Nukleare Abschreckung: Wird Frankreich Deutschlands neue Schutzmacht?
Am Morgen des russischen Überfalls auf die Ukraine sagte Wladimir Putin einen Satz, der in die Geschichte der atomaren Abschreckung eingegangen ist: „Wer immer sich uns in den Weg stellt . . . muss wissen, dass Russland ohne Zögern antworten wird und dass es Folgen geben wird, wie ihr sie in eurer ganzen Geschichte nicht gesehen habt.“
Es war eine Drohung mit der Bombe – und sie war erfolgreich. Russland führt seither einen Vernichtungskrieg gegen ein Nachbarvolk, und kein anderes Land wagt, ihm mit allen Mitteln in den Arm zu fallen. Abschreckung wirkt.
Bis unlängst dachte man das auch in Deutschland. Man hatte den Atomschirm der Amerikaner und war sich sicher: So etwas trifft die Ukraine, aber nicht uns. Jetzt aber ist Trump Präsident, und ein Gedanke, der undenkbar schien, sieht plötzlich aus wie nüchterne Analyse: Der Schutz ist fort. Wir könnten die Nächsten sein.
Also spricht Bundeskanzler Friedrich Merz mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron über gemeinsame Abschreckung. Das Problem: Frankreich ist heute zwar Atommacht, aber nicht Schutzmacht. Über Jahrzehnte hat es nur für die eigenen „vitalen Interessen“ geplant. Noch zu Zeiten Präsident François Mitterrands waren die eng definiert: „Territorium, Bevölkerung, Souveränität.“
Der Schutz von Verbündeten galt als illusorisch. In Frankreich hieß es, kein Land könne glaubwürdig versprechen, dass es Verbündete auch dann verteidigen werde, wenn Folgen drohten, wie es sie „in seiner ganzen Geschichte nicht gesehen“ hat.
Macron hat das verändert. Schon im Jahr 2020, unter dem Eindruck von Trumps erster Amtszeit, verkündete er: „Die Existenz und die Freiheit unserer Nachbarn gelten mehr und mehr als ein vitales Interesse Frankreichs.“ Es war eine Einladung an Berlin zum Dialog über gemeinsame Abschreckung, die allerdings von zwei aufeinander folgenden Kanzlern – Angela Merkel und Olaf Scholz – ignoriert wurde.
Unterschiedliche Vorstellungen
Merz dagegen hat sie angenommen. Schon in seinem ersten Zeitungsinterview nach dem Wahlsieg vom Februar 2025 sagte er der F.A.S., Frankreich und Deutschland sollten „über dieses Thema gemeinsam nachdenken“. Seither wird gesprochen. Die außenpolitischen Chefberater Emmanuel Bonne und Günter Sautter stehen in Kontakt, Macron will am 2. März eine Grundsatzrede über Abschreckung halten, und jetzt schon hört er sich an, was Berlin dazu meint.
Noch ist alles im Fluss, aber es sieht so aus, als würde er sein Angebot der Zusammenarbeit konkretisieren – an Deutschland und in abgestufter Form auch an Polen, Schweden und andere Partner.
Es wird nicht leicht, denn Deutschland und Frankreich haben seit dem Kalten Krieg sehr unterschiedliche Vorstellungen von atomarer Abschreckung. Westdeutschland war damals als Frontstaat direkt von einem Angriff sowjetischer Panzerdivisionen bedroht. Der Feind war zahlenmäßig haushoch überlegen, und nach damaliger Lehre konnte er von einer Invasion nur durch die Drohung mit atomarer Gegenwehr abgeschreckt werden.
Die sollte von Amerika geleistet werden, aber hier gab es eine offene Frage: Würden die USA für die Bundesrepublik einen Atomkrieg riskieren? War die Drohung überhaupt glaubhaft, dass sie notfalls „Boston für Bonn“ opfern würden?

Die Lösung war die Stationierung relativ „kleiner“ Atombomben in Europa: groß genug, um einen Panzerkeil zu stoppen, aber dann wieder zu klein, als dass Russland durch überharte Vergeltung Moskau riskieren würde. Um Bonn beim Einsatz dieser Waffen ein Mitspracherecht zu geben, wurde ein Zweischlüsselsystem erdacht: Erst lässt der Präsident der USA die Bomben scharf machen, dann gibt der Bundeskanzler die deutschen Flugzeuge frei, die sie ins Ziel tragen.
Das System existiert bis heute und heißt „nukleare Teilhabe“. Ähnliche Abmachungen hat Amerika auch mit anderen NATO-Partnern. Deutsche Tornados sind dabei für den Einsatz amerikanischer B-61-Bomben vorgesehen. Deren Wirkung ist auf den begrenzten Atomkrieg zugeschnitten: Sie reicht von einem kleinen Bruchteil der Hiroshima-Bombe bis zu einem Vielfachen ihrer Kraft.
Frankreichs Atommacht dagegen soll erst losschlagen, wenn es fürs eigene Land wirklich „vital“ wird. Dann aber soll der Schlag so vernichtend sein, dass dem Gegner „inakzeptabler Schaden“ entsteht: Sankt Petersburg für Lyon, Moskau für Paris. Und weil dieses Konzept kaum Abstufungen kennt, hat Frankreich auch keine „kleinen“ Atomwaffen. Seine Sprengköpfe beginnen bei 100 Kilotonnen, dem Siebenfachen der Hiroshima-Bombe.
Macron will kein Zweischlüsselsystem
Weil Atomstreitkräfte sehr teuer sind, ist Frankreichs Arsenal außerdem nach dem Prinzip der „Suffisance“ auf das absolute Minimum beschränkt: zwei Staffeln Atombomber vom Typ Rafale und vier Atom-U-Boote, von denen wegen Übungen und Instandhaltung fast immer nur eines im Einsatz ist. Theoretisch können auch die Maschinen auf dem Flugzeugträger Charles de Gaulle nuklear eingesetzt werden.
Über den Einsatz entscheidet der Präsident allein. Ein Zweischlüsselsystem gibt es nicht, und Macron hat klargemacht, dass er so etwas bei aller Bereitschaft zur Kooperation auch niemals anbieten würde. Frankreich ist so erpicht auf seine nukleare Unabhängigkeit, dass es bis heute nicht einmal an den Beratungen der „nuklearen Planungsgruppe“ der NATO teilnimmt. Hier klafft zwischen den Konzepten Deutschlands und Frankreichs bis heute eine Lücke.

Sie klafft aber auch beim Material. Russland hat knapp 2900 Atombomben aller Größenordnungen einsatzfähig oder auf Lager. So viele, dass es sie auf mehreren Schauplätzen zugleich bereithalten kann und dass es einen Teil zur Unterstützung von Angriffen verwenden könnte, ohne dass dann gleich ein Loch der Abschreckung gähnt.
Frankreich dagegen besitzt gerade 290. Jede Bombe, die es für andere Nationen bereitstellen könnte, würde beim Schutz der „vitalen Interessen“ fehlen. Und wenn dann doch eine eingesetzt werden sollte, wäre sie so stark, dass ein vernichtender russischer Gegenschlag unvermeidlich wäre, weil Russland etwa durch seine Atom-U-Boote immer noch zurückschlagen könnte. Die Drohung mit einem französischen Atomeinsatz zum Schutz von Verbündeten wäre damit unglaubwürdig.
Zahlreiche Probleme – viele sind lösbar
Um sie glaubwürdig zu machen, müsste Frankreich mehr Atomwaffen, mehr Flugzeuge und mehr Atom-U-Boote haben, und es müsste neben seinen überstarken Waffen auch kleinere „taktische“ Bomben anschaffen. Das jedoch kostet Geld.
Theoretisch könnte das von Verbündeten wie Deutschland kommen, aber hier steht die reine Lehre im Weg. Héloïse Fayet vom „Institut français des relations internationales“ hat der F.A.S. erklärt, warum: „Unabhängige Finanzierung ist ein integraler Bestandteil unserer Souveränität als Atommacht“, sagt sie.
Außerdem dürfe gemeinsame Abschreckung nie bloß „transaktional“ begründet werden, also mit kurzfristigen finanziellen Vorteilen. Sie müsse auf geteilten Grundwerten beruhen, sonst werde sie keinen Gegner beeindrucken. „Das Beispiel Amerika zeigt, dass Transaktionalismus die Glaubwürdigkeit von Abschreckung vermindert“.
Viele dieser Probleme sind lösbar. So hat zum Beispiel Frankreich sein Beharren auf strikter nuklearer Autonomie teilweise relativiert, als es mit Großbritannien, der zweiten Atommacht auf dem Kontinent, im „Northwood-Abkommen“ von 2025 erste Elemente nuklearer Zusammenarbeit verabredete. „Northwood“ enthält ein Bekenntnis zu gemeinsamer Verantwortung für die Sicherheit Europas und sieht außerdem eine „gemeinsame nukleare Lenkungsgruppe“ vor.

Das ist wichtig für die Zukunft der europäischen Abschreckung, denn anders als Frankreich ist Großbritannien heute schon bei der Nuklearen Planungsgruppe der NATO mit dabei, also dort, wo die Atomstrategie des Bündnisses im Detail koordiniert wird. Indem London sich jetzt auch mit Paris verbindet, wird die französische Atommacht indirekt mit eingebunden.
Das ist auch wegen der Signalwirkung nach Moskau wichtig, denn bisher konnte Russland Frankreichs Beharren auf getrennter Planung als Zeichen dafür deuten, dass Macrons neue Töne über den Schutz Europas bloße Lippenbekenntnisse sein könnten. Héloïse Fayet stellt fest, das habe sich durch „Northwood“ zumindest graduell geändert. „In einem nuklearen Kontext entsteht aus solchen Erklärungen Abschreckung“, sagt sie.
Auch zwischen Deutschland und Frankreich könnte eine ähnlich zugeschnittene nukleare Lenkungsgruppe ein erster Schritt sein. Merz will zwar mehr.
Im Podcast „Machtwechsel“ hat er unlängst die „denktheoretische“ Möglichkeit eröffnet, dass mit Paris und London eines Tages eine Zusammenarbeit wie mit Washington entstehen könnte: Deutschland stellt die Flugzeuge, der nukleare Partner die Bomben. Allerdings glaubt der Kanzler wohl nicht, dass Macron gleich volle atomare Teilhabe anbieten wird, wenn er am 2. März seine Rede hält.
Erste Schritte muss es noch in diesem Jahr geben
Auf der Ebene darunter aber ist man sich mit Paris über vier Dinge schon einig. Erstens: Wie die Amerikaner sollen auch die Franzosen in einer künftigen Regelung das letzte Entscheidungsrecht behalten. Zweitens: Nukleare Kooperation in Europa soll die Teilhabe mit Amerika nicht ersetzen, sondern ergänzen. Schon um Putin nicht zu Übergriffen zu ermutigen, will man kein mangelndes Vertrauen zu Amerika signalisieren. Drittens: Deutschland wird nicht selbst nach der Bombe streben. Und schließlich viertens: Es dürfen in Europa keine Zonen unterschiedlicher Sicherheit entstehen.
Wohin genau der Weg am Ende führen wird, ist noch nicht klar, aber für Merz ist wichtig, dass es noch in diesem Jahr erste Schritte gibt. Macrons Amtszeit endet im April 2027. Niemand weiß, ob sein Nachfolger nicht ein Nationalist sein wird, und man will die Zeit nutzen.
Für diese „ersten Schritte“ gibt es mehrere Vorschläge. Macron könnte zum Beispiel erklären, dass die Beistandsklausel des deutsch-französischen Vertrags von Aachen auch eine nukleare Dimension hat. Weil es bei Abschreckung nicht nur auf die Mittel ankommt, sondern auch auf die sichtbare Entschlossenheit, wäre das ein wichtiger Akt des „nuclear signalling“ an Moskau.
In einem weiteren Schritt könnte Frankreich Deutschland auch einladen, an den Übungen seiner Atombomber mit konventionellen Mitteln teilzunehmen. Die Bundeswehr könnte dann zum Beispiel Tankflugzeuge oder Aufklärung beisteuern.

Mittelfristig könnte nukleare Zusammenarbeit dann durch eine insgesamt stärkere konventionelle Verteidigung vorbereitet werden. Konventionell und nuklear gehören zusammen, denn je stärker die NATO-Truppen in Estland oder Finnland sind, desto weniger kann Putin hoffen, dass er es dort genauso machen könnte wie mit der Ukraine: erst einmarschieren und dann die eroberten Gebiete durch nukleare Drohungen schützen.
Damit erhöht konventionelle Stärke die Schwelle zum Atomeinsatz. Aus Pariser Sicht könnte der Beitrag Deutschlands und anderer Verbündeter zu einem französischen Atomschirm deshalb in mehr Soldaten, Panzern und Drohnen bestehen. In so einer Arbeitsteilung könnte Frankreich dann auch mehr Geld für ein tauglicheres Atomarsenal ausgeben. All das ist noch nicht ausdiskutiert, erscheint aber auch aus Berliner Sicht nicht unplausibel.
Allerdings müssten auch Franzosen mit konventionellen Streitkräften in den Osten. Fayet erinnert daran, dass die USA ihre Garantie für Europa immer durch die physische Präsenz großer Truppenteile untermauert haben. Flughäfen und Marinestützpunkte wie Ramstein und Neapel waren Pfänder der Bündnistreue. „Wir sehen das als Vorbild“, sagt sie. „Heute schon gibt es französische Truppen an der Ostflanke, und ihre Anwesenheit verkörpert die französische nukleare Abschreckung. Wir brauchen mehr davon.“
Die lange Sicht und die Zwischenschritte
Auf lange Sicht, und falls in Deutschland oder Frankreich nicht die Freunde Russlands von rechts oder links an die Macht kommen, könnte es dann schrittweise in die Richtung gehen, die Merz angedeutet hat: einer „Teilhabe“ wie mit den USA. Dann könnten theoretisch deutsche Flugzeuge mit deutschen Piloten von einem deutschen Fliegerhorst aus französische Bomben ins Ziel tragen.
Das wäre die Maximallösung. Deutsche und französische Fachleute denken aber längst auch über Zwischenschritte nach. Frankreich könnte zum Beispiel erst einmal nur Bomben auf dem Territorium seiner Verbündeten lagern und die Flugzeuge erst im Krisenfall nachführen. Oder umgekehrt.
Fayet meint, in einer nächsten Stufe könnte Paris dann sowohl Flugzeuge als auch Bomben an die Ostflanke stellen, aber anders als beim „amerikanischen“ System mit eigenen Piloten anstatt mit deutschen, polnischen oder finnischen. Das könnte mit kurzen Übungen beginnen und in permanente Präsenz münden.
Anders herum könnte auch eine Atombomberstaffel in Frankreich durch Piloten aus Partnerländern „europäisiert“ werden. Solche Signale könnten Putin klarmachen, dass NATO-Länder sich auch dann nuklear verteidigen werden, wenn Amerika wackelt.
Vielleicht wird am Ende dann tatsächlich etwas stehen, das der Teilhabe mit Amerika gleicht. Fayet schließt nicht aus, dass so etwas am Ende eines „sehr langen Pfades“ möglich wäre, und auch in einem neulich erschienenen Papier der „European Nuclear Study Group“ heißt es, eines Tages könnte „das existierende Modell der nuklearen Teilhabe gespiegelt“ werden.
Vieles kann noch schiefgehen, und vielleicht geschieht das gerade jetzt. Deutsche und Franzosen streiten sich über das multinationale Flugzeugprojekt FCAS, das eigentlich dafür gedacht war, eines Tages der gemeinsame, hypermoderne Träger atomarer Waffen zu sein.
Eitelkeiten und Standortinteressen prallen aufeinander, und Merz hat das Vorhaben jetzt vollends infrage gestellt. Deutschland, sagt er, könne notfalls auch mit anderen Ländern zusammenarbeiten. Schäden für die nuklearen Pläne mit Frankreich scheint er nicht zu befürchten.
In Paris sieht man das anders: Das gemeinsame Flugzeug gilt hier nicht als bloßes technisches Detail. Es gilt als Ausdruck der strategischen Grundentscheidung für gemeinsame atomare Verteidigung, und aus Pariser Sicht muss Deutschland jetzt aufpassen, dass es nicht falsche Zeichen nach Frankreich schickt – und übrigens auch keine nach Moskau, wo Putin nur darauf wartet, dass die Einheit des Westens noch mehr zerbröselt. Am Ende kommt es eben auch hier nicht nur auf Waffen an, sondern auch auf die Entschlossenheit, die dahintersteht. Auf das „nuclear signalling“ eben.
Source: faz.net