Ölpreis-Dominanz: Ölpreis wie globaler Taktgeber belastet Märkte dessen ungeachtet beflügelt Energiekonzerne

Der Ölpreis gibt derzeit an den internationalen Aktienmärkten den Takt vor. Aussagen von US-Präsident Donald Trump, den Irankrieg schnell beenden zu wollen, hatten den Preis für ein Barrel, also rund 159 Liter, der Nordsee-Sorte Brent in rasantem Tempo zeitweise wieder bis auf 87 Dollar fallen lassen. Entsprechend stark fiel die Erholung an den Aktienmärkten aus. Noch am Dienstag konnte der deutsche Leitindex Dax zumindest kurzzeitig die Marke von 24.000 Punkten zurückerobern. Am Mittwoch war die Euphorie aber schon wieder verflogen, der Auswahlindex befand sich wieder im Rückwärtsgang. Der Ölpreis stieg indes wieder auf 92 Dollar je Fass.
Laut Fachleuten der Helaba ist es mit Blick auf den Irankrieg noch zu früh, um auf nachhaltige Kursgewinne zu setzen. Zwar plant die Internationale Energieagentur (IEA) die größte Freigabe von Ölreserven ihrer Geschichte, um die Preisturbulenzen zu beruhigen. Seit Gründung der IEA im Jahr 1974 wurden Ölreserven fünfmal freigegeben: 1991 vor dem zweiten Golfkrieg, 2005 nach den Hurrikans Katrina und Rita im Golf von Mexiko, einem wichtigen Ölfördergebiet, 2011 während des Bürgerkriegs in Libyen und zweimal im Jahr 2022 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Zuletzt wurden dabei Erdölreserven von 182 Millionen Barrel freigegeben – die bislang größte Menge.
Zunächst überwog die Skepsis unter Marktbeobachtern, ob die Freigabe eines Teils der strategischen Reserven mehr als der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein ist. „Dem Markt fehlen nach zehn Tagen Blockade bereits 200 Millionen Barrel Öl“, sagt Stephan Kemper, Chefanlagestratege der BNP Paribas Deutschland: „Die IEA-Freigabe gleicht nicht einmal den bisherigen Verlust aus, sondern federt ihn lediglich kurzfristig ab. Der Effekt ist also eher psychologischer Natur.“ Der Dax legte in diesem Umfeld den Rückwärtsgang ein, sank bis auf knapp über 23.500 Punkte.
Der IEA ist diese Skepsis am Markt wohl bewusst, darum setzt sie offenbar zu einem größeren Wurf an. Laut Medienberichten sollen Reserven von insgesamt 400 Millionen Barrel Rohöl freigegeben werden. Dies entspräche in etwa der Menge, die vor dem Krieg innerhalb von 20 Tagen durch die Straße von Hormus transportiert wurde. Der Irankrieg geht an diesem Donnerstag in Tag 13. Die Marktreaktion auf dem Frankfurter Börsenparkett fiel aber auch nach der Ankündigung von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) am Mittag, dass Deutschland strategische Reserven freigebe, verhalten aus. Das deutsche Aktienbarometer blieb mit einem Indexverlust von 1,3 Prozent im negativen Terrain bei 23.670 Punkten.
An der Situation in der Straße von Hormus, der Meerenge zwischen Iran und dem Oman, hängt eben nicht nur der Benzinpreis, den Verbraucher hierzulande beim Tanken bezahlen. Wie Kemper aufführt, betreffen Risiken auch die Technologiebranche. Denn 20 Prozent des Angebots von LNG (Flüssiggas) auf der Welt passieren die Meerenge. Taiwan, das Zentrum der internationalen Halbleiterindustrie, verfügt aber nur über Gasreserven für etwa zehn Tage. Somit drohen Produktionsausfälle für Chips, die sich auch auf andere Branchen auswirken könnten, etwa die ohnehin schon gebeutelte Automobilindustrie.
Auch ein Engpass an Schwefel sei nicht zu unterschätzen, sagt Kemper: „Etwa 90 Prozent der weltweiten Schwefelproduktion stammen als Nebenprodukt aus Öl- und Gasraffinerien. Schwefel ist ein unverzichtbarer Rohstoff für diverse Produktionsschritte in der Chip- und Batterieherstellung. Wenn Raffinerien ihre Produktion drosseln müssen, droht auch hier ein deutlicher Preisanstieg, und im schlimmsten Fall eine Störung der globalen Techlieferketten.“ „Die wichtigste Frage ist, wann die Straße von Hormus als kritischer Engpass für die globale Ölversorgung wieder von Schiffen sicher passiert werden kann“, sagt Kerstin Hottner, Rohstoff-Expertin von Vontobel.
Freuen dürften sich Aktionäre von Erdölkonzernen. So hat Exxon Mobil, die größte amerikanische Ölgesellschaft und hinter Saudi Aramco die zweitgrößte der Welt, seit Jahresbeginn um fast ein Viertel im Wert zugelegt. Höhere Ölpreise schlagen sich direkt in höheren Margen der Konzerne nieder, zumal die Preise für Lieferungen ständig neu ausgehandelt werden. Aufwind gab es auch für Aktien der europäischen Ölkonzerne Shell und BP, und etwas weniger für Totalenergies.
Source: faz.net