Old-Shanghai – Gibt es dies gar noch?

Die chinesische 25-Millionen-Stadt ist berühmt für ihre modernen Bauten und berüchtigt für einen nicht zimperlichen Umgang mit alten Vierteln. Doch es gibt ein historisches Erbe – das man suchen muss und finden kann.

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Geschwungene Ziegeldächer, bunt verzierte Fassaden voller Drachen, enge Gassen und jede Menge kleine Shops: Das Viertel Huangpu (ehemals Nanshi) ist die Altstadt von Shanghai, gelegen rund um den klassischen Yu-Garten. Es scheint von Weitem eine richtig lauschige Sache zu sein. Wie schön, mag man denken, dass es in dieser modernen Stadt voller Wolkenkratzer noch richtig alte Ecken gibt!

Dieser Eindruck freilich bröckelt, je näher man kommt. Was mit etwas Abstand nach einer, nun ja, „echten“ Altstadt aussieht, wird mit jedem Meter ein Stück moderner. Seit gut 20 Jahren wird das Viertel gründlich renoviert, teils sogar abgerissen und stilecht neu gebaut.

Vom historischen Kern ist im Grunde nicht mehr viel übrig. Es ist eine Instagram-taugliche Kulisse, aber kein Ort mit Charme und Atmosphäre, wie ihn europäische Touristen erwarten. Die Chinesen, die dort heute leben, sehen das allerdings differenzierter: Sie freuen sich über Kanalisation statt öffentlicher Toiletten und über saubere Straßen statt Mief und Kakerlaken.

Renovierungswellen sind typisch für Shanghai: Die alte, oft nur zweistöckige Bausubstanz bietet einfach nicht genug Platz für die vielen Menschen, Geschäfte und Unternehmen. Vieles wird daher sang- und klanglos abgerissen oder zumindest hart grundsaniert. Touristen, die sich für das historische Erbe und das „alte China“ in Shanghai interessieren, müssen deshalb lange suchen.

Auch im Viertel Xintiandi, nicht weit von der Altstadt entfernt, wird man nur schwer fündig. Es besteht aus zwei Häuserblocks aus alten, typisch Shanghaier Shikumen-Häusern, die der Besucher durch einen steinernen Torbogen (so die Übersetzung des Begriffs Shikumen) mit chinesischem Holztor betritt. Sie wären sicher längst komplett abgerissen worden, läge nicht mittendrin die Gründungsstätte der Kommunistischen Partei Chinas.

Eine wahre Erneuerungsorgie

Das ideologisch wichtige Gebäude von Wolkenkratzern überschatten zu lassen, kam aus Gründen der politischen Symbolik nicht infrage. Als 1996 die Hongkonger Immobiliengruppe Shui On 52 Hektar Land rund um Xintiandi erstand, war daher Kreativität gefragt.

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2300 Haushalte wurden umgesiedelt, dann ließ Shui On das Viertel sprichwörtlich auseinandernehmen: Stein für Stein wurden die erhaltenswerten Gebäude langwierig und unter enormen Kosten ab- und wieder aufgebaut, teils mit erheblichen Änderungen. „Echt alt“ ist Xintiandi also nicht, es lohnt sich aber dennoch, mal vorbeizuschauen, denn Xintiandi ist heute abends ein lebhaftes Nightlife-Viertel und tagsüber eine schöne Fotokulisse.

Letzter Streich der Erneuerungsorgie ist Shanghais historisches Viertel Tilanqiao. In den Häuschen des Quartiers fanden während der Nazi-Zeit unter großer Mithilfe der jüdischen Handelsfamilien Sassoon, Hardoon und Kadoorie rund 30.000 meist deutsche Juden Zuflucht.

Besagte sephardische Familien hatten Shanghai fast schon im Alleingang Mitte des 19. Jahrhunderts zur Handelsmetropole gemacht. 2025 musste Tilanqiao dem fast vier Quadratkilometer großen North Bund Project weichen. Lediglich ein paar Häuser sind als Sanierungsobjekte geblieben – sowie das Jüdische Museum in der ehemaligen Ohel-Moishe-Synagoge. Das zumindest erinnert ausführlich an die alte Zeit.

Als Shanghai bedeutungslos war

Zum Glück bedeutet Erneuerung in Shanghai aber nicht immer gleich den Einsatz der Abrissbirne: Im lauschigen Tianzifang, einem kleinen Viertel rund einen Kilometer südlich von Xintiandi, haben sich die Stadtplaner bei der Sanierung der engen Gassen sehr zurückgehalten und es geschafft, ein zwar touristisch beliebtes, aber authentisches Viertel voller kleiner Läden, roter Laternen und Bars zu erhalten.

Vor allem ist es gelungen, alteingesessene Bewohner im Quartier zu halten. Die hängen, wie früher, Wäsche vor den Fenstern zum Trocknen auf und halten einen Schwatz auf der Straße, was Tianzifang viel Charme verleiht.

Tatsächlich ist der „kreative“ Umgang mit alten Bauten typisch für Shanghai, denn richtig historisch war diese Stadt nie. Was damit zusammenhängt, dass sie keine alte chinesische Stadt ist. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war Shanghai nur eine Kleinstadt am Huangpu-Fluss und nicht wirklich von Bedeutung.

Um die 100.000 Menschen lebten hier – für chinesische Verhältnisse alles andere als viel. Erst nach dem Opiumkrieg 1839 bis 1842, in dem Großbritannien China unter anderem das Recht auf Handel in Shanghai abpresste, wurde die Stadt zur Metropole. Und wie! Mit dem wachsenden Handel (inklusive des florierenden britischen Opiumhandels) wuchs Shanghai in atemberaubendem Tempo. Rund hundert Jahre später waren es bereits gut drei Millionen Einwohner.

Damals entstanden allerhand Möglichkeiten, das neue Geld auch gleich wieder moralisch fragwürdig in unzähligen Bordellen aus dem Fenster zu werfen. Als „Hure Asiens“ war Shanghai verschrien. Mit dem Satz „wenn Gott Shanghai zulässt, muss er sich bei Sodom und Gomorrha entschuldigen“ prägte ein unbekannter Missionar einen Satz, der die Stadt damals offenbar ziemlich passend abbildete.

Aus diesen Zeiten stammt beispielsweise die glamouröse Uferpromenade Bund am Huangpu-Fluss mit ihren Art-déco-Bauten, die mittlerweile so beliebt ist, dass man sie nur von Süden betreten kann und von Lautsprecherdurchsagen beschallt wird, die die Besucher auffordern, nicht stehenzubleiben und brav gen Norden weiterzugehen.

Shikumen-Häuser und Pop-up-Bars

Wer noch richtig historisches Leben in Shanghai sucht, wird heutzutage am ehesten in der ehemaligen „French Concession“ fündig, also in dem kolonialen französischen Areal zwischen Huaihai Road und Zhaojiabang Road im Süden: Enge Gassen, kartenspielende Alte im Mao-Anzug, zwitschernde Drosseln in Bambuskäfigen, kleine Imbisse, gemütlich-chaotische Hinterhöfe und vor allem jede Menge Platanen am Wegesrand prägen hier noch immer das Straßenbild, wie man es sich als Tourist wünscht. Und es stehen tatsächlich noch viele der traditionellen (und meist unsanierten) Shikumen-Häuser, die wie Fischgräten von den engen Gassen abzweigen.

Dieses Viertel lockt auch noch mit einem interessanten Nachtleben in Form geradezu anarchischer Pop-up-Bars am Straßenrand: Es werden mit Einbruch der Dunkelheit ein paar Klappstühle und Tische aufgestellt, an denen coole Barkeeper erstaunlich vielfältige Cocktails zubereiten. Obendrein bietet das Quartier jede Menge Restaurants und eine erstaunlich gute Stimmung.

Shanghai-Besucher, die sich für die jüngere Geschichte interessieren, pilgern in das nur wenige Flanierminuten von den lauschigen Gassen entfernte „Jinjiang Hotel Huaihai“ und nehmen dort in der Conference Hall in den senffarbenen Plüschsesseln Platz. Hier setzen Premier Zhou Enlai und US-Präsident Richard Nixon 1972 ihre Unterschrift unter das erste chinesisch-amerikanische Kommuniqué. Sie öffneten damit die Tür für die internationale Anerkennung der Volksrepublik.

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Trotz aller Umbrüche und der alles überschattenden Wolkenkratzer ist eine Tradition aber noch immer lebendig: das Thema Hochzeit. Das treibt zumindest die älteren Shanghaier um, weshalb sich jeden Sonntag Hunderte Eltern und Großeltern im Volkspark zusammenfinden.

Verkuppelt werden im Stadtpark

Dort spannen sie Schirme auf, an die sie die Lebensläufe und Profile ihrer Kinder oder Enkel pinnen, die oft schon 30 Jahre alt und noch immer nicht verheiratet sind. Für die Generation 50plus ein Unding! Auf dem „Heiratsmarkt“ im Park werden massenweise junge Shanghaier verkuppelt (oft ohne ihr Wissen), die vor lauter Karriere zu lange mit der Partnerwahl gewartet haben.

Wie erfolgreich diese Versuche sind, ist statistisch nicht erfasst. Wenn es klappt, kann man davon ausgehen, dass die jungen Paare später in einer der neuen Wohnsiedlungen in und um Shanghai eine Bleibe finden und ziemlich froh darüber sind, dass sie nicht in einem alten Viertel leben. Die sind für die jungen Chinesen dasselbe wie für ausländische Touristen: dekorative Fotokulissen.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Direktflüge von Deutschland nach Shanghai gibt es bei Air China, China Eastern und Lufthansa, Umsteigeverbindungen bieten beispielsweise Finnair oder Singapore Airlines.

Wo wohnt man gut? „Jin Jiang Hotel“ an der Luxusshoppingstraße Huaihai Road, Fünf-Sterne-Haus im Art-déco-Stil mit zugehörigem Park und großer Historie, Doppelzimmer ab 90 Euro (m.jinjiang-hotel.com; dem gleichnamigen Konzern gehört auch die Radisson-Kette). Schön ist auch das ebenfalls im Art-déco-Stil gebaute „Yangtze Boutique Shanghai“ mit fünf Sternen im Viertel Huangpu, Doppelzimmer ab 135 Euro (theyangtzehotel.com).

Tipps vor Ort: Bargeld ist in Shanghai mittlerweile völlig out, bezahlt wird per WeChat und Alipay (sogar die Bettler zeigen nur noch einen QR-Code vor). In beiden Apps lassen sich auch westliche Kreditkarten hinterlegen. Transport vor Ort: Die U-Bahn ist auf Englisch beschildert – oder man ruft sich ein Taxi per Didi-App, die bei WeChat integriert ist. Der Preis wird angezeigt, ein Taxometer braucht man nicht mehr und eigentlich auch keine Sprachkenntnisse.

Weitere Infos: Shanghai-Reisen sind buchbar unter gofindchina.de/shanghai-tours/index.html. Praktische Tipps bietet die städtische Website meet-in-shanghai.net/de. Basis-Informationen gibt es unter china-tourism.de/en.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Shanghai China International Travel Service. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

Source: welt.de