NRW zahlt 3,25 Millionen Euro für jedes Beuys’ frühe Geheimnisse
Die Erben des Künstlers Joseph Beuys blockierten seit Jahrzehnten die Publikation von dessen umfangreichen Bestand im Museum Moyland. Doch ob mit der Millionenzahlung auch die alte Beuys-Euphorie zurückkehrt, bleibt fraglich.
Wer hätte gedacht, dass die hagere Gestalt aus der Galerie der deutschen Nachkriegskunst noch einmal für öffentliches, gar für politisches Aufsehen sorgen würde: Joseph Beuys. Sein verblassender Ruhm schien so unaufhaltsam wie der Hut auf dem Künstlerkopf unverzichtbar. Geht es doch seit seinem Tod im inzwischen fernen Jahr 1986 nur noch um Dekonstruktionen des einstigen Mythos. Und die Werkreste, die da und dort noch in den Museen aufbewahrt werden, sind den Nachgeborenen kaum mehr verständlich zu machen.
Wer von der Ergriffenheit erzählen wollte, die die Menschen einst befiel, als sie dem Meister 1964 zusahen, wie er die Winkel eines Bretterverschlags mit Margarine ausstopfte und auf eine mit Schokoladentafeln beklebte Wand „Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet“ schrieb, der würde als gutmütiger Märchenonkel belächelt. Und fast zum Lächeln ist es auch, mit welcher plötzlichen Entschlusskraft die nordrhein-westfälische Kulturpolitik die Akte Beuys noch einmal aus dem Archiv holt.
Es geht um Joseph Beuys’ Frühwerk. Um da gab es Streit. Der war so heftig, dass sich sogar Bundesgerichte um ihn bemühen mussten. Alles fing mit der Freundschaft der Brüder Hans und Franz Joseph van der Grinten an, die in den 1950er- und frühen 1960er-Jahren zu den großen und ewig treuen Promotoren des jungen Künstlers wurden. Als durchaus kritische Animatoren begleiteten sie Beuys’ Suche zwischen Mystik, kulturgeschichtlicher Erinnerung und Anthroposophie. Zugleich gehörten sie jahrelang zu den verlässlichsten Sammlern, die Tausende von Zeichnungen, Objektstücken und Performance-Relikten zusammentrugen und sie in dem seinerzeit verfallenen Schloss Moyland am Niederrhein deponierten.
Mit der Zeit wurde die Kollektion so opulent und für den rasch wachsenden Ruhm des Künstlers so bedeutsam, dass Moyland zum Museum und Hans van der Grinten, der ältere der beiden Brüder, zum ersten Direktor wurde. Ein Pilgerort der weltweiten Beuys-Gemeinde – zumal nach der kostspieligen Renovierung der idyllisch gelegenen Schlossanlage.
Nach dem Tod des Künstlers 1986 sind die Dinge freilich schwieriger geworden. Die Witwe Eva Beuys und ihre beiden Kinder gehen mit den Nutzungsrechten am Nachlass äußerst restriktiv um, und bis heute sind große Teile des Moyland-Bestands unausgestellt und unpubliziert geblieben. Zwar gab es immer wieder Versuche, den „Beuys-Estate“ zur Kooperation zu bewegen und für die immer seltener werdenden Beuys-Gedächtnis-Ausstellungen auf Moyland-Dokumente zurückzugreifen, aber sie blieben bis dato alle ergebnislos.
Erst jetzt scheint es der NRW-Kultur- und Wissenschaftsministerin Ina Brandes gelungen zu sein, die Beuys-Familie vom immerwährenden öffentlichen Interesse am heiligen Jupp zu überzeugen. Nach einem langen Gespräch am langen Tisch, an dem wir auch schon mal saßen und uns vom Meister bei einem Becher Kaffee-Aufguss das Geheimnis der Fettecke erklären haben lassen, soll Frau Eva zugestimmt haben.
Die Erben bekommen vom Land einmalig 3,25 Millionen Euro und das Museum das Recht, rund 6000 frühe Beuys-Werke, 50.000 Aktionsfotografien und rund 250.000 Archiv-Dokumente zu publizieren. Die Moyland-Direktorin Antje-Britt Mählmann plant zunächst einen Online-Katalog, mit dem das bis heute unbekannte Frühwerk zugänglich gemacht werden soll. Auch eine Beuys-Retrospektive in den Hamburger Deichtorhallen ist für Herbst 2027 in Planung, in der der Moyland-Bestand zum ersten Mal im großen Werkzusammenhang gezeigt werden soll.
Dass die alte Beuys-Stimmung wiederkehrt, ist gleichwohl kaum zu befürchten. Zu fern ist das verrätselte Werk, zu abgesunken in der vordigitalen Welt. Aber man kann sich nun mit leisem Kopfwiegen noch einmal im Kreis jener fühlen, die dem Fett-Stuckateur zusahen, wie er „Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet“ an die Wand schrieb. Es gibt vom ehrwürdigen Anlass nur noch ein paar Fotos. Dass sie überhaupt mal publiziert wurden, ließ sich nur mit Gerichtsbeschluss durchsetzen. Aber das soll ja nun alles anders werden. Beuys’ Zukunft steht erst noch bevor.
Source: welt.de