George Benjamin hat der elegant-rätselhaften Lakonik des Textbuchs Orchesterklänge verschwistert, die oft verführerisch, manchmal kantig und bedrohlich daherkommen und deren sinnlicher Glanz – den Erik Nielsen und das Opernorchester Frankfurt bis ins Letzte auskosten – bei allem Illustrativen nicht minder vieldeutig wirkt.
Wenn der Boy dem Protector ein Bild als Werk der Barmherzigkeit erläutert, dann spinnen die hohen Violinen dazu Girlanden um lange Liegetöne, und am Ende stimmt der Boy mit einer ätherischen Koloratur in diese Girlanden mit ein, ein Fest für Iushkevichs schwerelosen Sopran. Ein wenig schade, dass Benjamin seine reiche Kunst, ausdrucksvolle und kantable Linien für die Sänger zu schreiben, meist doch nur in den Dienst der Textdeklamation stellt. Dabei engagieren sich in Frankfurt neben dem zentralen Paar Iushkevich und Reiter weitere und durchweg hervorragende Sänger: Bo Skovhus als etwas eindimensional gezeichneter Protector, Cecelia Hall und Michael McCown als Engel.
Am Ende, während Agnès zu schwebend-fragilen Klängen der Glasharmonika entrafft wird, beobachten die Engel ihren Fall gelassen. „Seht in ihrem Gesicht / in ihren Augen / ihre kalte Faszination / mit menschlichem Unglück / als sie sich von der fallenden Frau abwenden / dorthin, wo die weißen Linien des Parkplatzes am Samstag / die aufgehäuften Toten verdecken.“ Auch dieser Untergrund ständiger Vernichtung, der die Oper durchzieht, erinnert an Benjamin: die Einsicht, dass etwas „niemals ein Dokument der Kultur“ sei, „ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein“. Das beschämend schütter anwesende Publikum war begeistert.
Source: faz.net