NS-Raubkunst: Skandal? Welcher Skandal?

Man habe „wilde Monate hinter sich“, zusammenfassend aber, so könne er sagen, sei das Gros der Vorwürfe gegenüber den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und deren Umgang mit der Restitution von NS-Raubgut „tatsächlich haltlos“. Soweit Markus Blume, Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, der am Mittwoch dem Ausschuss für Wissenschaft und Kunst im Bayerischen Landtag einen vorläufigen Abschlussbericht vorlegte. Er habe mit vielen „Stakeholdern“ den Dialog gesucht, darunter auch Vertretern der Jewish Claims Conference, um sich ein Bild der Lage zu machen. Eine Staatsanwältin habe die interne Organisation der Staatsgemäldesammlungen untersucht, strafrechtlich relevante Vergehen seien dabei nicht an den Tag gekommen. Im Frühjahr klang das noch anders, da musste der Generaldirektor des Hauses, Bernhard Maaz, seinen Posten räumen (F.A.Z. vom 2. April).

Er wurde durch den früheren Münchner Kulturreferenten Anton Biebl ersetzt, der als sogenannter Change Manager für die Museumsoffensive ins Ministerium geholt worden war. Biebl hat laut Blume die Aufgabe, „das Schiff wieder flottzubekommen“, dem Haus nach einer „Phase der Zerrüttung“ einen Neuanfang zu ermöglichen. Dazu hat sich der Minister auch jede Menge externe Expertise ans Haus geholt. Eine „Reformkommission zur strukturellen Neuausrichtung der staatlichen Museen in Bayern“ hat unter Vorsitz von Rolf Nonnenmacher und Markus Michalke die Arbeit aufgenommen, die Leitung eines runden Tisches hat Andreas Wirsching, bis vor Kurzem Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, übernommen. Ergebnisse werden von beiden Gremien frühestens Mitte 2026 erwartet. Am 1. Dezember wird zudem auf Bundesebene das Schiedsgericht NS-Raubkunst die Arbeit aufnehmen, Nachfolgeorgan der Beratenden Kommission. Blume hat dessen Einrichtung euphorisch begrüßt.

Gewachsene Routinen

Im Landtag blieb der Minister bei der Linie seines im Juli vorgelegten Zwischenberichts. „Pauschale Pressevorwürfe“ hätten sich „nicht bestätigt“, es habe „kein grundsätzliches Versagen“ gegeben. Der Vorwurf, Besucherinnen seien vom Aufsichtspersonal sexuell belästigt worden, sei indes „leider zutreffend“. Von dem externen Unternehmen habe man sich längst getrennt. Vorwürfe, Kunstwerke seien unsachgemäß gelagert oder gar entwendet worden, wies Blume ebenso zurück wie den Verdacht von Schwarzarbeit und laxen Sicherheitsbestimmungen. Allerdings seien regelmäßige Inventuren unterblieben.

Die Kunsthistorikerin Meike Hopp, Vorständin des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste, steht einer Kommission vor, welche die Restitutionspraxis der Staatsgemäldesammlung untersucht hat. Ihre Bilanz: Die Münchner Provenienzforschung sei wissenschaftlich solide, allerdings hätten wie an anderen deutschen Institutionen auch „gewachsene Routinen“ zu „nicht konsistenten Verfahren“ geführt. Sie empfiehlt die Einführung verbindlicher Leitlinien, transparenter Verfahren, eines standardisierten Ampelsystems und wertschätzender Kommunikation. Hopp schlägt einen wissenschaftlichen Fachbeirat vor, dann könne Bayern sogar eine Vorreiterrolle übernehmen.

Fünf neue Stellen – und mehr Geld

Aktuell gibt es im Sammlungsbestand 82 rot und 446 orangefarben markierte Werke, wobei rot für die höchste Stufe von Verdachtsmoment steht, dass es sich um Raubkunst handelt. Zudem existiere für 3000 Werke, die nach 1945 ans Haus gekommen seien, bislang nur eine „kursorische Ersteinschätzung“. Fünf neue Stellen sollen die Restitutionsverfahren beschleunigen, den bislang genehmigten Sondermitteln von einer Million Euro sollen weitere vier Millionen folgen. Die Museumsoffensive, mittels derer Blume die achtzehn staatlichen Museen „aus dem Behördendasein herausführen“ möchte, komme voran. Biebl berichtete vom Umbau zu einem modern geführten Unternehmen inklusive Verhaltenskodex und Sensibilisierungsschulung. Man bereite sich auch auf Szenarien wie einen Amoklauf und den Evakuierungsfall vor. Am Ende soll eine neue Dachmarke entstehen, konkrete Ergebnisse will Biebl 2026 verkünden.

Die anschließende Debatte verlief in gemäßigten Bahnen, Einigkeit besteht in der Auffassung, dass das Thema nicht so schnell verschwinden werde. Und mancher Steuerzahler mag sich fragen, was die vielen externen Experten und Kommissionen kosten? Und warum, wenn doch alles gar nicht so schlimm war, der Generaldirektor – dessen Name in der zweistündigen Sitzung kein einziges Mal erwähnt wurde – bei gleichen Bezügen ans Zentralinstitut für Kunstgeschichte versetzt wurde?

Source: faz.net