Obdachlosigkeit: Das Zwei-Klassen-System für jener Hilfe zum Besten von Wohnungslose
Der Winter kann für Menschen wie Horst lebensgefährlich sein – trotzdem macht ihm die Kälte keine Angst. „Was mich viel mehr beunruhigt, ist die soziale Kälte. Es gibt heute mehr Misstrauen – und mehr Aggression“, sagt der Mann mit langem, grauem Bart und Holzfällerhemd. Erst vor Kurzem hätten zwei junge Männer ihn plötzlich attackiert. „Zum Glück konnte ich wegrennen.“
Für Obdachlose gehören Übergriffe zum Alltag. Horst lebt diesen Alltag nun schon seit 25 Jahren. Erst zerbrach seine Ehe, dann verlor er seinen Job. „Dann habe ich auch noch meine Wohnung gekündigt. Ich wollte einfach frei sein“, sagt er und hält inne. „Aber es war eine falsche Freiheit.“ Der 63-Jährige pausiert erneut, seine blauen Augen strahlen durch die randlose Brille. „Aus Selbstzerstörung habe ich alles hinter mir gelassen. Ich war von Dämonen besessen.“ Horst zieht an seiner selbstgedrehten Zigarette. Die Dämonen lassen ihn bis heute nicht los.
In Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, hat sichdie Zahl der Wohnungslosen seit 2021 fast verdreifacht – auf einen neuen Höchststand von etwas mehr als einer Million Menschen, die im vergangenen Jahr über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügten. Das sind so viele wie vermutlich nie zuvor seit der Nachkriegszeit. Die meisten von ihnen kommen in Übergangswohnheimen und Notunterkünften unter oder übernachten vorübergehend bei Bekannten. Rund 56.000 leben aber auch wie Horst als Obdachlose auf der Straße. Die Zahlen beruhen auf der neuesten, am 17. November veröffentlichten Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW).
„Der Hauptgrundfür die Wohnungsnot ist, dass bezahlbarer Wohnraum fehlt“, sagt Sabine Bösing, Geschäftsführerin der BAGW. „Aber auch die hohe Inflationsowie die zunehmende Armut tragen dazu bei.“ Oft kämen zur sozialen Schieflage persönliche Schicksalsschläge wie Jobverlust, Trennung oderErkrankungenhinzu. Sabine Bösing mahnt daher „eine bessere, flächendeckende Prävention bei Wohnungsverlust“ an. Bösing fordert deshalb „eine bessere, flächendeckende Prävention bei Wohnungsverlust“, stärkeren Mieterschutz und mehr Sozialwohnungen mit langfristiger Bindung und festen Quoten für Wohnungslose.
Geflüchtete haben wenig Chancen auf dem Wohnungsmarkt
Doch reicht das? Seit einigen Jahren gibt es nämlich einen weiteren „Risikofaktor“: Laut BAGW hatten 2021 etwas mehr als die Hälfte der Wohnungslosen keine deutsche Staatsangehörigkeit, 2024 waren es 80 Prozent. Verschärft das womöglich die Rivalität, nicht nur auf dem Wohnungsmarkt, sondern auch um trockene Schlafplätze im Freien oder eine warme Mahlzeit in einer Suppenküche?
Die meisten nichtdeutschen Wohnungslosen sindGeflüchtete, viele davon aus der Ukraine. Bisher tauchen vor allem anerkannte Geflüchtete aber eher selten in Einrichtungen der Wohnungsnotfallhilfe auf, weil vielein den Gemeinschaftsunterkünften für Geflüchtete bleiben. Menschen aus der Ukraine sind zudem oft privat untergekommen. „Für diese Gruppe wurde – zurecht – vom ersten Tag an Wohnraum akquiriert, für Geflüchtete aus anderen Ländern oder generell für Wohnungslose ist das leider kaum der Fall“, sagt Joachim Krauß, Migrationsexperte der BAGW.
„Wenn es politisch gewollt ist, ist es also möglich, Wohnraum zu beschaffen.“ Und das kann natürlich Unmut erzeugen bei jenen, die davon nicht profitieren. Eine wirkliche Konkurrenz kann Sabine Bösing dennoch „vor allem um die viel zu wenigen bezahlbaren Wohnungen“ feststellen. „Wobei Geflüchtete, die immer noch untergebracht sind, auf dem Wohnungsmarkt ohnehin wenig Chancen haben“, ergänzt Krauß.
Von alledem bekommt Horst nur wenigmit. „Ich habe ja meine Rente, davon kann ich irgendwie leben.“Was ihn aber nervt: „Wenn man Konflikte nicht lösen kann, weil man nicht dieselbe Sprache spricht.“ Inzwischen hat Horst wieder an einem Tisch Platz genommen undnäht das Loch an einer blauen Daunenjacke. „Ich reparierehier öfter was für andere“, sagt er und gibt die Jacke kommentarlos einem etwas jüngeren Mann zurück.
Warmes Essen, Duschen und ein offenes Ohr
Etwa 35 Menschen sind an diesem Dienstagmorgen in den Obdachlosentreff unweit des Frankfurter Hauptbahnhofs gekommen. Hier gibt es für alle ein warmes Essen, eine Dusche und ein offenes Ohr für ihre Probleme. Der Tagestreff gehört zum Diakoniezentrum Weser5, das auch ein Übergangswohnheim und Beratungsangebote betreibt. „Dieser Ort ist ein Brennpunkt“, findet Horst, den manche hier „Bibel-Horst“ nennen, weil er gern aus der Bibel zitiert. „Aber ich mag die familiäre Atmosphäre.“ Im Hintergrund unterhalten sich Alte und Junge, Männer und Frauen angeregt auf Deutsch, Polnisch oder Rumänisch, andere trinken still Kaffee. Ein Paar liegt erschöpft auf einer Decke, die Arme ineinander verschränkt.
„Wir nehmen hier im Tagestreff alle so, wie sie sind“, sagt Henning Funk, Leiter der Weser5. Anders sieht es im Wohnheim aus. „Wir haben oft freie Plätze, aber ich könnte eine Stunde vor die Tür gehen und würde vermutlich niemanden finden, der dort aufgenommen werden kann.“ Dabei sieht der Sozialarbeiter die Not schon aus dem Fenster: Hier, im berüchtigten Frankfurter Bahnhofsviertel, zwischen Banken, Bordellen und Deutschlands wohl größter offener Drogenszene, humpeln Junkies über die Straße, Obdachlose halten ihre Pappbecher hoch. „Das Viertel zieht Menschen in Not an, denn hier fallen sie nicht so auf“, sagt Henning Funk. Warum kann er oft trotzdem nicht helfen?
Zum einen gibt es Betroffene, diewie Horst nicht in einer Unterkunft schlafenmöchten – aus Angst vor Übergriffen, weil Alkohol dort verboten istoder wegen psychischer Krankheiten.Diese Gruppe mache aber nur einen kleinen Teil der Wohnungslosen aus,sagt Henning Funk. „Der Hauptgrund dafür, dass wir oft nicht richtig helfen können,ist das Zwei-Klassen-System, das es inzwischen in der Wohnungslosenhilfegibt.“ Einerseits stehen Menschen mit Sozialleistungsanspruch:deutsche Staatsbürger, Ausländer, die hier mehr als ein Jahr gearbeitet haben, und in der Regel auchGeflüchtete. Auf der anderen Seite sind jene, die aus der EU, vor allem aus Osteuropa,oder aus Drittstaaten, etwa aus Nordafrika, gekommen sind und hier nicht Fuß fassen konnten.
Seit die damalige sozialdemokratische Bundesarbeitsministerin Andrea NahlesEnde 2016 das Recht auf soziale Unterstützung für Zugewanderte aus der EU massiv beschränkte, bekommt nur noch Sozialleistungen, wer ein Jahr hier gearbeitet oder fünf Jahre hier gelebt hat. An diese Leistungen wiederum knüpfen viele Kommunen nun aber auch die Unterstützung im Falle der Wohnungslosigkeit – eine umstrittene Praxis. „Eigentlich müssen die Kommunen alle Menschen angemessen unterbringen“, sagt Sabine Bösing. „Das ist menschenrechtlich wie auch ordnungsrechtlich geboten.“
Für Frauen und Familien gibt es kaum Unterkünfte
Doch die Realität sieht anders aus. Viele Städte zahlen nur ungern für die Unterbringung und erschweren die Zugänge. Offen kommuniziert wird das in der Regel nicht. In Berlin etwa dürfen zwaralle EU-Bürger:innen ohne Sozialleistungsanspruch nachts in eine Notunterkunft. Allerdings seien dieseoft voll, berichtet Friederike Wagner von der Berliner Wohnungslosenhilfe Gebewo. „Und wenn das Winternotprogramm schließt, gibt es noch viel weniger Plätze.“
Gerade für Frauen, Familien und Menschen mit besonderen Bedarfen bestehe ohnehin ein Mangel an Unterkünften. „Auch Integrationsleistungen bekommen Menschen aus der EU kaum – dabei wäre gerade das wichtig, um sie von der Straße zu holen.“ Und so sind in Berlin zwischen 6000 und 10.000 Menschen obdachlos – davon geschätzt bis zu 60 Prozent aus anderen EU-Staaten. „Eine Politik, die Wohnungslosigkeit nur symptomatisch bekämpft und an den Schwächsten spart, ist grundsätzlich falsch“, findet Friederike Wagner.
In Hamburg bekommen alle Obdachlosen für bis zu sieben Tage einen Notübernachtungsplatz, berichtet Stefanie Koch von der Diakonie. Wer anschließend aus Sicht der Stadt keinen Anspruch auf eine öffentlich-rechtliche Unterbringung habe, für den bleibe die sogenannte Wärmestube – dort gibt es Stühle, aber keine Betten. Viele Betroffene würden das Angebot meiden. Insgesamt gibt es in der Hansestadt etwa 3800 Obdachlose – doppelt so viele wie noch 2018. „Das Unterbringungssystem der Stadt ist überlastet“, sagt Stefanie Koch.
Anders ist die Situation in Köln, woes seit 2018 eine ganzjährige Unterkunft auch für Menschen ohne Sozialleistungsansprüche gibt. Von einer angeblichen Sogwirkung sei laut der Stadt „nichts zu spüren“. Und in Münchenbietetdas Projekt Schiller25 über 700 Betten für alle Menschen an – das ganze Jahr über. In Frankfurt wiederum würden wohnungslose EU-Bürger:innen ohne Sozialleistungsanspruch „zeitlich unbegrenzt in Übergangsunterkünften“ untergebracht, wie der Sprecher der grünen Sozialdezernentin auf Nachfrage bestätigt. Die Stadt betreibe etwa 100 solcher Unterkünfte, sie sind über das ganze Stadtgebiet verteilt und bieten rund 10 000 Menschen Platz – auch den Geflüchteten, die in der Mainmetropole leben.
Die Hälfte der Obdachlosen kommt aus anderen EU-Ländern
Henning Funk hingegen erlebt die Situation etwas anders: Er sagt, dass in Frankfurt alle Menschen für zehn Tage ein „Clearingbett“ bekämen – währenddessen würden ihre Ansprüche geklärt. „Anschließend werden Obdachlose ohne Sozialleistungsansprüche aus unserer täglichen Erfahrung heraus aber nur bei besonderen Härtefällen untergebracht, etwa wenn Kinder betroffen sind.“ Alle anderen würden an Notschlafstätten verwiesen – doch die sind oft voll, haben meist nur nachts geöffnet und einige werden ohnehin bloß in der kalten Jahreszeit betrieben.
Um ein zusätzliches Angebot zu schaffen, hat die Diakonie mithilfe der Stadt für diesen Winter in einer alten Kirche direkt neben dem Tagestreff Weser5 rund 40 Feldbetten aufgestellt. Dort dürfen alle übernachten – aber auch hier ist es fast immer voll. Wo alle Obdachlosen in Frankfurt eigentlich immer einen Platz finden: In der „Notübernachtung“ Eschenheimer Tor. In einer U-Bahn-Station – und zwar auf einer Isomatte.
„Zugewanderte aus der EU werden vielfach vom Hilfesystem ausgeschlossen, in einigen Städten dürfen sie nicht in adäquaten Unterkünften schlafen und ihnen bleibt nur der Erfrierungsschutz“, resümiert Sabine Bösing.Die Folge sei eine „zunehmende Verarmung und Verelendung“. Vor allem in Großstädten kämenoft mehr als 50 Prozent der Obdachlosen aus anderen EU-Ländern – obwohl ihr Anteil unter allen Wohnungslosen zuletztbei nurrund fünf Prozent lag.
Betroffene erhalten aberhäufig nurdort Hilfe, wo nicht nach einer Berechtigung oder einem Pass gefragt wird: Notschlafstätten, U-Bahnhöfe, beheizte Suppenküchen oder Tagestreffs wie die Weser5. Und hier wird es nun immer voller. Während 2019 im Schnitt täglich 143 Menschen in den Tagestreff kamen, waren es im letzten Jahr 191. Davon sind rund zwei Drittel aus anderen EU-Staaten, meist aus Rumänien und Bulgarien. Konkurrenz, etwa zwischen Deutschen und Ausländern, kann Henning Funk trotzdem nicht feststellen. „Ab kommendem Jahr zahlt uns die Stadt zum Glück auch mehr Personal.“ Dass dies keinesfalls die Regel ist, zeigt die Auswertung der BAGW, wonach bereits 17 Prozent aller Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe von Kürzungen betroffen sind.
Viele werden mit falschen Versprechen nach Deutschland gelockt
Für Sabine Bösing sind die hohen Zahlen nichtdeutscher Wohnungsloser jedenfalls„kein Zufall“, sondern Resultat struktureller Benachteiligung – neben fehlender Hilfen sei dafür auchrassistische Diskriminierung auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt verantwortlich. Solche Erfahrungen hat auch Johnny gemacht, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Nicht in dieser Situation“, sagt der Mann, der etwa Anfang 40 ist. Im Spätsommer kam er aus Rumänien nach Deutschland, weil er im Internet einen Job versprochen bekam. Also verlegte er in Frankfurt Glasfaserkabel.
Doch sein Chef habe ihn mit allem hingehalten: mit dem Arbeitsvertrag genauso wie mit dem Lohn. Also ist Johnny gegangen.Heute steht er vor der Tür der Weser5 und raucht. Er trägt eine große Sonnenbrille, weiße Schuhe und eine Jeans. Johnny sieht gepflegt aus, auf der Straße schläft er erst seit etwa einer Woche. „Aber man weiß nie, ob man am nächsten Tag aufwacht.“ Wie es weitergeht für ihn? „Ich will einen Job finden, was sonst!“
Trotz aller Probleme steht der Nutzen der EU-Osterweiterung indes kaum infrage. „Die Einwanderung aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten ist für Deutschland ein gesamtwirtschaftlicher Gewinn“, sagt Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. So lag die Beschäftigungsquote von Deutschen im Oktober 2024 bei 72 Prozent – unter hier lebenden rumänischen Staatsbürger:innen waren es 73,8 Prozent.
Deutschland profitiert also von der Freizügigkeit, aber diejenigen, die es nicht schaffen, bleiben sich selbst überlassen. Ja, mehr noch: „Oftmals müssen Migrant:innen als Sündenbock herhalten für eine verfehlte Wohnungs- und Sozialpolitik“, sagt Sabine Bösing.„Das lenkt von den wahren Problemen ab undschadet am Ende allen Menschen in Not.“
Wohnungsnot und Armut
Kurz vor der Wende gab es alleine in Westdeutschland knapp vier Millionen Sozialwohnungen, heute sind es bundesweit noch rund eine Million. Zugleich sind die Mieten und die Inflation deutlich angestiegen – wie zuletzt auch die Armutsgefährdungsquote: von 14,4 Prozent im Jahr 2023 auf 15,5 Prozent im vergangenen Jahr.
Zwar lag die Quote laut Statistischem Bundesamt im Coronajahr 2020 sogar bei 16,1 Prozent, doch für den Paritätischen Wohlfahrtsverband ist das kein Grund zur Entwarnung, wie dessen Hauptgeschäftsführer Joachim Rock erklärt: „Die Armut hat sich immer weiter verschärft. Kaufkraftbereinigt haben die Armen wegen der hohen Inflation im Schnitt weniger Geld zur Verfügung als 2020.“