Notenbank leidet: Noch ein Milliardenverlust zu Gunsten von die EZB

Die Europäische Zentralbank hat im zurückliegenden Geschäftsjahr abermals einen Milliardenverlust hinnehmen müssen. Der Fehlbetrag fällt aber geringer aus als im Vorjahr. Das hat die Notenbank am Donnerstag mit der Vorlage des Jahresabschlusses berichtet. Der Verlust für 2025 beziffert sich demnach auf 1,254 Milliarden Euro, nach 7,944 Milliarden Euro im Vorjahr. Nachdem die Notenbank ihre Rücklagen schon für frühere Verluste aufgebraucht hat, will sie die Lasten des Fehlbetrags wie im Vorjahr als Verlustvortrag in die Zukunft verschieben und mit künftigen Gewinnen verrechnen. Eine Ausschüttung an die nationalen Notenbanken wird es in diesem Jahr abermals nicht geben.
Die Notenbank ist zuversichtlich, abhängig von der weiteren Entwicklung entweder im laufenden Geschäftsjahr oder im Jahr danach wieder schwarze Zahlen zu schreiben. Eine Gewinnausschüttung dürfte es aber vermutlich so schnell trotzdem nicht wieder geben, da aus künftigen Gewinnen zunächst die Verluste der Vergangenheit ausgeglichen werden müssen und danach wohl wieder erstmal Reserven aufgebaut werden sollen. Im einzelnen muss über die Verwendung möglicher künftiger Gewinne aber der EZB-Rat entscheiden. Der Verlustvortrag für die kommenden Jahre, also der akkumulierte Fehlbetrag aus den Jahren 2023, 2024 und 2025, beläuft sich mittlerweile auf 10,5 Milliarden Euro.
Zinsen sind mittlerweile wieder gesunken
Die gewaltigen Verluste vieler Notenbanken entstehen dadurch, dass sich nach den billionenschweren Anleihekäufen des Eurosystems nun auf der Aktivseite der Notenbankbilanzen – dort stehen die Vermögenswerte – große Mengen von Anleihen befinden, deren niedrige Zinsen für lange Zeit festgeschrieben sind. Auf der Passivseite dagegen – dort stehen die Verbindlichkeiten – finden sich unter anderem Einlagen der Geschäftsbanken, für die höhere Zinsen als früher gezahlt werden müssen. Das sorgt für Verluste.
Für die EZB allerdings gibt es nun die Besonderheit, dass sie einen großen Teil der Anleihen nicht selbst gekauft hat, sondern über die nationalen Notenbanken des Eurosystems wie die Deutsche Bundesbank. Das hat zur Folge, dass bei ihr die Verbindlichkeiten aus dem europäischen Zahlungssystem Target (früher: Target 2) jetzt einen Problemposten darstellen, hinter dem aber ganz ähnliche Entwicklungen stecken wie hinter den Verlusten der anderen Notenbanken auch. Dort hat die EZB hohe Verbindlichkeiten, die verzinst werden müssen.
Diese Verbindlichkeiten aus dem Target-System haben etwas mit den Anleihekäufen des Eurosystems in der Vergangenheit zu tun. Und damit, dass Geschäftsbanken aus aller Welt zwar bei den nationalen Notenbanken des Eurosystems Konten halten, nicht aber bei der EZB selbst. Wenn also in den vergangenen Jahren die EZB eine Bundesanleihe von einer amerikanischen Geschäftsbank gekauft hat, so erfolgte die Zahlung dafür zum Beispiel über ein Konto bei der Bundesbank. Die Anleihe fand sich danach in den Büchern der EZB wieder. Die Finanzierung des Kaufs aber lief über die jeweilige nationale Notenbank. Gleichsam als Ausgleichsposten zwischen beiden Zentralbanken wirkte das Target-System; die EZB hatte anschließend eine Verbindlichkeit aus dem Target-System gegenüber der nationalen Notenbank in den Büchern, für die sie Zinsen aufzuwenden hatte.
Mit der Zinswende 2022 hin zusteigenden Zinsen ergab sich die Schwierigkeit, dass die EZB immer höhere Zinsen für ihre Verbindlichkeiten zahlen musste, während die Zinseinnahmen aus den Vermögenswerten wie Anleihen zu großen Teilen festgeschrieben waren. Die gekauften Anleihen hatten eine lange Laufzeit und einen festen Kupon und waren ganz überwiegend in der Niedrigzinszeit erworben worden. Das sorgte zunächst für immer höhere Verluste.
Mit der abermaligen Zinswende im Sommer 2024 hat sich aber diese Tendenz umgedreht. Die EZB muss tendenziell geringere Zinsen auf ihre Verbindlichkeiten zahlen und zudem sinken die Bestände an Anleihen, weil auslaufende Papiere nicht durch neue ersetzt werden. Das schrumpft die Bilanz insgesamt.
Hinzu kam eine technische Änderung speziell für die Verbindlichkeiten aus dem Targetsystem, die sich in diesem Fall positiv auf die Zinskosten der EZB auswirkte: Früher wurden diese Verbindlichkeit in Anlehnung an den Hauptrefinanzierungssatz der Notenbank verzinst, inzwischen ist das umgestellt worden auf den Einlagensatz, der nun der wichtigste EZB-Leitzins ist. Er liegt etwas niedriger und beläuft sich derzeit auf 2,0 Prozent, während der Hauptrefinanzierungssatz 2,15 Prozent beträgt. Das alles erklärt, dass die Notenbank weiterhin Verluste erwirtschaftet – dass deren Größenordnung jedoch abnimmt.
Dem Gold sei Dank: Nettoeigenkapital der EZB legt zu
Die EZB hebt hervor, sie könne ungeachtet der Verluste weiter effektiv arbeiten und ihr Mandat der Wahrung der Preisstabilität erfüllen. Es sei Aufgabe einer Notenbank, Geldpolitik zu betreiben, nicht Gewinne zu erwirtschaften. Die EZB hebt hervor, ihre finanzielle Solidität werde unterstrichen durch ihr Eigenkapital sowie spezielle Buchungsposten für Neubewertungen. Vor den Verlusten in den Jahren 2023 bis 2025 hatte die Notenbank fast zwei Jahrzehnte hohe Gewinne erzielt, die sich seit 2005 auf 20,3 Milliarden Euro summierten.
Trotz der fortlaufenden Verluste ist das Nettoeigenkapital der Notenbank im zurückliegenden Geschäftsjahr nicht nur nicht negativ geworden, es ist sogar gestiegen; und zwar um 11 Milliarden auf 60,9 Milliarden Euro. Dahinter steckt vor allem der historisch einmalige Goldpreisanstieg. Er hat zu einer höheren Bewertung der Goldreserven der EZB geführt, von 41 auf 60 Milliarden Dollar. Anders als andere Notenbanken etwa in Schwellenländern kauft die EZB allerdings kein Gold zur Aufstockung ihrer Reserven hinzu, die Menge verharrte auf 16.286 Feinunzen (31,1 Gramm). Es gibt Beispiele aus der Geschichte, dass Notenbanken auch mit einem negativen Eigenkapital weiterarbeiten können – das braucht die EZB aber also nicht. In ihren Fremdwährungsreserven trennte sich die EZB von einem kleineren Teil ihrer Dollar-Reserven zugunsten von Reserven in japanischen Yen. Das wurde mit einer technischen Rebalancierung begründet.
Die Bilanzsumme der EZB ging von 640 auf 603 Milliarden Euro zurück, einschließlich der nationalen Notenbanken sank die Bilanzsumme von 6,4 auf 6,3 Billionen Euro. Hinter diesem Rückgang steckt vor allem das Abschmelzen der gewaltigen Anleihebestände aus den Kaufprogrammen APP und PEPP. Neue Anleihen werden derzeit nicht gekauft, alte lässt man auslaufen. Bis der Berg ganz abgebaut ist, wird es noch Jahre dauern.
Source: faz.net