Nordkoreas Bedeutung wächst: Kims Plan geht uff
Bis vor sechs Jahren war Nordkorea weitgehend isoliert. Das Ausland behandelte Kim Jong-un als Persona non grata, zu Hause lag die Wirtschaft am Boden. Der UN-Sicherheitsrat hatte neue harte Sanktionen gegen das Atomwaffenprogramm verhängt, die auch Russland und China mittrugen. Die Lage schien günstig für Donald Trump in seiner ersten Amtszeit, mit Kim einen Deal zu schließen.
Aber der Diktator in Pjöngjang gab nicht nach, und er gab vor allem sein Atomwaffenprogramm nicht auf. Auch nicht, als Covid kam, er die Grenze schloss, das Kapital aus China versiegte und das Volk hungerte. Das sollte sich auszahlen. Heute steht Kim so gut da wie nie zuvor.
Von Sanktionen will Russland nichts mehr wissen
Denn damals spitzte sich Chinas Handelskrieg mit den USA zu, als Teil der wachsenden geopolitischen Auseinandersetzung der beiden Großmächte. China lockerte seine harte Hand etwas gegenüber Nordkorea, lieferte dem Nachbarland wieder mehr Nahrungsmittel und Treibstoffe. Nordkoreas Bedeutung für Peking als Pufferstaat zwischen der Volksrepublik und Südkorea mit den dort stationierten knapp dreißigtausend US-Soldaten stieg, je mehr sich das Verhältnis zu Washington verschlechterte.
Und dann geschah etwas, was die Machthaber in Pjöngjang nur als Fügung des Himmels auffassen konnten: Russland überfiel die Ukraine. Der Angriffskrieg führte nicht wie von Moskau geplant zur schnellen Einnahme Kiews. Ein langer Abnutzungskrieg begann, den Russen wurden die Granaten knapp. Früh diente sich Nordkorea den Russen als Munitionslieferant an, später schickte es noch zwölftausend Soldaten als Kanonenfutter. Im Gegenzug erhielt Kim viel Geld und militärisches Wissen.
Von Sanktionen will Russland nichts mehr wissen. Nordkorea baute seine Rüstungsprogramme aus und führte das Atomwaffenprogramm fort. Für den amerikanischen Militärgeheimdienst DIA ist Nordkorea in der „stärksten strategischen Position“ seit Jahrzehnten. Und das war noch vor dem Empfang, den die Chinesen Kim Jong-un zur Militärparade Anfang September in Peking bereiteten.
Selbst Kim Il-sung kannte so etwas nicht
Zum ersten Mal überhaupt stand Nordkoreas Machthaber an der Seite des chinesischen Staatschefs Xi Jinping und des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Kim auf gleicher Höhe mit den mächtigsten Autokraten der Welt – so eine Inszenierung strategischer Verbundenheit hat es noch nie gegeben. Überhaupt war Kim seit seiner Machtübernahme 2011 niemals auf einer multilateralen Veranstaltung dieser Größe gewesen.
Und das in der ersten Reihe, während sich die mehr als zwanzig anderen Staats- und Regierungschefs daneben und dahinter einreihen mussten. So ein Protokoll hatte selbst Kims Großvater Kim Il-sung 1959 nicht erfahren, als er in Peking irgendwo hinter Mao Tse-tung und Nikita Chruschtschow stehen durfte.
Während die Chinesen damit ein Zeichen vermeintlich gemeinsamer Stärke in Richtung Amerika senden für künftige Verhandlungen mit Trump, kann Kim seine Beziehungen zu China wieder ausbalancieren. Denn ihr Verhältnis war lange kühl, Xi hat Kim ignoriert. Nordkoreas Bündnis mit Russland wegen des Ukrainekriegs führte in China dann zu Sorge, weil es damit Einfluss in Pjöngjang verlor.

Über die meiste Zeit seiner 77 Jahre alten Geschichte war das Regime in Nordkorea versucht, die Sowjetunion und später Russland gegen China und andere Staaten auszuspielen. Es galt, eine gewisse Distanz besonders gegenüber dem übermächtigen chinesischen Nachbarn zu wahren. 2017 ließ Kim seinen Halbbruder umbringen, der zu China eigene Kanäle aufgebaut hatte und sich dorthin öffnen wollte.
In Peking begegneten sich jeweils Kim und Putin sowie Kim und Xi, es gab jedoch kein offizielles trilaterales Treffen. Eigentlich traut keiner wirklich dem anderen. „Wir werden nicht zulassen, dass das Schicksal unseres Landes den Launen ausländischer Mächte überlassen bleibt“, sagte Kim Jong-un in seiner Rede zum Feiertag der Staatsgründung, als er wieder zu Hause war. Damit dürfte er sein Volk weiter wie bisher vom Rest der Welt abschotten und sich und die Machtfamilien bereichern.
Und Nordkoreas Atomwaffenprogramm?
Südkoreanische Experten erwarten, dass Kim mit der Inszenierung in Peking auch seine Karten für Verhandlungen mit Donald Trump verbessert hat. Der amerikanische Präsident hat in den sozialen Medien kundgetan, dass er die Parade in Peking genau verfolgte. Er hat zudem bereits angekündigt, dass er Kim wieder treffen wolle. Kim aber hat dafür bisher keine Anzeichen gegeben. In den nordkoreanischen Staatsmedien aber gibt es keine persönlichen Angriffe gegen Trump selbst, was zumindest darauf deutet, dass sich das Regime die Möglichkeit eines Gipfels offenhält.
Nur eines wird bei einem Treffen mit Trump wohl nicht mehr besprochen: dass Nordkorea sein Atomwaffenprogramm aufgibt. Der amerikanische Präsident nimmt diese Forderung nicht mehr in den Mund. Russland und China gehen sogar noch weiter: Moskau äußerte kürzlich, man „respektiert“ Pjöngjangs nukleare Ambitionen. Und Peking forderte öffentlich ebenfalls keine Denuklearisierung mehr. Haben China und Russland damit Nordkorea stillschweigend als Atommacht anerkannt? Einen größeren Erfolg könnte Kim kaum für sich verbuchen. Gleich nach seiner Rückkehr aus Peking besuchte er den Triebwerkstest einer Interkontinentalrakete.
Das Nuklearwaffenprogramm ist die Überlebensversicherung seines Regimes. Erst die Atomraketen machen Kim mächtig und sein Land international bedeutsam. Auch als Nordkorea während der Covid-Pandemie weitgehend isoliert war, liefen die Waffentests und das Nuklearprogramm stets weiter. Sollten die Weltmächte irgendwann ihr Interesse an Nordkorea verlieren, kann Kim mit einem Atomtest wieder Beachtung finden. Noch scheint das aber gar nicht nötig. Momentan hat der Diktator Kim das Glück auf seiner Seite.
Source: faz.net