NS-FLüchtlinge: So wurde jener Nordwesten Londons zu einem deutschen Viertel

Manchmal beginnt Geschichte nicht im Archiv, sondern in einer Randnotiz. Bei mir war es ein Zeitungsartikel im „Tagesspiegel“ Mitte der Neunzigerjahre, der von einem besonderen Ort in London berichtete: einem deutschsprachigen Club, gegründet während des Zweiten Weltkriegs. Wenig später stand ich in Belsize Park vor einer Synagoge, die man auf keiner touristischen Karte findet. Kein Schild, keine Gedenkplakette, nichts. Und doch war dies über Jahrzehnte für viele ein Mittelpunkt ihres Lebens gewesen. Das Objekt meiner Neugier sollte sich schließlich zu einer Dissertation auswachsen. Aber bevor es Forschungsgegenstand wurde, war der Club 43 vor allem eines: ein Zufluchtsort.
Gegründet im Jahre 1943 von Menschen, die nach Großbritannien geflohen waren – Schriftsteller, Ärzte, Juristen, Künstler, Akademiker –, war der Club ein provisorisches Zuhause inmitten der Unsicherheit. Viele hatten ihre berufliche Existenz verloren, manche ihre Familien. Großbritannien bot Schutz, aber keinen einfachen. Das Misstrauen gegenüber Flüchtlingen war groß, Internierungen waren keine Randerscheinung, sondern Realität. Und doch entstand mitten im Krieg ein Raum, der sich der Kultur verschrieb, nicht dem Überleben.
Goethe, Thomas Mann und der ganz banale Alltag
Man traf sich nicht zum Klagen, sondern zum Denken, für Vorträge, Debatten, Konzerte: Goethe, Thomas Mann, europäische Geschichte, Musik, Politik und der ganz banale Alltag. Man vermittelte Stellen, half bei der Selbständigkeit, beriet einander im Dickicht britischer Bürokratie. So wurde der Nordwesten Londons, besonders Hampstead, zu einem deutschen Viertel, ohne jemals offiziell eines zu sein.
Der Club verstand sich nicht als politisches Labor, sondern als stilles Kontinuum. Gerade dadurch wurde er für seine Mitglieder zum Bezugspunkt, zu einer selbstverständlichen Erweiterung des eigenen Lebens. Wer den Club betrat, musste nichts erklären: nicht woher er kam, nicht was er verloren hatte. Das Schweigen war dabei ebenso bedeutend wie das Gesagte. Über Verfolgung, Flucht und Verlust wurde selten gesprochen. Die Wunden waren präsent, aber diskret.
Entwurzelung, Entrechtung, der Verlust von Identität
Erst später, in den Interviews, drängte sich das Unausgesprochene vor: Geschichten von Entwurzelung, Entrechtung, dem Verlust von Identität und Besitz. Alles war weg – Heimat, Sprache, Familienangehörige. Und doch war der Club das Gegenteil eines dunklen Raums der Erinnerung: Er war ein Ort der Ordnung, der Wiedergewinnung von Normalität. Man war nicht Flüchtling, sondern Gesprächspartner, Kollege, Freund. Die Mitglieder passten sich an die Stadt an und die Stadt an sie. London, sagte der letzte Präsident Hans Seelig, sei eine Stadt der Zurückhaltung. Nicht auffallen, nicht anders sein als nötig.
Ein Mitglied formulierte es später knapper: „You did not want to be different.“ Anpassung war eine Überlebensstrategie – und schuf gleichzeitig Zugehörigkeit. Der Club 43 war nicht allein. Es gab den Kulturbund, das Austrian Centre, die Wiener Library, den deutschen PEN-Club – und die Cafés, die immer Treffpunkte waren, auch wenn sie nie so genannt wurden. Doch der Club 43 hielt Abstand von politischen Programmen.
Hier war Kultur keine Mission, sondern eine Haltung. Die interne Zeitschrift „In Tyrannos“ zeugte davon, ebenso die Vorträge, die Diskussionen. Das Politische war präsent, aber nicht als Parole. Nach dem Krieg verschoben sich die Koordinaten. Manche kehrten zurück nach Deutschland, andere blieben und wurden britische Staatsbürger. Der Club wurde zum Ort der Erinnerung und Weitergabe. Kinder und Enkel kamen, ohne selbst Flüchtlinge gewesen zu sein. Mit den Jahren wurden die Reihen lichter.
Als Hans Seelig 2009 starb, dauerte es nur noch zwei Jahre. Das Ende kam leise, ohne Bruch, ohne große Abschiedsfeier, wie es sich für diesen Ort gehörte. Was bleibt von einem solchen Raum, der nie laut war? Keine Gedenktafel, kein Museum. Geblieben ist eine Haltung: dass Zugehörigkeit nicht schrill auftreten muss, dass Integration nicht zwangsläufig sichtbar wird und dass Geschichte auch dort weiterlebt, wo sie nicht ständig erzählt wird. In einer Gegenwart, die Identität gern über Abgrenzung und Lautstärke verhandelt, wirkt diese Form der Zugehörigkeit beinahe anachronistisch.
Vielleicht ist gerade dies die Lehre des Club 43: dass Heimat auch dort entstehen kann, wo die Brüche bleiben. Und dass Orte, an denen man nicht auffallen wollte, manchmal die bedeutendsten sind. Vielleicht sollte man ihm doch ein Denkmal setzen – nicht um ihn zu verklären, sondern um nicht zu vergessen, was er möglich machte.
Source: faz.net