Ölexporthäfen getroffen: Wie sehr schadet die Ukraine Putins Kriegskasse?

Viel ist derzeit von Wladimir Putin als einem Gewinner des amerikanisch-israelischen Krieges gegen Iran die Rede. Steigt der Ölpreis, verdient Russland mehr, und sein Herrscher erhält mehr Geld für den Angriffskrieg gegen die Ukraine. Doch gerade versucht Kiew, diese Logik zu durchkreuzen. Jüngste Drohnenangriffe haben in den Ostseehäfen Primorsk und Ust-Luga offenbar größere Schäden angerichtet, als die russischen Behörden zugeben.
In Primorsk an der Nordküste des Finnischen Meerbusens, wo Pipelines für Öl und Diesel enden, brach in der Nacht auf Montag nach einem Drohnenschlag ein Feuer an einem „Behälter mit Treibstoff“ aus, das nun gelöscht werde, wie der Gouverneur des Leningrader Gebiets, Alexandr Drosdenko, mitteilte. Doch die Nachrichtenagentur Reuters berichtete am selben Tag, der Hafen sei infolge der Angriffe „geschlossen“ worden, und die Agentur Bloomberg meldete am Mittwoch eine mindestens 36-stündige Unterbrechung der Verladungen in Primorsk. Für größere Schäden sprach auch, dass Drosdenko erst am Mittwochabend mitteilte, der Brand dort sei „lokalisiert“ worden.
Wegen des Irankriegs stieg die Exportmenge
Der Hafen von Ust-Luga nahe der Grenze zu Estland wurde ebenfalls in der Nacht auf Montag angegriffen, konnte laut Reuters aber am Montag die Arbeit wieder aufnehmen. Dann aber löste ein neuer Angriff in der Nacht auf Mittwoch, wie Aufnahmen in sozialen Medien zeigen, einen Großbrand in einer Anlage des Konzerns Novatek aus. Diese verarbeitet stabiles Gaskondensat, das für Öl- und Chemieprodukte verwendet wird. Womöglich kam es auch zu einem Brand auf einem Ölterminal. Laut Bloomberg wurde das Verladen von Rohöl in Ust-Luga am Mittwochmorgen ausgesetzt, und noch am Donnerstag meldeten russische Behörden ein „kontrolliertes Verbrennen von Ölprodukten in beschädigten Behältern“.
Solche Schläge sind empfindlich. Laut dem Wirtschaftsportal The Bell wickelt Russland über Primorsk und Ust-Luga mehr als die Hälfte seiner seegebundenen Rohölexporte ab, im vergangenen Jahr zwischen 1,5 und 1,7 Millionen Barrel am Tag von insgesamt drei bis 3,7 Millionen. In den ersten beiden Monaten dieses Jahres sei es infolge amerikanischer Sanktionen weniger Öl gewesen, doch infolge des Irankriegs sei die Menge wieder gestiegen. Russland bezieht etwa ein Viertel seiner Staatseinnahmen aus dem Ölverkauf, sodass die Preissteigerungen jüngst zu Expertenrechnungen über Milliarden Dollar Mehreinnahmen durch höhere Ölpreise führten, die den Spardruck auf Putins Regierung mindern könnten.
Doch am Mittwoch berichtete Reuters, rund 40 Prozent der russischen Ölexportkapazitäten stünden derzeit nicht zur Verfügung, das entspreche zwei Millionen Barrel am Tag. Es handele sich um „die schwerste Unterbrechung der Ölversorgung in der jüngeren Geschichte Russlands, des zweitgrößten Ölexporteurs der Welt“. Dabei berücksichtigte die Agentur neben den jüngsten Angriffen auf Primorsk und Ust-Luga unter anderem auch Folgen anderer Schläge gegen Russlands Rohstoffindustrie. Etwa Schäden im Schwarzmeerhafen von Noworossijsk, wo nach einem Angriff Anfang März weniger Öl verladen werde als geplant. Zudem den Ausfall der Druschba-Pipeline, die russisches Öl für Ungarn und die Slowakei durch die Ukraine leitet, sowie sich häufende Beschlagnahmen von Tankern der sogenannten Schattenflotte durch europäische Länder.
Großbritannien will effektiver gegen Schattenflotte vorgehen
Dazu hat der britische Premierminister am Mittwoch die Royal Navy ausdrücklich ermächtigt, Tanker der Schattenflotte in britischen Hoheitsgewässern zu stoppen und aufzubringen. Dabei wirkte Keir Starmer unbeeindruckt davon, dass die USA im Irankrieg ihre eigenen Sanktionen gegen diese Art des Exports russischen Öls noch bis zum 11. April ausgesetzt haben, während die Strafmaßnahmen Großbritanniens und der EU gegen Hunderte Tanker in Kraft bleiben. Rund zwei Dutzend solcher Schiffe haben nach Recherchen der britischen Schifffahrtszeitung „Lloyds List Intelligence“ allein im März die Straße von Dover oder die Meerengen in der Ostsee passiert.
Bislang durfte die Royal Navy lediglich den Seestreitkräften anderer Länder Hilfe leisten bei der Verfolgung der sanktionierten Tanker. Nun sind nach Angaben von Verteidigungsminister John Healey Schnellbootbesatzungen und Marineinfanteristen auch darin ausgebildet worden, die Öltanker zu entern und ihr Kommando zu übernehmen.
Zensurbedingt ist es schwierig, das Ausmaß der Schäden an den russischen Hafenanlagen und die Dauer der Lieferausfälle einzuschätzen. Als Anfang 2024 ein Ölterminal in Ust-Luga durch „äußere Einwirkung“, wohl einen Drohnenangriff, in Brand geriet, dauerte die Instandsetzung zehn Tage. Jetzt gab der stellvertretende russische Ministerpräsident Alexandr Nowak indirekt die Störungen an den Ostseehäfen zu, als er am Donnerstag auf einem Forum in Moskau von „diversifizierten Lieferwegen“ sprach, die man nun nutzen werde. Doch The Bell zufolge sind die Angriffe in der Lage, mindestens eine Zeit lang Moskau um die mit dem Irankrieg verbundenen Überschüsse aus dem Ölverkauf zu bringen.
Neue Offenheit der Ukraine
Auch der dem russischen Verteidigungsministerium nahestehende Telegram-Kanal Rybar hob hervor, Kiew gehe es darum, Russland daran zu hindern, von den hohen Ölpreisen zu profitieren. Dass die drei baltischen Staaten in den vergangenen Tagen die dort verzeichneten Abstürze ukrainischer Drohnen, die vermutlich Ziele in Russland ansteuerten, „geduldet“ hätten, lasse erwarten, dass Kiew auch beginnen könne, die Exklave Kaliningrad anzugreifen, klagte Rybar. Für Putins Regime sind die Drohnenschläge tief im russischen Staatsgebiet auch deshalb unangenehm, weil sie Fragen über die eigene Flugabwehr und den Sinn von Beschränkungen des mobilen Internets aufwerfen, die offiziell die Steuerung feindlicher Drohnen erschweren sollen.
Auf ukrainischer Seite fällt eine neue Offenheit auf. Einst zitierten ukrainische Medien anonyme Quellen, die Angriffe den Geheimdiensten des Landes zuschrieben, im Fall von Ust-Luga Anfang 2024 dem Inlandsgeheimdienst SBU. Jetzt schreiben sich der ukrainische Militärgeheimdienst HUR und Spezialkräfte der Armee die Angriffe selbst zu und erklären sie damit, dass Russland mit solchen „asymmetrischen Aktionen“ geschwächt und um Einnahmen gebracht werden solle, welche die Aggression gegen die Ukraine finanzierten.
Ebenso offen bestätigte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nun, was zuvor lediglich in Medienberichten aus den Verhandlungen über ein Ende des russischen Angriffskriegs durchgesickert war: Dass die Amerikaner nur dann zu „Sicherheitsgarantien“ auf „hohem Niveau“ bereit seien, „wenn die Ukraine bereit ist, ihre Truppen aus dem Donbass abzuziehen“. Es geht um die weiter von den Verteidigern kontrollierten Teile des Donezkers Gebiets mit den Städten Slowjansk und Kramatorsk, die Putin auf dem Verhandlungswege erhalten will. Selenskyj hat einen solchen Abzug ausgeschlossen.
Source: faz.net