Öffnet die Straße von Hormus?: „Man schaltet die globalen Schifffahrtsströme nicht in 24 Stunden wieder ein“

Seit Ende Februar gibt es de facto kein Durchkommen mehr durch die Straße von Hormus. Die Welt ist deshalb von wichtigen Öl- und Gaslieferungen abgeschnitten, eine Energiekrise ungekannten Ausmaßes war absehbar. Doch seit in der Nacht zum Mittwoch Donald Trump angekündigt hat, Iran gewähre für zwei Wochen die „vollständige, sofortige und sichere Öffnung“ der Wasserstraße, gibt es vorsichtige Zuversicht unter den Reedern. Von einem „wichtigen und hoffnungsvollen Signal“ ist im Verband Deutscher Reeder (VDR) die Rede.
Doch im zweiten Satz der schriftlichen Stellungnahme wird klar, dass wenig klar ist, wenn der US-Präsident Ankündigungen macht: „Jetzt kommt es darauf an, dass aus politischer Ankündigung maritime Realität wird.“ Die Lage bleibe angespannt, solange man keine Details kenne und die Sicherheit nicht gewährleistet werde.
Die Arbeit an einer sicheren Passage der Straße von Hormus habe schon begonnen, teilte die Internationale Schifffahrtsorganisation IMO mit. „Ich arbeite mit den zuständigen Parteien zusammen, um einen geeigneten Mechanismus zur Gewährleistung der sicheren Durchfahrt von Schiffen durch die Straße von Hormus einzurichten“, erklärte IMO-Präsident Arsenio Dominguez.
Und was ist mit der Versicherung?
Die Koordinierung der Herausführung von Tausenden festgesetzten Schiffen und ihren Besatzungen aus der Gefahrenzone werde internationale Abstimmungen und etwas Zeit benötigen, kommentierte der Deutsche Reederverband.
Hohes Tempo dürfe man nicht erwarten, warnt Jennifer Parker, außerordentliche Professorin am Defence and Security Institute der University of Western Australia. „Man schaltet die globalen Schifffahrtsströme nicht in 24 Stunden wieder ein. Tankerbesitzer, Versicherer und Besatzungen müssen glauben, dass das Risiko tatsächlich gesunken ist – nicht nur ausgesetzt wurde.“ Tatsächlich war das Aussetzen der Kriegsversicherung durch die maßgeblichen Versicherungsklubs gleich zu Beginn des Irankriegs der Hauptgrund dafür, dass kaum ein Reeder es wagte, mit millionenschwerer Fracht die Straße von Hormus zu passieren.
Erste Schiffe mussten abdrehen
Erste Schiffe, die am Mittwoch gleichwohl versuchten, den Golf zu verlassen, wurden aufgefordert abzudrehen, erfuhr die F.A.Z. aus Schifffahrtskreisen. Nach wie vor sei die Passage nur mit Billigung Irans und gegen Zahlung einer Maut möglich.
Unklar blieb zunächst, wie die Vereinbarungen über Waffenruhe und Freigabe der Straße von Hormus zu verstehen sind. Während vonseiten Irans von einem sicheren Durchgang in Zusammenarbeit mit seinen Streitkräften und innerhalb „technischer Limitierung“ die Rede war, kündigte Trump über Social Media an, die USA würden beim Anlaufen des Verkehrs helfen und in der Nähe bleiben, um reibungslose Abläufe zu gewährleisten.
„Die Situation ist völlig unberechenbar“, sagte am Morgen danach der Repräsentant einer internationalen Reederei der F.A.Z. – man werde vorläufig stillhalten. Allein die Aussicht darauf, dass Iran auch künftig Einfluss habe und eine Maut erheben könnte, empört ihn: „Wenn das Schule machen würde, dann würde der internationale Handel massiv beeinträchtigt.“
Tatsächlich gilt für alle natürlichen Meerengen nach dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (UNCLOS) das Prinzip der Transitdurchfahrt. Demnach dürfen Küstenstaaten die Durchfahrt nicht willkürlich einschränken oder von der Zahlung von Gebühren abhängig machen. Auf dieser Rechtsgrundlage fordert auch die Bundesregierung für die Straße von Hormus einen unbehinderten Schiffsverkehr.
In Friedenszeiten passierten zuletzt bis zu 150 Schiffe täglich die 90 Seemeilen lange Meerenge, wobei die Fahrtzeit mit sieben bis acht Stunden angegeben wird. Wie viele Schiffe nun innerhalb von zwei Wochen den Persischen Golf verlassen könnten, ist unklar. Es sei wohl eher unwahrscheinlich, dass alle es schafften, sagte ein Sprecher von Hapag-Lloyd, das mit fünf gecharterten und einem eigenen Schiff von der aktuellen Blockade betroffen ist. Insgesamt seien 2000 Schiffe betroffen, darunter mehr als 50 Schiffe aus Deutschland, schätzt der Verband Deutscher Reeder. Die Nachrichtenagentur Bloomberg dagegen schreibt von 800 Schiffen. Trackingdaten stehen nur eingeschränkt zur Verfügung, da aus Sicherheitsgründen teilweise die Ortungssysteme ausgeschaltet sind.
426 Öltanker, 53 Gastransporter
Schiffe, die Energie transportieren, machen laut Daten der Analysefirma Kpler einen großen Teil der im Golf eingeschlossenen Flotte aus. Derzeit gebe es 426 Tanker, die Rohöl und saubere Brennstoffe transportieren, dazu 34 Flüssiggas(LPG)- und 19 Flüssigerdgas(LNG)-Schiffe. Der Rest der Schiffe befördert Trockengüter wie landwirtschaftliche oder Metallprodukte. Oder Container. Die am Weltmarkt fehlenden Öl- und Gasmengen haben die Preise im Energiesektor sprunghaft ansteigen lassen, was erhebliche Auswirkungen auf die globale Wirtschaft hat und die Inflation antreibt.
Ein globales Lieferkettenproblem, wie es während der Corona-Pandemie entstand, wird aber nicht erwartet, weil die Handelsschifffahrt über den Atlantik und den Pazifik störungsfrei verlaufe, erklärte Rolf Habben Jansen, Vorstandschef der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd, vor wenigen Tagen.
Entwarnung für die betroffenen Unternehmen (Reeder ebenso wie ihre Kunden und Lieferanten) bedeutet das aber nicht. Was an Ware im Persischen Golf festliegt, dürfte teilweise schon wertlos geworden sein. Und nicht nur das: Um den Lieferverpflichtungen nachkommen zu können, mussten Unternehmen die relevante Ware inzwischen woanders besorgen, zusätzliche Schiffe chartern, alternative Lieferwege, teils auch über Land, suchen – verbunden mit erheblichen Kosten.
Vorläufig heißt es unisono Abwarten, bis sich die Lage klärt. Entscheidend bleibe die Sicherheitslage, auch die Sicherheit der Besatzung. „Wir sehen aufgrund unserer aktuellen Risikoeinschätzung weiterhin von einer Durchfahrt durch die Meerenge ab. Gleichzeitig prüfen wir kontinuierlich und sehr sorgfältig, zu welchem Zeitpunkt eine Durchfahrt wieder möglich sein wird“, heißt es im schriftlichen Statement von Hapag-Lloyd.
Auch im Touristikkonzern TUI aus Hannover hofft man auf geeignete Möglichkeiten, die beiden Kreuzfahrtschiffe aus der Region herauszuführen, die im Persischen Golf seit Kriegsbeginn festliegen. An Bord sei noch eine reduzierte Mindestbesatzung, die den sicheren Betrieb der Schiffe gewährleiste. Die geplanten Reisen Richtung Mittelmeer wurden abgesagt. Die Verlegung der Schiffe ohne Gäste dürfte nach aktuellen Schätzungen vier Wochen Zeit in Anspruch nehmen.